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THE KING'S SPEECH - DIE REDE DES KÖNIGS (Großbritannien/Australien 2010)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. THE KING'S SPEECH
Laufzeit in Minuten. 118

Regie. TOM HOOPER
Drehbuch. DAVID SEIDLER
Musik. ALEXANDRE DESPLAT
Kamera. DANNY COHEN
Schnitt. TARIG ANWAR
Darsteller. COLIN FIRTH . GEOFFREY RUSH . HELENA BONHAM CARTER . GUY PEARCE u.a.

Review Datum. 2011-01-27
Kinostart Deutschland. 2011-02-17

Einen Stotterer zu spielen, besonders dann, wenn dieser als Protagonist einen ganzen Film tragen muss, dürfte auch für den geübtesten Schauspieler eine enorme Herausforderung darstellen, sollte er doch dem Zuschauer gleichzeitig zu verstehen geben, wie sehr die Figur unter dem Stottern leidet und doch mit den so begrenzten Mitteln noch charismatisch genug sein, um das Interesse des Publikums über die volle Länge des Films aufrechtzuerhalten (und vor allem natürlich lächerliches Overacting vermeiden). Diese Gradwanderung fordert THE KING'S SPEECH von Colin Firth ein - eine Aufgabe, die er mit Bravour meistert und damit den Grundstein für einen fantastischen Film legt.

Firth spielt den englischen König George den VI., genannt Bertie, der nach mehreren gescheiterten Versuchen auf Drängen seiner Frau Elizabeth (Helena Bonham Carter) einem neuen Therapieversuch bei dem unkonventionellen Sprachtherapeuten Lionel Logue (Geoffrey Rush) zustimmt. THE KING'S SPEECH beginnt 1925, als Bertie daran scheitert, die Abschlussrede für die Empire-Ausstellung im prall gefüllten Wembley-Stadion zu halten und endet, nachdem Bertie nach dem Tod seines Vaters (Michael Gambon) und dem Abdanken seines Bruders (Guy Pearce) unerwartet zum König wurde, mit seiner Rede zu Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939. Doch der Film ist kein politischer und die historischen Ereignisse bilden lediglich den Rahmen für eine persönliche, beinahe intime Geschichte um Freundschaft und den Umgang mit eigenen Unsicherheiten.

Firth spielt Bertie als einsamen, von Selbstzweifeln geplagten Mann, der die Konventionen der Monarchie sowie das Auftreten seines Vaters so verinnerlicht hat, dass er kaum zu eigenen Gedanken und Entscheidungen fähig ist. Sowohl seine Reaktion auf das Abdanken seines Bruders wegen der Liebe zu einer geschiedenen Frau wie sein Zustimmen daraufhin, selbst König zu werden, wirken ferngesteuert, er handelt so, weil es "sich eben so gehört". Sein Stottern ist Ausdruck eben davon: Er ist gezwungen, gewichtige Entscheidungen zu treffen und Urteile zu fällen, fühlt sich dem aber nicht gewachsen. Ihm gegenüber steht Geoffrey Rush - mit einer ebenfalls hervorragenden Performance - als Logue, der in Inhaltsangaben gerne als "exzentrisch" bezeichnet wird, was jedoch nicht ganz zutrifft. Logue weigert sich lediglich, Konventionen unhinterfragt hinzunehmen und lässt sich von "his Royal Highness" nicht einschüchtern - schon in der ersten Therapiesitzung besteht er darauf, sein Gegenüber als "Bertie" anzusprechen. Die dritte wichtige Figur, obwohl mit nur wenig Screentime bedacht, ist Elizabeth, die mit ihrer bedingungslosen Liebe und ständiger Ermutigung zunächst die einzige Quelle ist, aus der Bertie Kraft und Sicherheit schöpft. Helena Bonham Carter überrascht mit einer zurückgenommenen, bedachten Darstellung, die in starkem Kontrast zu ihrem gewohnten überdrehten Auftreten steht, und entwickelt gemeinsam mit Firth eine beeindruckende Chemie, die ihre Beziehung sehr glaubhaft wirken lässt.

Kleine Abstriche gibt es beim Drehbuch von Autor David Seidler. Dass nie so ganz deutlich wird, was denn an Logues Methoden im Vergleich zu denen anderer Therapeuten (von denen nur einer zu sehen ist) so besonders ist, lässt sich noch verzeihen, bedenkt man, dass hier die Freundschaft der beiden Männer und eben nicht die Therapie im Mittelpunkt steht. Dass aber der Verlauf ebendieser Freundschaft etwas übertrieben konstruiert in eine Art Buddy-Movie-Struktur gezwängt wird, wirkt dann doch etwas störend - besonders, da der Film während der unvermeidlichen Streitphase starke Längen aufweist. Auf der positiven Seite stehen allerdings der feine Humor des Skripts, die zärtlichen Momente zwischen Bertie und Elizabeth und der vielleicht herzerwärmendste Gebrauch des Wortes "fuck" der Filmgeschichte. Regisseur Tom Hoopers Umsetzung des Stoffes ist makellos: Kunstvoll, aber nie aufgesetzt lässt er uns besonders an den Momenten größter Anspannung und Einsamkeit, die Bertie vor seinen öffentlichen Auftritten durchmacht, teilhaben.

THE KING'S SPEECH ist in seinem historischen Settings ein dennoch zeitloser Film, der es einfach macht, sich mit seinem Protagonisten zu identifizieren. Trotz fast zwei Stunden Laufzeit ist er, bis auf besagte Schwäche, überraschend kurzweilig und leichtfüßig, aber nie banal und gibt außerdem dem immer großartigen Colin Firth nach dem letztjährigen, ebenfalls starken A SINGLE MAN erneut die Gelegenheit, sein ganzes Können unter Beweis zu stellen. Ein unspektakulärer, aber so unterhaltsamer wie berührender Film.











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