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DIE IRRE HELDENTOUR DES BILLY LYNN (USA 2016)

von André Becker

Original Titel. BILLY LYNN'S LONG HALFTIME WALK
Laufzeit in Minuten. 113

Regie. ANG LEE
Drehbuch. JEAN-CHRISTOPHE CASTELLI
Musik. JEFF DANNA . MYCHAEL DANNA
Kamera. JOHN TOLL
Schnitt. TIM SQUYRES
Darsteller. JOE ALWYN . VIN DIESEL . KRISTEN STEWART . STEVE MARTIN u.a.

Review Datum. 2017-01-30
Kinostart Deutschland. 2017-02-02

Wer denkt sich bloß immer diese Titel aus? Aus BILLY LYNN'S LONG HALFTIME WALK wurde hierzulande DIE IRRE HELDENTOUR DES BILLY LYNN. Auf weitere Ausführungen zum Thema Eindeutschungen wird an dieser Stelle verzichtet, schließlich soll dies eine Filmrezension und keine Bewertung der Marketing-Strategie des Verleihers werden.

Der neueste Film von Ang Lee (Oscar für u.a. LIFE OF PI) ist eine nicht immer geglückte Mixtur aus Satire, Kriegsfilm und Drama. Starbesetzt, bildgewaltig und wuchtig inszeniert visiert der Regisseur erneut Herz und Hirn an. Das ist zwar alles nicht so tiefschürfend wie gewollt, dennoch gelingt es Lee seine Themen packend zu erzählen. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Die Heldentour ist für die Hauptfigur eher ein Spießrutenlauf.

Während eines Einsatzes im Irak-Krieg wird der blutjunge Billy Lynn (Joe Alwyn) zusammen mit seiner Einheit in ein verheerendes Gefecht verwickelt. Im Verlauf des Schusswechsels tötet Lynn beim Versuch seinen Vorgesetzten (Vin Diesel) vor den Angreifern zu beschützen in einer (vermeintlich) heldenhaften Tat einen Gegner. Die Rettungsaktion wird dabei von einer Handykamera gefilmt, was dazu führt, dass bald das ganze Land den jungen Mann als Held feiert. Im Rahmen des Fronturlaubs wird Lynn schließlich zusammen mit seiner Einheit auf eine Propaganda-Tour geschickt, die ihren Höhepunkt in einem Auftritt bei einer Sportveranstaltung in einem riesigen Stadion findet. Noch tief traumatisiert von den Ereignissen gerät Lynn in den Strudel einer hochkommerzialisierten Vermarktungs-Maschinerie, die ihn vor immer neue Herausforderungen stellt.

Lee zeigt dem Zuschauer auf eindrucksvolle Weise, wie allumfassend die Soldaten im Heimatland für ein gigantisches Propaganda-Spektakel im Bigger-than-life-Stil instrumentalisiert werden. Insbesondere die Szenen, in denen die Heimkehrer in die Show-Einlagen (u.a. ein Auftritt von Destinys Child) eines großangelegten Football-Spiels eingebunden werden, treffen ins Schwarze. Mit zahlreichen Rückblicken springt der Film zurück in den Wahnsinn des Krieges, den Lee wiederum mit dem ganzen Irrsinn der amerikanischen Entertainment-Industrie spiegelt. Die satirischen Töne die das Drehbuch immer wieder anschlägt stehen hochgradig dramatische Sequenzen gegenüber, die Lee in mitunter melodramatisch überhöhte Bilder kleidet.

Das Lachen bleibt einem sprichwörtlich im Halse stecken, wenn sich die Soldatentruppe auf einer Pressekonferenz den Fragen ausgewählter Journalisten stellen muss. Lee zeigt hier zunächst in einer traumartigen Sequenz die ehrlichen und wahrhaftigen Antworten nur um diese dann im Anschluss mit den gesagten Sätzen zu konterkarieren. Diesbezüglich wird die gesamte Bandbreite der Diskrepanz zwischen den tatsächlichen Erlebnissen der Soldaten und der Erwartungshaltung eines nach Heldentaten lechzenden Mediensystems deutlich.

Trotz solcher gelungenen Abschnitte kann DIE IRRE HELDENTOUR DES BILLY LYNN nicht gänzlich zu überzeugen. Das eine oder andere Mal setzt Lee zu stark auf den melodramatischen Impact seiner Bilder. Ferner bleibt der Film zu sehr an seiner recht eindeutigen Figuren-Gegenüberstellung kleben. Auf der einen Seite die verantwortlichen Business-Typen (selbst ein Film soll aus den Geschehnissen entstehen) sowie die größtenteils als reichlich grenzdebil gezeichnete Zivilbevölkerung, die ohne jegliche Empathie alles schluckt was ihnen die Medien reinwürgen. Auf der anderen Seite die fast naiv-unschuldig angelegten Soldaten, die im Krieg ihren wie auch immer gearteten Platz gefunden haben, zuhause bzw. außerhalb des Kriegsgeschehens jedoch wie Fremdkörper agieren. Zwischentöne sind in diesem Figuren-Geflecht (Kristen Stewart als pazifistisch veranlagte Schwester von Billy kommt noch hinzu) selten auszumachen, was die Produktion trotz aller inszenatorischer Finesse streckenweise leicht unglaubwürdig werden lässt.

Letztlich ist dem taiwanesischen Regisseur aber ein Film gelungen, der zumindest teilweise mit Nachdruck die richtigen Knöpfe drückt. Der beißend-ätzende Tonfall mit dem DIE IRRE HELDENTOUR DES BILLY LYNN seine Themen aufs Korn nimmt ist in Zeiten von Hurra-Patriotismus und wenig differenzierten Abenteuer-Kriegsfilmen a la LONE SURVIVOR oder AMERICAN SNIPER erfrischend und wichtig.











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