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KNOWING (USA 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. KNOWING
Laufzeit in Minuten. 115

Regie. ALEX PROYAS
Drehbuch. RYNE PEARSON . JULIET SNOWDEN . STILES WHITE . STUART HAZELDINE
Musik. MARCO BELTRAMI
Kamera. SIMON DUGGAN
Schnitt. RICHARD LEAROYD
Darsteller. NICOLAS CAGE . CHANDLER CANTERBURY . ROSE BYRNE . LARA ROBINSON u.a.

Review Datum. 2009-03-21
Kinostart Deutschland. 2009-04-09

Über die Schrift der Apokalypse heißt es in der Bibel, dass sie im Munde süß wie Honig schmecke, im Magen aber bitter sei. Eine perfektere Beschreibung gibt es nicht für KNOWING, der die längste Zeit gar köstlich mundet, im Abgang aber schlichtweg zum Kotzen ist. Reicht das, so als vollwertige Filmkritik? Nein? Okay, dann ein wenig ausführlicher.

In KNOWING besteht die Schrift der Apokalypse aus einem Zahlencode, den ein kleines, missmutig dreinblickendes Mädchen im Jahr 1959 auf einen Zettel kritzelt; Lucinda heißt sie und ist damit schon namentlich als eine Hellsichtige ausgewiesen. Der Zettel wird im Rahmen eines Schulprojekts, wo Kinder ihre Vorstellungen von der Zukunft malen sollen, in einer Zeitkapsel unterm Pausenhof verbracht und fällt, als selbige 50 Jahre später feierlich gehoben wird, in die Hände von Caleb Koestler (Chandler Canterbury). Calebs Vater John, der zu gleichen Teilen Astrophysiker, Witwer, heimlicher Säufer und Nicolas Cage ist, findet heraus, dass sich hinter den scheinbar willkürlichen Zahlenkolonnen die Daten sämtlicher großer Katastrophen des letzten Halbjahrhunderts verbergen – plus einiger, die noch in der Zukunft liegen. Wird John sie verhindern können? Und wichtiger noch: Was passiert, wenn die Zahlen enden?

Was in der oberflächlichen Beschreibung klingt wie das jüngste abgedroschene Mystery-Garn von der Rolle, entpuppt sich zunächst als wunderbar nostalgischer Streifzug durch den Garten des Unheimlichen: Der Prolog, der sicher nicht zufällig im ersten Ausstrahlungsjahr der TWILIGHT ZONE angesiedelt ist, evoziert mit seinen matten Farben und diffus gestörten Kindern den Paranoiagrusel der Fünfziger, wogegen die aktuellen Settings das trügerische Neuengland-Idyll eines Stephen King nachzeichnen: Hier der Campus des MIT, der in majestätisch goldenem Herbstlaub erstrahlt – dort das sanierungsbedürftige, nebelumwölkte Koestler-Anwesen, irgendwo im tiefsten Wald, das die bürgerlich-amerikanisierte Tradition des gothic mansion aufruft. Schwer lastet die Vergangenheit auf diesem Haus, wo Caleb sich im gedrängten Giebelzimmer allabendlich ein Video der toten Mutter ansieht, während John parallel dazu im unverputzten Wohnkeller den Bourbon auspackt. Zwar ist Cages Performance mal wieder jenseits von gut und böse – allein für seine klischeetriefende Darstellung des zitterhändigen Alkis müsste man ihm den Oscar für LEAVING LAS VEGAS nachträglich aberkennen, von seiner hirnschalenförmigen METALUNA 4-Frisur mal ganz zu schweigen –, aber die inszenatorischen Qualitäten den Films sind über derlei Makel deutlich erhaben.

Alex Proyas, der nach I, ROBOT von 2004 seine bis dato längste Schaffenspause eingelegt hatte, erweist sich einmal mehr als Meister visueller Stimmungserzeugung, skizziert mit schleichender Kamera, die die Figuren aus der Ferne belauert, eine Atmosphäre namenloser Bedrohung, die in der ersten Katastrophensequenz – einem Flugzeugabsturz mitten auf dem Highway – fulminant zum Ausbruch kommt: In lange, schwankenden Takes läuft John durch die aufragenden Trümmer; Regen peitscht, brennende Menschen wälzen sich schreiend am Boden, dann eine Explosion. Es ist eine infernalische Szene, die ein Gefühl von rasender Unmittelbarkeit generiert, ohne dafür in stupides Kameragerüttel verfallen zu müssen; auch hier ist Proyas altmodisch im besten Sinne, setzt lieber auf sorgfältig konstruierte Mini-Plansequenzen als auf eine sich totgaloppierende Schnittfrequenz.

Allein, was nützen all die schönen Regietugenden, wenn das Drehbuch nicht Schritt hält? Zu Anfang verläuft der Plot noch gut geölt entlang der Spielberg-Shyamalan-Achse (inklusive Vater-Sohn-Beziehung im Trauerschock und Glaubenskrise eines verbitterten Atheisten), streut Bibelreferenzen und Terrorismuspanik, die er sodann geschickt ins Leere laufen lässt – schließlich ist nichts so beängstigend wie das ganz und gar Unerklärliche. Dass der Film es dabei aber nicht belassen kann und doch noch auf handelsüblichen paranormalen Mindfuck zielt, ist ein erstes Anzeichen dafür, dass hier bald etwas ziemlich schief laufen wird: Caleb wird plötzlich von dunklen Männern heimgesucht, die ihm mysteriöse schwarze Steine in die Hand drücken; John macht Lucindas Tochter Diana (Rose Byrne) ausfindig und weiht sie in das Geheimnis ihrer Mutter ein, was auf Dauer zu vielen öden Schreiereien und Missverständnissen führt; Dianas Tochter wiederum beginnt, in ihrem Kopf seltsame Flüsterstimmen zu hören – und je mehr Elemente sich auftürmen, die am Ende irgendwie einen Sinn ergeben müssen, desto tiefer rutschen einem in böser Vorahnung die Eier in die Schuhe.

Tatsächlich ist der Endspurt von KNOWING ein bisschen so, wie einem Lemming beim Strandspaziergang zuzuschauen: Man weiß irgendwie, dass er gleich baden geht und ist trotzdem auf sein Absaufen nicht vorbereitet. Es ist sinnlos, hier ohne massive Spoilerei über das Finale sprechen zu wollen, das von jener Art ist, bei der man vor lauter Wut, Enttäuschung, Fremdscham und unfreiwilliger Belustigung eine Gänsehaut unter den Fußsohlen bekommt. Der Film geht dort mit einer Vehemenz und Gründlichkeit in die Binsen, die seinen überwiegend erfreulichen Rest beinah vergessen macht: Schauspiel wird plötzlich zu Schmierentheater, der fein nuancierte Score von Marco Beltrami zu röhrendem Crescendolärm, und Proyas' Inszenierungskunst versinkt in einer tumben Effekt-Apokalypse, die wahrlich bitter im Magen liegt. Ironie des Schicksals: Am Ende wird der Film selbst zu einer jener Katastrophen, von denen er erzählt.











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