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THE KIDS ARE ALL RIGHT (USA/Frankreich 2010)

von Björn Lahrmann

Original Titel. THE KIDS ARE ALL RIGHT
Laufzeit in Minuten. 104

Regie. LISA CHOLODENKO
Drehbuch. STUART BLUMBERG . LISA CHOLODENKO
Musik. NATHAN LARSON . CRAIG WEDREN
Kamera. IGOR JADUE-LILLO
Schnitt. JEFFREY M. WERNER
Darsteller. JULIANNE MOORE . ANNETTE BENING . MARK RUFFALO . JOSH HUTCHERSON u.a.

Review Datum. 2010-03-09
Kinostart Deutschland. 2010-11-18

Den Kindern geht es tatsächlich gut. Es sind die Erwachsenen, die Scherereien machen. Die Kinder, das sind Laser (Josh Hutcherson) und Joni (Mia Wasikowska), ein Geschwisterpaar in den mittleren bis späten Teens, deren ausgeglichenes Gemüt sie im amerikanischen Mainstreamkino beinahe wie Fremdkörper erscheinen lässt: Keine pubertären Katastrophen erschüttern ihre Existenz, sie verstehen sich vielmehr blendend miteinander und dürfen sich von ihren lesbischen Müttern, Nic (Annette Bening) und Jules (Julianne Moore), jederzeit maximal geliebt fühlen.

Als die beiden sich eines Tages dazu entschließen, ihren Samenspender kennen zu lernen, gibt ihnen folglich nichts dazu einen Anlass (etwa: Identitätsfindungsdruck, Geldnöte oder was der melodramatischen Erzählkniffe mehr sind) als die reine, kerngesunde Neugier. Das flugs arrangierte Treffen mit Paul (Mark Ruffalo) – einem leicht selbstbesoffenen, aber grundsympathischen Biorestaurantwirt – verläuft angenehm unverbindlich, man hält Kontakt, knabbert Möhren, fährt Motorrad. Als Nic und Jules jedoch Wind von der Sache bekommen, fühlen sie sich spontan von Paul bedroht: Nic in ihrem elterlichen Status, Jules in ihrer sexuellen Orientierung.

THE KIDS ARE ALL RIGHT ist ein Film über eine lesbische Familie. Er ist aber, und das ist das Schöne an ihm, dezidiert kein "lesbischer Film". Zwar eindeutig aus weiblicher, aber eben: souverän weiblicher Perspektive erzählt Lisa Cholodenko (LAUREL CANYON) von einer Wunschnormalität, der die angestrengte Dringlichkeit des Utopischen ganz und gar fehlt. Wo nämlich Alltag ist, da sind auch Alltagssorgen: Nic, primäre Brotbeschafferin der Familie, hadert mit ihrem Image als strenger Mutterdrachen, während die eher flatterhafte Jules auf dem Weg zur Selbstverwirklichung permanent ins Straucheln gerät. Beide werden sie sich an Paul auf die ein oder andere Weise aufreiben, Nic sich mit ihm verbale Schlagabtäusche und Joni-Mitchell-Duette liefern, Jules sich in seinem verwilderten Garten als Landschaftsarchitektin und Ehebrecherin erproben.

Obwohl Cholodenkos Drehbuch den Etappen üblicher Beziehungskomödien im Großen und Ganzen folgt, zielen ihr kluger Humor, idiomatisches Sprachgefühl und ihre milieugetreue Beobachtungsgabe deutlich über die Genregrenzen hinaus. Von einnehmender Gelassenheit ist ihr Umgang mit stupiden Gender-Klischees, die weder geleugnet noch unreflektiert bedient werden, sondern den Figuren vielmehr als sozialokommunikative Fettnäpfe im Weg liegen. Bening und Moore, beide sichtlich dankbar für den Facettenreichtum ihrer Rollen und dementsprechend in lange vermisster Hochform, harmonieren und streiten ganz fabelhaft miteinander, während Ruffalo als patenter Knautschbär ohnehin die Idealbesetzung ist.

Anhand dieses Trios entwirft Cholodenko mit angenehmster Ironie das Bild eines linksliberalen Bürgertums, dessen geradezu religiöse Abhängigkeit von alternativen Lebensentwürfen – sexuelle Offenheit, kreative Entfaltung, fanatisches Umweltbewusstsein – auf letztlich doch recht konservativem Fundament ruht: Bildung, Gesundheit, gemäßigter Wohlstand, nichts anderes wünschen Nic, Jules und Paul ihren Kindern. Ihre Vorstellungen vom Glück sind ebenso klein und universal wie ihre Beziehungsprobleme, und nach diesem Maßstab richtet sich auch der Film: Keine tränenreichen Tragödien oder schrillen Farcen spielen sich ab, bloß das übliche Theater, das wohl in allen langjährigen Partnerschaften vorkommt. Insofern ist THE KIDS ARE ALL RIGHT, seinem Titel zum Trotz, die erwachsenste Hollywoodkomödie seit langer Zeit.









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