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THE LAST DAYS OF EMMA BLANK (Niederlande/Belgien 2009)

von Andreas Neuenkirchen

Original Titel. DE LAATSTE DAGEN VAN EMMA BLANK
Laufzeit in Minuten. 90

Regie. ALEX VAN WARMERDAM
Drehbuch. ALEX VAN WARMERDAM
Musik. ALEX VAN WARMERDAM
Kamera. TOM ERISMAN
Schnitt. JOB TERBURG
Darsteller. MARLIES HEUER . GENE BERVOETS . EVA VAN DE WIJDEVEN . ALEX VAN WARMERDAM u.a.

Review Datum. 2010-11-23
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Wie weit und wie lang ist man bereit sich zu erniedrigen, wenn nach der Erniedrigung das Versprechen eines besseren Lebens lockt? Und kann man überhaupt wieder hochkommen und aufrecht stehen und gehen, wenn man erst einmal ganz unten gewesen ist? Diese Fragen verhandelt der niederländische Filmemacher und Schauspieler Alex van Warmerdam (NOORDERLINGEN) in seiner schwarzen Gesellschaftskomödie THE LAST DAYS OF EMMA BLANK im Mikrokosmos eines abgeschiedenen, mittelprächtigen Anwesens in den holländischen Dünen. Hier lebt die Titelfigur, aber nicht mehr lange. Emma Blank ist schwer krank und wird bald tot sein. In ihren letzten Tagen setzen Familie und Personal alles daran, ihr alles recht zu machen. Nicht, weil sie so gute Menschen wären. Emma ist es schließlich auch nicht. Es möchte aber niemand seinen Platz im Testament gefährden. Das weiß die Sterbende auszunutzen und auszukosten. Ihr Mann muss auf Kommando einen falschen Schnurbart tragen, wenn ihr danach ist. Das Küchenpersonal hat zum Frühstück schwer Bekömmliches zu servieren und wird gemaßregelt, wenn es nicht bekommen ist. Theo ist verdonnert 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche buchstäblich wie ein Hund zu leben. Das Hausmädchen muss mit ihm Gassi gehen.

Wer hier mit wem in welcher Weise verwandt ist oder in welchem anderen Abhängigkeitsverhältnis steht, ist nicht von vornherein offensichtlich. Nach und nach enthüllt die Geschichte ihre Hintergründe, und zwar beiläufig, ohne großes Trara. In einem Film, der mehr von Beziehungen als Ereignissen erzählt, hängt vieles von den Schauspielern ab. Und dort hängt es ihn diesem Falle genau richtig. Die Darsteller wissen, wie man ein Geheimnis bewahrt, ohne den Zuschauer zu langweilen. Erstaunlich dabei: Auch wenn man mit dem niederländischen Kino nicht auf jij en jij ist, kommen einem diese Leinwandmenschen seltsam bekannt vor. Eva van de Wijdeven, Darstellerin der Tochter Gonnie, hat in ihrem zornigen Stolz etwas von der jungen Jamie Lee Curtis. Hundemann Theo (Regisseur, Autor und Komponist Alex van Warmerdam) könnte das Kind der Liebe von Nick Nolte und Tom Waits sein. Marlies Heuer und Gene Bervoets als Mr. & Mrs. Blank haben die grausige und faszinierende aristokratische Aura, wie man sie bei Patriarchen und Matriarchinnen im Spätwerk von Claude Chabrol findet.

Chabrol ist dann auch der Vergleichswert, der einen für den längsten Teil des Films einfällt. Für den Anfang, an dem man sich seinen eigenen Reim auf das seltsame Treiben im Landhaus machen muss, und für den Mittelteil, in dem einiges klarer wird. Die Inszenierung verlässt sich dabei mit Fug und Recht auf die Darsteller und das Ambiente, ohne mit dramatischen Kameraeinstellungen, wilden Schnitten oder lauter Musik dem Zuschauer irgendwas einzuhämmern, was er sich auch alleine denken kann, wenn man ihn lässt.
Das alles ist so klug, dass THE LAST DAYS OF EMMA BLANK sich im letzten Akt selbst überlistet und keine angemessen kluge Auflösung findet. Eingeleitet wird das Finale von einer überraschend gemeinten Enthüllung, die tatsächlich nicht so überraschend ist, wie der Film meint. Dann drohen die Ereignisse vorübergehend in eine Thriller-Klamotte mit Mord und Totschlag abzurutschen. Die Geschichte fängt sich zwar wieder, aber im letzten Bild gönnt sie nur einer der überlebenden Figuren einen befriedigenden Abschluss dieses Kapitels ihres Lebens und eine zumindest vage Zukunftsperspektive. Man muss ja nicht für die Rettung dieser Menschen plädieren; jeder liegt halt, wie er sich bettet. Aber der Film verlässt sein Ensemble so plötzlich und mittendrin, wie er es anfangs vorgestellt hatte. Das kann man als künstlerische Konsequenz lesen, es könnte aber genauso gut kreative Verlegenheit sein. Schaurig-schön war es trotzdem.











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