AFTER DARK Film TALK Facebook Twitter

das manifest¬  kontakt¬  impressum¬  verweise¬  übersicht¬ 
[   MEINUNGSMACHER  |   GEDRUCKTES IST TOT  |   KAPITELWAHL  |   UNENDLICHE TIEFEN
   MENSCHEN  |   GESPRÄCHE  |   FEGEFEUER DER EITELKEITEN  |   MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN   ]
MEINUNGSMACHER

LOVE IS STRANGE (USA 2014)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. LOVE IS STRANGE
Laufzeit in Minuten. 98

Regie. IRA SACHS
Drehbuch. IRA SACHS . MAURICIO ZACHARIAS
Musik. SUSAN JACOBS
Kamera. CHRISTOS VOUDOURIS
Schnitt. AFFONSO GONÇALVES . MICHAEL TAYLOR
Darsteller. JOHN LITHGOW . ALFRED MOLINA . MARISA TOMEI . CHARLEY TAHAN u.a.

Review Datum. 2014-03-12
Kinostart Deutschland. direct-to-video

LOVE IS STRANGE erinnerte mich auf angenehme Weise an Nicole Holofceners GENUG GESAGT: Wie Holofcener bedient sich auch Ira Sachs einer Prämisse, die in ihrer Konstruiertheit und eingebauten Komik wie das Konzept für eine Sitcom anmutet. Und wie Holofcener gewinnt auch Sachs aus dieser Grundkonstellation echte, kluge Einsichten in Liebe, Beziehungen und noch einiges mehr.

Im Zentrum des Films stehen Maler Ben (John Lithgow) und Musiklehrer George (Alfred Molina). Nach fast 40 Jahren Beziehung können sie endlich legal heiraten, was allerdings ungeahnte Konsequenzen nach sich zieht: George verliert seine Stelle an einer katholischen Schule (obwohl seine Beziehung zu Ben seit Jahren Schulverwaltung wie Eltern bekannt ist) und nur von den wenigen privaten Musikstunden, die er weiterhin gibt, und Bens Rente können die beiden ihr New Yorker Apartment nicht halten. Sie verkaufen es und kommen für die Dauer der Suche nach einem neuen Dach über dem Kopf bei Freunden und Verwandten unter - allerdings, aus Platzgründen, getrennt voneinander. Ben wohnt bei seinem Neffen (Darren E. Burroughs) und seiner Frau Kate (Marisa Tomei), im Kinderzimmer ihres Sohnes. George bleibt bei einem befreundeten Polizistenpärchen.

Es mag ein wichtiger gesellschaftspolitischer Anlass (die, bei allen Fortschritten der letzten Jahre, noch immer irgendwie fest verwurzelte, teils institutionalisierte Homophobie der US-amerikanischen Gesellschaft) sein, der die Handlung von LOVE IS STRANGE in Gang bringt, doch die Themen und Probleme, mit denen der Film sich im Laufe dieser Handlung beschäftigt, sind größtenteils zwischenmenschlicher, privater Natur. Es geht um die Probe, auf die Bens und Georges Beziehung durch ihre temporären, neuen Lebensumstände gestellt wird, aber auch um die Auswirkungen auf ihre Freunde und Familien.

Bis all das aber wirklich spürbar wird, dauert es seine Zeit. Eine ganze Weile plätschert LOVE IS STRANGE scheinbar ziellos vor sich hin. Untermalt von einem vom Gezeigten mehr oder weniger losgelösten Chopin-Soundtrack führt Regisseur Ira Sachs uns von einer meist leidlich komischen, aber, auf den ersten Blick, belanglosen Situation in die nächste und stellt dabei manche Nebenfiguren, allen voran Marisa Tomeis Kate und ihren Sohn Joey (Charley Tahan), genauso oft in den Mittelpunkt wie Ben und George. Zeitweise ist das etwas irritierend. Nachdem in den ersten zehn Minuten die Beziehung der beiden Protagonisten etabliert und eindrucksvoll die Chemie der Hauptdarsteller zur Schau gestellt wurde, trennt Sachs sie, rückt George gar in den Hintergrund, und konzentriert sich stattdessen auf Bens Interaktionen mit seinem eher nervtötenden Großneffen und der passiv-aggressiven Kate.

Doch die Summe ist hier größer als die einzelnen Teile: In der Akkumulation scheinbarer Belanglosigkeiten und trivialer Problemstellungen, im Kontrast zwischen Ben und Georges Gebaren in den vergleichsweise langen Perioden der Trennung und den seltenen, kurzen Wiedersehen, in subtilen Andeutungen über die Beziehungen der Nebenfiguren porträtiert Sachs romantische, freundschaftliche und familiäre Beziehungen als - um es mit Homer Simpson zu sagen - den Ursprung und die Lösung aller menschlichen Probleme. George und Bens Beziehung verlangt auf beiden Seiten Opfer und Arbeit, bringt, zumindest in der im Film gezeigten Phase, mehr Leid als Freude mit sich - und doch ist sie, auch das arbeitet Sachs heraus, auch ein kleines Wunder, eine Art von Arbeit, die irgendwie ihr eigener Lohn ist.

Und genauso wie George und Ben müssen sich auch die anderen Charaktere immer wieder aufs Neue zu den Protagonisten und zueinander bekennen. Gerade die wie erwähnt anfangs schwierigen Figuren Kate und Joey werden im Laufe des Films zu wichtigen emotionalen Ankern des Films. Das ist der sorgsamen, vielschichtigen Entwicklung der Charaktere im Laufe des Drehbuchs von Sachs und Co-Autor Mauricio Sacharias zu verdanken, in gleichem Maße aber auch den Darstellern. Molina und Lithgow sind die Stars des Films und es ist eine Freude, den beiden - besonders, wenn sie zusammen zu sehen sind - zuzusehen, doch Tomei und der junge Tahan liefern ebenfalls beeindruckende und für das Gelingen des Films essentielle Performances.

Das Ende des Films gehört dann letztlich auch allein Joey, eine Tatsache, die man so über weite Strecken eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Dieses Ende, leise überwältigend, lakonisch emotional, muss man sich verdienen — als Autor und Regisseur, wie Sachs es mit seiner subtilen Inszenierung und seinem klugen Drehbuch schafft, aber auch als Zuschauer: LOVE IS STRANGE fordert Geduld, Einsatz, auch Arbeit von seinem Publikum - wie eine Beziehung eben.











AFTER DARK Film TALK | Facebook | Twitter :: Datenschutzerklärung | Impressum :: version 1.11 »»» © 2004-2018 a.s.