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LITTLE JOE (USA 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. LITTLE JOE
Laufzeit in Minuten. 87

Regie. NICOLE HAEUSSER
Drehbuch. NICOLE HAEUSSER
Musik. JOHN FRUSCIANTE
Kamera. CHRISTOS MOISIDES
Schnitt. KAREN SMALLEY
Darsteller. JOE DALLESANDRO u.a.

Review Datum. 2009-03-18
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Irgendwie hat man sich das ja immer schon gedacht: Ein Kuss ist ein Kuss, egal, ob man daheim in der abgedunkelten Stube hockt oder umringt ist von dutzenden Menschen an einem geschäftigen Filmset. When you kiss, you kiss. There's no acting. Das von einem, der es wissen muss: Joe Dallesandro, größter Star aus Andy Warhols Factory, Hauptdarsteller von Filmen wie FLESH, TRASH oder BLOOD FOR DRACULA, schönster Mann der Welt, Pionier männlicher Nacktfotografie, ergo Schwulen-Ikone und überhaupt einer der charismatischsten Bastarde unter der Sonne.

Die deutschstämmige Regisseurin Nicole Haeusser hat einen Film über ihn gemacht, oder besser: er mit ihr über sich. Die zuerst anvisierten Produzenten, erzählt Haeusser, hätten sie bedrängt, auf Dallesandros Tod zu warten, danach käme eine solche Hommage eindeutig besser an. Also doch lieber selber produzieren, zusammen mit Joe höchstpersönlich. Das Konzept ist denkbar einfach, man möchte nicht sagen: bieder, dazu ist das Ergebnis nämlich zu schön. In diversen Interviews erzählt Joe – und zwar ausschließlich Joe – sein Leben, brav chronologisch, an je erwartbarer Stelle ausführlich (Warhol) oder gedrängt (die 90er), garniert mit liebevoll handgemachten Animationssegmenten, unzähligen Fotos, Zeitungs- und Filmschnipseln, privaten Super-8-Aufnahmen und sonstigen glücklichen Fundobjekten. Beim Monologisieren posiert er vor einigermaßen rätselhaften Hintergründen: unordentlichen Malerateliers, zugigen Veranden und Fensterrahmen, von denen die Farbe abblättert. Wohnungen von Freunden sind es wohl allesamt; Dallesandro selbst führt heutzutage ein Hotel in Downtown Hollywood, eine Transitstation, wie vieles in seinem Leben eine war.

Gemütlich quasselt er drauflos, mit raspeligem Bariton, wie ein Wolf, der keine Kreide braucht, um seine Zuhörer einzulullen: von seiner Kindheit im getrennten Elternhaus, von ersten öltriefenden Fotos in Sportmagazinen, von den Dreharbeiten mit seinem väterlichen Mentor Paul Morrissey. Von Deutschland, wo man Warhols Transvestiten einfach nur für sehr hässliche Frauen gehalten hat und die Filme allen Ernstes für Kunst, von seiner kurzen Phase als Darling französischer Autorenfilmer (Malle, der ein beschissenes Drehbuch und Rivette, der gar keins hatte). Von anderthalbminütigen Orgasmen dank Überdosis, von endlosen Saufgelagen mit Serge Gainsbourg, vom Selbstmord seines Bruders und schlechtem Sex mit seiner größten Liebe. Überhaupt sehr viel von Sex, den er eigentlich immer und überall und mit jedem gehabt hat, einfach nur, weil er dachte, das müsse so sein, genauso wie er sich immer nur deswegen ausgezogen hat, weil irgendwer gesagt hat: Joe, zieh dich mal aus. In solchen Momenten merkt man jene kopflose Naivität durchschimmern, die ihm die olle Giftspritze Lou Reed später gern vorgeworfen hat. "Walk on the Wild Side" wird trotzdem gespielt, mehrfach sogar.

Weniger offensichtlich als die Musik- (im Abspann läuft gar ein scheußlicher norwegischer Popsong, bloß, weil er Joes Namen im Titel hat) ist die Wahl der Filmauschnitte, die die großen Underground-Klassiker gleichberechtigt neben derbsten Italo-Schrott aus den 70ern stellt. Schön schäbig ist die Qualität dieser Exzerpte, verwaschene Video-Prints mit WDR-Logo in der Ecke oder dicken griechischen Untertiteln, was weniger einem ästhetischen Konzept als der allgemeinen Verfügbarkeit geschuldet sein dürfte. Die Fotos hingegen erstrahlen ganz in alter Glorie und erschlagen einen auch heute noch mit ihrer makellosen, entwaffnenden Schönheit. Dass man nach anderthalb Stunden Joe, Joe und nochmals Joe immer noch nicht den Eindruck eines gigantischen Egotrips hat, ist allein der selbstironischen Gelassenheit des Erzählers geschuldet, dem man herzlich gern eine Weile beim Reminiszieren lauscht. Hinterher hat man mit etwas Pech sogar noch einen Ohrwurm von dem doofen Abspannsong, da heißt es immer wieder: I'll never let you go, Joe Dallesandro. Es ist wohl eher umgekehrt.











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