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DAS KABINETT DES DOKTOR PARNASSUS (Großbritannien/Kanada/Frankreich 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. THE IMAGINARIUM OF DOCTOR PARNASSUS
Laufzeit in Minuten. 122

Regie. TERRY GILLIAM
Drehbuch. TERRY GILLIAM . CHARLES MCKEOWN
Musik. MYCHAEL DANNA . JEFF DANNA
Kamera. NICOLA PECORINI
Schnitt. MICK AUDSLEY
Darsteller. CHRISTOPHER PLUMMER . HEATH LEDGER . LILY COLE . TOM WAITS u.a.

Review Datum. 2009-12-16
Kinostart Deutschland. 2010-01-07

Eine Geschichte über das Kino, rückgeführt auf seine früheste Inkarnation: Doktor Parnassus (Christopher Plummer), ein Vaudevillianer alter (wie sich bald heraus stellt: jahrhundertealter) Schule, klippert und klappert mit seiner Guckkastenbühne durchs heutige London. Auf Rummelplätzen, unter Brücken, in Seitenstraßen schlägt seine Truppe – bestehend aus Töchterlein Valentina (Lily Cole), Anheizer Anton (Andrew Garfield) sowie dem treuen Quotenzwerg Percy (Verne Troyer) – ihr Lager auf. Oberflächlich betrachtet eine altmodische Revue aus Flitter, Pappe und billiger Schminke, eröffnet sich, sobald man durch den Folienspiegel in der Bühnenmitte tritt, eine nach individueller Präferenz und Neigung ausstaffierte Zauberwelt: ein begehbares Videospiel für den ADD-Bengel, ein Schuhparadies für die Dame im Pelz. Das Imaginarium, schon sprachlich eine Verquickung von image und imagination, Bild und Einbildung, entpuppt sich als Traumfabrik auf kleinstem Raum, deren profane Reize die Fantasie des einzelnen zu beflügeln wissen wie kein zweites Medium.

Eine Geschichte über das Geschichtenerzählen: Vor Äonen wachte Parnassus über die ewige Fabel, die das Universum zusammen hält. Eines Tages besucht ihn der Teufel (gastritisch galant: Tom Waits) und offeriert ihm, wie es so seine Art ist, eine Wette: dass nämlich die Welt überhaupt keine Geschichten braucht, um zu existieren. Parnassus nimmt an und verlangt zwecks Widerlegung das ewige Leben; der Preis ist seine damals noch ungeborene Tochter, die an ihrem sechzehnten Geburtstag dem Unheimlichen in die Fänge gehen soll (Valentina zählt, wir ahnen es, fünfzehn Lenze). In der Gegenwart stehen die Zeichen indes auf Verlust, das Geschäft mit den Geschichten läuft schlechter denn je, und wenn sich doch mal ein besoffener Bambulemacher hinter den Spiegel verirrt, wird seine Seele gleich von Old Nick einkassiert. Zwischen dem Dröhnen der Eventkultur und dem Verstummen der Rezession scheint es für antiquierte Märchenonkel keinen Platz mehr zu geben.

Und so ist DAS KABINETT DES DOKTOR PARNASSUS auch eine Geschichte über Terry Gilliam: über einen, dem man bei seinen Leinwanderoberungsversuchen mit Schere und Papier oft genug Steine in den Weg gelegt hat; einen zum allgemeinen Wohle Unbelehrbaren, der nicht akzeptieren will, dass die bittere Notwendigkeit von Geschichten vor allem in ihm selbst wohnt. Im Film schickt der Teufel ihm einen trügerisch unschuldigen Helfer, Tony (Heath Ledger), der Parnassus' Schaubude mit korruptem Charme auf den Stand der modernen Warenwelt pimpt: mit Schachbrettmuster und dekorativem Negerkind in der Auslage werden fortan nicht Jahrmärkte, sondern Shopping Malls und Discounterparkplätze bespielt. Den Teufel wird man tun, bei derlei gefinkelten Vermarktungsstrategien an die Methoden diverser Filmproduzenten zu denken!

In den letzten Jahren dazu verdammt, immer nur halbe Sachen zu machen (wie sein desaströs gescheitertes Quichotte-Projekt), erzählt Gilliam hier vorsichtshalber gleich drei Geschichten auf einmal. Das Ü-Ei-Prinzip funktioniert anfangs erstaunlich gut, im dickensianisch verrußten London glüht die Herzenswärme der Gauklertruppe doppelt wohlig, und bei der Teufelspakt-Episode kann einem, aller satanischen Schrullen zum Trotz, schon mal episch ums Herz werden. Mit Tonys Ankunft verliert der Film jedoch merklich an Kontur, franst aus in erschreckend müde Situationskomik und seltsam gleichförmige Fantasy-Eskapaden. Als massiver Störfaktor entpuppt sich zudem das knallbunte Design der Spiegelwelten, die leider ganz und gar nicht von Pappe, sondern aus dem Rechner sind, und deren mit tonnenweise Weichzeichner gelatinierte Landschaften weniger an Tim Burton erinnern als an mittneunziger Nintendo-Reklamen. Vielleicht soll die Fantasielosigkeit dieser Fantasien ja bloß eine hässliche Selbstreflexion der flachhirnigen Mittelschichts-Tussis sein, die Parnassus' Dienste zumeist beanspruchen, aber dafür ist Gilliam eigentlich nicht zynisch genug.

In gewisser Weise erzählt DAS KABINETT DES DOKTOR PARNASSUS noch eine vierte, nämlich seine eigene Produktionsgeschichte. Heath Ledger verstarb nach den Londoner Dreharbeiten und musste, was dem Film wundersamerweise als Konzept durchgeht, in den Traumsequenzen gedoubelt werden; Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell erweisen ihm die Ehre mit beinahe rührender Zurückhaltung. A film from Heath Ledger and friends, heißt es im Nachspann, und nur zu gern würde man berichten von einem rauschenden Abgang, einem großen Karrierefinale. Doch leider eignet sich Ledgers letzte Performance weder dazu, mimische Exzellenzthesen zu untermauern, noch, nachträglich die Todesglocken klingeln zu hören; sein Spiel ist schlicht und ergreifend lust- und einfallslos. Überhaupt: Dass ein Film über die Kraft der Fantasie ausgerechnet an einem Mangel derselben krankt – das muss schon mit dem Teufel zugehen, der seinen Triumph denn auch mit eindeutigen Worten beklagt: "Damn. I've won."











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