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DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER (USA 2006)

von Martin Eberle

Original Titel. LADY IN THE WATER
Laufzeit in Minuten. 110

Regie. M. NIGHT SHYAMALAN
Drehbuch. M. NIGHT SHYAMALAN
Musik. JAMES NEWTON HOWARD
Kamera. CHRISTOPHER DOYLE
Schnitt. BARBARA TULLIVER
Darsteller. PAUL GIAMATTI . BRYCE DALLAS HOWARD . BOB BALABAN . SARITA CHOUDHURY u.a.

Review Datum. 2006-07-27
Kinostart Deutschland. 2006-08-31

Wie abgewichst, wie marode und medioker unsere Wahrnehmung ist, wird erst dann so richtig deutlich, wenn man sieht, schmeckt, spürt, wie es auch anders geht. Das kann nun beim Essen sein, wenn man das erste Mal in seinem Leben eine Gurke aus biologischem Anbau isst und plötzlich merkt, dass die ja einen ganz eigenen Geschmack hat. Das kann aber auch im Kino sein, wenn man nach langer, langer Zeit einen Film sieht, der einen ganz eigenen Stil und Charakter hat und einen bewegen und mitreißen kann.
Solch einen Film hat M. Night Shyamalan gerade ins Kino gebracht.
DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER ist eine mystisch angehauchte Geschichte, ein Geschichtchen eher, um die Wassernymphe Story (!), die unter dem Pool eines Wohnblocks namens The Cove (!!) wohnt, und mit Hilfe der Bewohner, ganz besonders der eines Autoren (!!!), einen Weg zurück in ihr Heimatreich finden muss.
Bedroht von einem bösartigen Monster findet das fragile Wasserwesen (sehr schön: Bryce Dallas Howard) Zuflucht beim Hausmeister Cleeveland Heep (Paul Giamatti, der versucht, einen Stotterer zu geben). Dieser mobilisiert die bunt zusammengewürfelte Hausgemeinschaft, um Story zu helfen.
Die Geschichte ist alles andere als kompliziert erzählt. Sie spielt an einem einzigen Ort, hat eine überschaubare Anzahl an Protagonisten und sie hört einfach nach dem Showdown auf. Eine Geschichte übrigens, die Shyamalan angeblich seinen Töchtern immer wieder zum Einschlafen erzählt. Hier funktioniert sie als eine Fingerübung, mit der Shyamalan elegant vorführt, wie gut und wie einfach Kintopp funktionieren kann.
Ein kleines Beispiel: Dialoge, die, ohne ständig zum Schnitt-Gegenschnitt Standardverfahren zu greifen, in einer einzigen Einstellung gezeigt werden, einer der Sprechenden also im off bleibt. Eigentlich ein ganz simples Stilelement! Aber so einfach es ist, so ungewöhnlich ist es auch. Ebenso der Kniff, einfach nach dem Showdown aufzuhören! Das macht sonst keiner! In jeder Sitcom, in jedem TATORT, in jeder Hollywoodproduktion wird der Zuschauer nach der Klimax wie ein kleines Kind an der Hand genommen und zurück in das normale Leben geführt. Die ritualisierte Zigarette danach. Muss sein, sonst meutert vielleicht das Publikum.

So wird einem deutlich, wie tief die ausgelatschten Pfade sind, in denen das zeitgenössische Unterhaltungskino vor sich hin trottelt.
Auch inhaltlich benutzt Shyamalan seinen Film zu einer Abrechnung sowohl mit dem konventionellen Film, der sich erzählerisch chronisch im Mittelmaß suhlt, als auch der Rezeption seiner Konsumenten, die nach jahrelangem Güllesaufen von seelenloser Industriejauche á la Bruckheimer anderes als filmisches Fastfood nicht mehr ertragen können oder wollen.
So ist es dann auch der in den Wohnblock neu eingezogene Filmkritiker, der zwar ohne jede Bosheit aber eben auch ohne jede weitergehende Fantasie, also mit einer professionellen Beschränktheit die Situation und die Charaktere nach dem ewig gleichen Film- bzw. Storyline-Schema analysiert und damit schwer daneben liegt, so dass Story, die zarte Wassernymphe, bzw. eben auch die Story, das zarte Ideenkonstrukt, fast getötet wird.

Ja, es geht schon schwerst metaphorisch zu, in diesem Film. Da winkt jemand nicht mehr mit dem Zaunpfahl, das ist schon ein halber Limes, der auf die Bedeutung verweist.
Diese Überdeutlichkeit könnte nerven. Tut es aber nicht, denn selbst die Figuren, die quasi nach ihren Funktionen benannt sind, werden ernst genommen, sind keine puren Vehikel, um den Plot zu transportieren. Interessant ist dabei, dass Shyamalan sich selbst auch einige Blößen gibt, indem er sich zum Beispiel als Schauspieler relativ groß in den Film hineinschreibt, noch dazu mit einer messianischen Rolle. Ausserdem attackiert er die Zunft der Filmkritiker überdeutlich und recht rüde, nahezu körperlich.... warum?

Sind das Köder, nach denen wir schnappen sollen? Die Momente, auf die wir mit einem Beißreflex reagieren sollen? Um dadurch zur Selbsterkenntnis geführt zu werden, wie einfach wir gestrickt sind? Wie einfach es aber auch sein kann, die Konventionen zu brechen und dabei einen wunderschönen, kleinen Film schaffen?
In dem Fall ist DAS MÄDCHEN AUS DEM WASSER ein Schulfilm, der idealtypisch zeigt, wie die Traummaschine zum Schnurren gebracht wird. Handwerklich perfekt spielt Shyamalan auf der Klaviatur der Gefühle, erzeugt Spannung, Angst, Mitgefühl, man muss lachen, man muss weinen, all dieser Aufwand nur, um uns zu zeigen, wie versaut wir durch das Maintreamkino bereits geworden sind. Bei mir hat's geklappt.
Prädikat: pädagogisch wertvoll!











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