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JOHN CARTER - ZWISCHEN ZWEI WELTEN (USA 2012)

von Björn Lahrmann

Original Titel. JOHN CARTER
Laufzeit in Minuten. 132

Regie. ANDREW STANTON
Drehbuch. ANDREW STANTON . MARK ANDREWS . MICHAEL CHABON
Musik. MICHAEL GIACCHINO
Kamera. DANIEL MINDEL
Schnitt. ERIC ZUMBRUNNEN
Darsteller. TAYLOR KITSCH . LYNN COLLINS . WILLEM DAFOE . MARK STRONG u.a.

Review Datum. 2012-03-02
Kinostart Deutschland. 2012-03-08

Auch 35 Jahre später sehnt sich Hollywood nach nichts mehr als einem zweiten STAR WARS. Ideen sucht man, wo schon George Lucas sie fand: In den alten Büchern. Edgar Rice Burroughs' Marsabenteuerserie "Barsoom" etwa liegt bei Disney seit Ewigkeiten auf der hohen Kante; in den 80ern war sogar mal John McTiernan als Regisseur angedacht, und was das gegeben hätte, davon kann heute allenfalls der PREDATOR-Fanclub träumen (nicht, dass der Mann nicht frei gewesen wäre...). An seiner Stelle nun: Andrew Stanton, namenloser Veteran des Studios-als-Auteur Pixar, der sich seit WALL•E immerhin mit wüsten Planeten auskennt. Gut aufgehoben ist das Projekt in seinen Händen aber auch, weil JOHN CARTER im Grunde ein Animationsfilm mit nur sehr okkasioneller Realitätsanbindung ist: Nach dreieinhalb Minuten Cowboy-und-Indianer-Hickhack (Bryan Cranston mit korngelber Custer-Mähne!) wird der Held (mit 30 noch teenagerschwamtauglich: Taylor Kitsch) direkt aus dem Sezessionskrieg ins Land der Marsmännchen gebeamt.

Die sind, wie man sich das vor 100 Jahren halt vorgestellt hat, grün, groß, haben vier Arme, Krötengesichter und sprechen wie Willem Dafoe. Zu Anfang einigen Spaß macht, was sich so World Building nennt, das Etablieren der fremden Welt mit ihren dollen Viechern, Sitten, Haken und Ösen. Laxe Gravitationsverhältnisse lassen Carter nur bedingt elegant laufen, dafür aber siebenmeilenstiefelmäßig hüpfen; als irdischer Springinsfeld erweicht er bald die Herzen des spartanischen Kriegervolks, dessen unbedarft exotistische Zeichnung (kinder- und frauenfeindlich, diffuser Akzenteinschlag) erkennbar derselben Fantasie entsprungen ist wie die andere große Burroughs-Erfindung, Tarzan. Nicht, dass einen das irgendwie scheren müsste; bemerkenswert dennoch, dass Disney sich für eine vernünftige Edition seines rassistischen Zeichentrickschwanks SONG OF THE SOUTH zwar nach wie vor zu fein ist, die Kolonialherrenwerdung Carters jedoch - ein auf Erden renitent zwischen Union und Confederacy sich durchschlawinernder Antipatriot, der sich den Marsianern dann gar nicht oft genug als "Captain from Virginia" vorstellen kann - naiv und unredigiert auf die Leinwand übernimmt.

Standesgemäße Begleitung fällt Carter in Gestalt einer intergalaktischen Prinzessin in die Arme, deren Königreich von einem äußerst laschen Bösewicht (leider mal wieder: Dominic "McNulty" West) bedroht wird. Der drumherum peinvoll akribisch nachbereitete, höchstens fürs Juniortütenpublikum verständliche Mythensalat ("Bei Issus! Sab Thang, Jeddak von Helium, will Barsoom mit dem neunten Strahl unterjochen!") lässt erahnen, dass Burroughs' ideologische Überholtheit noch gar nichts ist gegen seine kreative Zwölfjährigkeit. Alles muss rein, Palastintrigen und Shapeshifter und Zauberamulette - ein linienloses Wildern im Gattungsgarten, das schon damals unsinnig epigonal gewirkt haben dürfte, homervernewellsepigonal; heute freilich, ein ganzes Science-Fiction-Jahrhundert später, kann man sich vor unendlich raffinierteren Beigeschmäckern (Frank Herbert, TOTAL RECALL) kaum retten. Zwischen herkuleischen Monstergladiatorenkämpfen, Speeder Bikes und Indiana-Jones-Weltmaschinen gleicht der Film tatsächlich nichts so sehr wie Mike Hodges' kunterbunter Jahrhundertgurke FLASH GORDON, nur ohne dicke behaarte Engel, die zu Queen-Fanfaren in psychedelische Sonnenuntergänge flattern.

Während die besten Genrefilme auf größtmögliche Konzentration ihrer Mittel abzielen und die erfolgreichsten auf wundertütenhafte Fülle, wirkt JOHN CARTER - ZWISCHEN ZWEI WELTEN überhastet und gebläht zugleich. Die vom johnwilliamsenden Soundtrack penetrant telegrafierten Ambitionen auf epische Breite vertragen sich nicht mit dem Portiönchenhaften, das dem Fortsetzungsgroschenroman innewohnt; viele Sequenzen sind fatal ununterscheidbar, dauernd wird gesprungen und gerungen, gerungen und gesprungen. Dass Stanton ein reichlich konservativer Actionregisseur ist; dass die Designabteilung beim Entwerfen der digitalen Sets und analogen Kostüme nicht gerade ihren besten Tag hatte; dass die 3D-Konvertierung außer beim Ticketpreis kaum ins Gewicht fällt - all das sind Probleme, die letztlich vor der anachronistischen Stoffwahl verblassen. Kein Zufall, dass Burroughs in den 70ern Lieblingsvorlage des britischen Gummisaurierlabels Amicus war (selige Kindheitserinnerung: CAPRONA mit Doug McClure, Sonntagnachmittag, Tele 5). Heute ist für sowas eigentlich Asylum zuständig, und siehe da: die hauseigene Version A PRINCESS OF MARS steht schon seit 2009 in den Videotheken. Gegen diese inhärente Billigkeit mit astronomischem Budget und Eventmarketing anstinken zu wollen, ist vermutlich Disneys größte Fehlkalkulation.











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