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K-20: LEGEND OF THE MASK (Japan 2008)

von Björn Lahrmann

Original Titel. K-20: KAIJIN NIJU MENSO DEN
Laufzeit in Minuten. 137

Regie. SHIMAKO SATO
Drehbuch. SHIMAKO SATO . SO KITAMURA
Musik. NAOKI SATO
Kamera. KÔZÔ SHIBASAKI
Schnitt. RYUJI MIYAJIMA
Darsteller. TAKESHI KANESHIRO . TAKAKO MATSU . TÔRU NAKAMURA . KANATA HONGÔ u.a.

Review Datum. 2009-09-09
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Schlechte Karten hat, wer sich in Europa als Superheld verdingen will. Oh là là, Männer in 'autengen Leibschen, kichert man hämisch in Frankreich, und aus den Büros von Scotland Yard dringt abschätziges Sophistikationsräuspern. Kostüme gehören in unseren Breitengraden auf die Seite der Nacht, der karnevalistischen Ausschweifung und der Subversion. Sie taugen nicht zur Wiederherstellung von Zucht und Ordnung, sondern allenfalls zu deren lustvoller Störung. Das kontinentalkinematische Korrelat zu Batman und Co sind daher Superschurkenfilme – von den frühen Feuillade-Serials JUDEX und FANTÔMAS über deren Bonbon-Vercampungen aus den 60ern bis hin zu den Permutationen des Dr. Mabuse. Während diese ihrem ingeniös getricksten Tagwerk nachgingen, bummelten die Bullen meist planlos hintendrein, täppische Knallchargen, denen die Kreativität krimineller Energie ein ewiges Rätsel bleiben musste. Stets eine willkommene Bereicherung lauer Sonntagnachmittage, hat es Nachschub im Genre jedoch schon seit sehr geraumer Zeit nicht mehr gegeben.

Wie es nun aber im Wurzelgeflecht der Filmgeschichte nicht selten passiert, blüht, was in der Heimat längst verdörrt ist, im asiatischen Raum prächtig wieder auf. K-20 nennt sich in Shimako Satos gleichnamiger Romanverfilmung der Meisterdieb mit den zwanzig Gesichtern, der in einem historisch modifizierten Japan des Jahres 1949 sein Unwesen treibt. Abgesehen hat er es auf wertvolles technisches Gerät, etwa die neuartige Tesla-Spule, die er bei der Präsentationszeremonie unter viel Geblitz und schallendem Muhaha mitgehen lässt. Weil der Zweite Weltkrieg in diesem Szenario nie stattgefunden hat, ist aus der wild prosperierenden Industrienation eine strikte Zweiklassengesellschaft geworden: hier die Wirtschaftsaristokratie, deren Leben in barocken Penthäusern einer immerwährenden Cocktailparty gleicht; dort das Proletariat, das seine Existenz in kümmerlichen Bretterbuden am Stadtrand fristet. Allein K-20 steht seltsam verbindungslos zwischen den Stühlen: Seine Kapriolen sind zugleich Nasendreherei gegen die Oberschicht, Entertainment für die Massen und Eigenbedarfsdeckung für einen Masterplan, den niemand kennt. Als der ermittelnde Kommissar, ein kühler Holmesianer namens Akechi (Tôru Nakamura), ihm jedoch allzu dicht auf die Pelle rückt, sieht sich K-20 zu einem Ablenkungsmanöver genötigt: Durch eine geschickt eingefädelte Intrige lässt er den Verdacht auf den arglosen Zirkusartisten Endo (Takeshi Kaneshiro) fallen.

Geschickt eingefädelt ist ein gutes Stichwort für einen Film, der seinen kunterbunten Flickenteppich von einem Plot aus dutzenderlei Garn zusammenspinnt und trotzdem nie den Faden verliert. Durch den Webkamm laufen: Rififiromantik, Steampunk, Slapstick, Parkour, alles nach- und durcheinander im Tempo einer gut geölten Nähmaschine. Schnitzel müssen gejagt, Volten geschlagen, Geheimmechanismen entziffert und vor allem: Spaß gehabt werden. Auf ansteckende Weise heroisch wallen Gewänder und Musik zugleich, dass man am liebsten mit Beckerfaust jubelnd durchs Kino rennen würde. Das Milieu der Gaukler und Artisten, wo ein Gutteil des Films spielt, erweist sich als liebevoller Pastiche auf den poetischen Realismus im Geiste Marcel Carnés, wo elternlose Kinder zwar nicht im Olymp, dafür aber in gemeinsamer Nestwärme dem emotionalen Glatteis der Metropole trotzen. Endo, gegen seinen Willen aus jener in diese verstoßen, schickt sich denn auch gleich an, seine Unschuld zu beweisen. Frei nach dem Motto It takes a thief to catch a thief ackert er sich mühsam durch den K-20-Sperenzchenkatalog, um bald seiner Nemesis die Stirn bieten zu können. Von Dächern springt, auf Dächer schwingt er sich fortan mit jugendlichem Ungestüm, hinter ihm eine schlecht gebluescreente CGI-Stadt aus Fabrikschloten und Zeppelinen, die den eigentümlichen Futuretro-Appeal des Films nur verstärkt.

Durch Zufall trifft Endo auf Akechis prinzesschenhafte Verlobte Yoko (Takako Matsu), die er sogleich auf einen Abstecher mit in die raue Vorstadt nimmt. Fish out of water nennt sich im Autorenjargon dieses altbewährte Plotmuster, in dem das Noble auf das Profane trifft und humorige Funken schlagen soll. Jede anderthalbte Hollywoodkomödie der 80er hat so funktioniert, aber selten war dabei so viel Charme im Spiel wie hier, wenn es zwischen dem auch mit Mitte 30 noch grünohrigen Kaneshiro und der zuckersüßen Matsu zu Schneespaziergängen und Suppenausschänken kommt. Kaum hat man sein Herz jedoch an diesen Faden gehängt, verwebt er sich auch schon wieder mit einer knalligen Caper-Sequenz oder einem unerwarteten Identitätstwist. Wie seine Titelfigur ist K-20: LEGEND OF THE MASK ein Film mit vielen Gesichtern, ein Double, Triple, Quadruple Feature, engmaschig verflochten zu einer einzigen nostalgischen Matinéevorstellung. Am Ende, nach 137 unverschämt leichtfüßigen Minuten, wird eine kuschelige Decke draus geworden sein, die man sich beim Verlassen des Saals um die Schultern schlingen kann – und die plötzlich sehr verdächtig nach einem Cape aussieht.











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