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DAS MÄDCHEN, DAS DIE SEITEN UMBLÄTTERT (Frankreich 2006)

von Matthias Mahr

Original Titel. LA TOURNEUSE DE PAGES
Laufzeit in Minuten. 85

Regie. DENIS DERCOURT
Drehbuch. DENIS DERCOURT . JACQES SOTTY
Musik. JÉRÔME LEMONNIER
Kamera. JÉRÔME PEYREBRUNE
Schnitt. FRANÇOIS GÉDIGIER
Darsteller. DÉBORAH FRANÇOIS . CATHERINE FROT . PASCAL GREGGORY . ANTOINE MARTYNCIOW u.a.

Review Datum. 2007-03-29
Kinostart Deutschland. 2007-05-03

Alfred Hitchcock meinte einmal sinngemäß, dass ein Film über zwei Menschen, die an einen Tisch sitzend plaudern vom Konzept langweilig ist. Ist jedoch dem Zuschauer bewusst gemacht, dass sich unter dem Tisch eine Bombe befindet, stellt sich mehr oder minder automatisch Spannung ein. Dieses Prinzip wird in LA TOURNEUSE DE PAGES zur Perfektion getrieben angewendet. Oberflächlich hätte das Drama um die Konzertpianistin (Catherine Frot), die, seelisch zerrüttet, von einer Praktikantin (Déborah François, erst kürzlich entdeckt von den Brüder Dardenne für die Hauptrolle ihres letzten Films L' ENFANT) aus der Anwaltskanzlei ihres Mannes umsorgt wird, nur wenig Spannungspotential. Doch anders als die Klavierspielerin Ariane weiß das Publikum vorab bescheid, dass ihre Gehilfin Mélanie als Kind selbst auf eine Kariere als Pianistin hoffte, das Probespiel am Konservatorium aber, von einer Unachtsamkeit Arianes außer Tritt gebracht, verpatzt hat.

Man weiß also von Anbeginn, dass Mélanies Motivation Rache ist. Zielstrebig arbeitet sie darauf hin, doch hat das Drehbuch eine Fülle von roten Heringen parat, die einem Möglichkeiten Ariane zu verletzen suggerieren, welche dann doch außer Acht gelassen werden. Es ist also schwer vorauszusehen, wie Mélanie ihren Plan umsetzten wird, der offenbar auch erst im Laufe des Films konkret zu reifen beginnt, klar ist einem nur, dass diese junge Frau sehr gefährlich ist.
Dem Cellospieler aus Arianes Konzerttrio ist dies freilich nicht bewusst. Bevor er zudringlich wird. Die Violinistin, die im entscheidenden Augenblick Zeugin des Vorfalls wird, wird die Klavierspielerin nur unbestimmt warnen, dass sie betreffs Mélanie ein ungutes Gefühl hat. Ob sie in dem Moment die Situation nicht schlüssig wahrgenommen hat, oder, wahrscheinlicher, die Grapschattacke nicht wahrhaben wollte, ist eine der zahllosen Auslassungen, die breiten Raum zur Interpretation geben. Die Charaktere bleiben immer schlüssig, ohne dass jede Nuance in den Handlungen abgeklärt wird. Wenn etwa Mélanie, die sich dem Titel gemäß, schnell auf den wichtigen Vertrauensposten einer Umblätterin gehievt hat, bei einem entscheidenden Konzert plötzlich verschwindet, herrscht hinterher betretenes Schweigen. Ein konventioneller Thriller nach Muster HAND AN DER WIEGE hätte der Schurkin nun eine Ausrede á la "Musste schnell weg, die Regel hat eingesetzt" in den Mund gelegt, um das Verzeihen des Opfers irgendwie verständlich zu machen. Doch gleich, was vorgebracht worden wäre, eine befriedigende Entschuldigung dafür ohne ein Wort zu sagen zu verschwinden, wäre das nie gewesen. Ganz anders die wortlose Konfrontation, die hier geboten wird. Ohne die Reaktion in letzter Konsequenz ergründen zu können, wirkt die Szene absolut plausibel.

Auch narrativ verzichtet Dercourt oft auf Dialoge und Erläuterung, die man konventioneller Weise erwarten würde, wegen des hier gebotenen Detailreichtums im Drehbuch wie im Schauspiel aber einfach nicht nötig sind. Das springt einem bereits zu Beginn ins Auge, wenn Mélanies Entschluss als Kind, das Klavierspiel nach ihrem Scheitern an den Nagel zu hängen, allein durch ihr Tun fixiert wird und es ist geradezu eine Wohltat, wenn der nachfolgende Zeitsprung lediglich durch eine Schwarzblende realisiert wird. Die kleine Mélanie ist geschickt gecastet und einen kleinen ersten Moment kann man vielleicht gar soweit getäuscht werden, dass man Déborah François aus der Ferne noch für ihr jüngeres Alter Ego hält, fällt ihr natürliches, ungeschminktes Auftreten doch später auch der Pianistin auf. Es ist dementsprechend gar nicht nötig, dem Zuseher mittels Insert unter die Nase zu reiben, dass jetzt so und so viele Jahre vergangen sind, wenn man selbst verfolgen kann, dass aus der kleinen Göre eine junge Frau geworden ist. Von einem herkömmlichen Film hätte man das dennoch erwarten können, dass einen dieser hier nicht derartig entmündigt macht diesen leisen, subtilen Film erst so richtig erstklassig.











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