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DIE LINCOLN VERSCHWÖRUNG (USA 2010)

von Benjamin Hahn

Original Titel. THE CONSPIRATOR
Laufzeit in Minuten. 120

Regie. ROBERT REDFORD
Drehbuch. JAMES D. SOLOMON
Musik. MARK ISHAM
Kamera. NEWTON THOMAS SIGEL
Schnitt. CRAIG MCKAY
Darsteller. JAMES MCAVOY . ROBIN WRIGHT . KEVIN KLINE . TOM WILKINSON u.a.

Review Datum. 2011-08-14
Kinostart Deutschland. 2011-09-29

Der neue Film von Robert Redford ist ein politisches Statement, darüber wird sich kaum streiten lassen können: Wer in einer Zeit internationalen Terrorismus, dem Erstarken der amerikanischen Rechten und der weltweiten Erosion von Freiheit zugunsten einer immer tiefer in die Privatsphäre eindringender Überwachungskultur einen Film über den skandalösen und unfairen Prozess gegen die vermeintliche Mitwisserin in einer der zentralen amerikanischen Tragödien dreht, der hat eine Agenda. Und in der Tat gelingt es Redford, dass man Sympathie für die scheinbar so eiskalte Frau entwickelt, die da auf der Anklagebank sitzt, sprachlos ist über den Schauprozess, der ihr gemacht wird und sich wieder daran erinnert, dass jeder Mensch - egal wie verdächtig er zu sein scheint und egal wie zweifelhaft seine Unschuldsbehauptung auch sein mag - das Recht auf einen fairen und rechtstaatlichen Prozess verdient hat.

Dass dieser Film diese Erkenntnis nicht gerade mit subtilen Mitteln zutage fördert, ist dabei verzeihlich, denn mit diesem Holzhammer könnte er sein Anliegen, nämlich die einprägsame Vermittlung von Menschenrechten, einem möglichst breiten Publikum nahebringen. Weniger verzeihlich aber ist es, dass er das nicht kann, weil er es auf die sehr konventionelle und wenig spannende Weise eines Gerichtsdramas im Gewand eines Historienfilms tun will. Zwar hat es sich die hinter dem Film stehende Produktionsfirma THE AMERICAN FILM COMPANY zur Aufgabe gemacht, möglichst akkurate und geschichtlich genaue Historienfilme zu produzieren und auch Drehbuch-Autor James Solomon war an einer möglichst originalgetreuen Dialogschlacht im Gerichtssaal gelegen, aber zumindest die Inszenierung hätte sich gewisse Freiheiten nehmen können. Stattdessen aber bleibt die Regie von Robert Redford viel zu konventionell, was gerade bei diesem Stoff zu einigen spürbaren Längen führt und das Publikum auf einen kleinen Kreis von Historienfilm-Liebhabern begrenzen wird - angesichts seiner enorm wichtigen Botschaft ein wahres Ärgernis. Es hätte ja nicht gleich der Stil von BOSTON LEGAL sein müssen, aber zumindest ein bisschen mehr Einfallsreichtum.

Seine erschreckend langweilige Konventionalität ist aber nicht nur der dadurch nur wenigen Zuschauern vermittelbaren Botschaft wegen ärgerlich, sondern auch wegen des verschenkten Potentials seiner Schauspieler: Bis in kleinste Nebenrollen hinein ist DIE LINCOLN VERSCHWÖRUNG brillant besetzt, aber was Redfords Regie aus ihnen herausholt, das fällt meist eher in die Kategorie "wenig erinnerungswürdig". Lediglich das Gespann an der Spitze, bestehend aus Robin Wright, die die Angeklagte Mary Surratt spielt, und James McAvoy, der ihren unfreiwilligen Verteidiger mimt, sind wirklich große Klasse und liefern hier mitunter sehr bewegende Leistungen ab. Der restlichen, hochkarätigen Besetzung jedoch räumt Redford viel zu wenig Raum ein: Kevin Kline als Kriegsminister Stanton darf zwei, drei Mal den wütenden Mob personifizieren; Evan Rachel Wood als Tochter der Angeklagten bekommt eine emotionale Szene, wirkt aber ansonsten eher unbeteiligt; Tom Wilkinson spielt den väterlichen Freund von McAvyos Charakter und wird zusehends aus dem Drehbuch geschrieben und selbst Alexis Bledel, die zwar noch nicht allzu viel Leinwanderfahrung hat, mit ihrer Rolle der Rory in GILMORE GIRLS aber unter Beweis gestellt hat, dass sie Hauptrollen tragen kann, wird hier zum love interest degradiert, der immer nur dann auftaucht, wenn es dem Film gerade passt und dann auf einmal - ähnlich wie Tom Wilkinsons Charakter - spurlos verschwunden ist. Weder Drehbuch, noch Regie machen irgendetwas aus den Talenten, die sie zur Verfügung haben. Und sie machen auch nichts aus dem Stoff selbst, sondern liefern ein schnödes Gerichtsdrama ab, das man so schon viel zu oft gesehen hat.

Dabei kann es durchaus gelingen, solche Stoffe historisch akkurat und dennoch spannend umzusetzen, wie es z.B. Romuald Karmakar mit seinem DER TOTMACHER unter Beweis gestellt hat. Aber wo Karmakar sich ganz auf den Dialog verlässt und seinen Schauspielern im Rahmen der Möglichkeiten eines Kammerspiels erstaunlich viel Raum bietet, um mit ihren Figuren zu arbeiten, folgt Redford den Konventionen des Hollywoodkinos: Aussagen werden nicht für sich stehen gelassen, sondern in imaginierten Flashbacks zum Leben erweckt, der Prozess nur auszugsweise gezeigt und von den Recherchen des von McAvoy gespielten Anwalts unterbrochen, etc. - immer dann, wenn sich aus dem Prozess heraus eine innere Spannung entwickelt, wissen Regisseur Redford und Autor Solomon diese gleich wieder zu zerstören, weil sie beide kein Vertrauen in ihre eigene Geschichte haben, sondern meinen, dass sie mit immer neuen Reizen und den Schauwerten eines opulent ausgestatteten Historienfilms ihre Zuschauer bei Laune halten müssten. Dass das aber nicht aufgehen kann in einem Film, der sich einerseits historischer Genauigkeit und andererseits nahezu sklavisch den Konventionen seines Genres verpflichtet fühlt, kommt den beiden nicht in den Sinn.

So bleibt am Ende nichts weiter übrig als die Einsicht, dass vieles an diesem Film schlichtweg verschenkt ist, weil die Regie so müde und einfallslos und das Drehbuch so konventionell daherkommt. Schade!











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