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IN THE ELECTRIC MIST (USA 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. IN THE ELECTRIC MIST
Laufzeit in Minuten. 117

Regie. BERTRAND TAVERNIER
Drehbuch. JERZY KROMOLOWSKI . MARY OLSON-KROMOLOWSKI
Musik. MARCO BELTRAMI
Kamera. BRUNO DE KEYZER
Schnitt. LARRY MADARAS . ROBERTO SILVI
Darsteller. TOMMY LEE JONES . PETER SARSGAARD . JOHN GOODMAN . MARY STEENBURGEN u.a.

Review Datum. 2009-02-12
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Kann eigentlich kaum schief gehen: Die Vorlage stammt von James Lee Burke, einem der profiliertesten amerikanischen Hardboiled-Autoren der letzten 20 Jahre; dessen beliebter Serien-Ermittler Dave Robicheaux ist mit Tommy Lee Jones idealtypisch besetzt; in den schmierigen Schurkenrollen sind endlich mal wieder John Goodman und Ned Beatty zu sehen; und ein Franzose auf dem Regiestuhl eines Noir ist seit Tourneur und Melville auch ein veritables Gütesiegel, zumal Bertrand Tavernier mit DER SAUSTALL bereits eine herrlich drecksfiese Jim-Thompson-Verfilmung im Portfolio hat. Böses schwanen lässt allerdings der Umstand, dass ein Projekt dieser Schwartendicke in den USA bloß eine Direct-to-DVD-Abspeisung erfahren wird.

Auf der Berlinale nun aber: Weltpremiere auf der großen Leinwand, und nicht mal am konkurrenzfreien Katzentisch, wo solche allein der Promi-Anziehung wegen geladene Produktionen von der Festivalleitung sonst hinverfrachtet werden, sondern mitten ins Gewühl um die Bären. Die Chancen sind gering, denn IN THE ELECTRIC MIST ist einigermaßen gründlich mißlungen. Vordergründig geht es um eine Serie von Nuttenmorden im post-Katrina New Orleans, wobei man von den Nutten herzlich wenig und von Katrina ein bisschen zu viel zu sehen bzw. hören bekommt: Aufdringlich unaufdringlich tönen die zahlreichen Nebensentenzen über mangelhaften Katastrophenschutz, FEMA-Korruption und Zerstörungsprofithuberei. Selbiger schuldig und allein deswegen schon in der Mordsache verdächtig macht sich der halbseidene Lokalpate Julie "Baby Feet" Balboni (Goodman), der mit dem lokalen Zuckerfabrikanten Twinky LeMoyne (Beatty) eine bedenkliche Vorliebe für junges Gemüse teilt und obendrein für das Auftauchen des dauerbesoffenen Schauspielers Elrod Sykes (Peter Sarsgaard) verantwortlich ist, der im zerstörten Umland gerade ein von Balboni teilfinanziertes Bürgerkriegsdrama dreht.

Zwischen aufgewühlten Sünden der Vergangenheit (der Sturm hat u.a. das Skelett eines erschossenen Sklaven freigelegt) und verwehten Spuren der aktuellen Mordfälle tapst Robicheaux von einem Verdächtigen zum nächsten, erfährt hier einen Hinweis und dort einen Clou, halluziniert nebenbei untote Konföderiertengeneräle und stolpert irgendwann über die unspannende Lösung. Tommy Lee Jones tut, was Tommy Lee Jones angesichts eines solchen Leerlaufs halt zu tun pflegt: Er setzt seinen Allzweck-Hundeblick auf und drawlt ein wenig vor sich hin. Dazu werden Bayou-Klischees hovercraftweise angeschifft, bis man irgendwann meint, ganz Louisiana bestünde nur aus alten schwarzen Bluesmusikern, die den lieben langen Tag mit ihrer Slidegitarre auf der Verandatreppe hocken, Robert Johnson spielen und Jambalaya mampfen.

Statt das genretypisch unüberschaubare Arsenal an Nebenfiguren auf eine handvoll maßgeblicher Akteure einzudampfen, wird noch die funktionsloseste FBI-Tante irgendwie in die 100 Minuten Laufzeit gequetscht. Einigermaßen schade ist diese Verknappung vor allem um Robicheaux' Frau (Lichtblick: Mary Steenburgen) und Tochter, die zwar schon an sich einen hübschen Bruch mit den Genrekonventionen darstellen – man stelle sich nur mal Philip Marlowe als Familienvater vor! –, in der Romanserie aber eine deutlich komplexere Motivation erhalten (als ehemaliges Gangsterliebchen resp. Adoptivkind) und auch den Robicheaux-Charakter näher qualifizieren, der wie so viele Detektive nicht davon lassen kann, sich um Vergangenes zu sorgen und dafür oft was auf die Nase bekommt.

Taverniers fühlbares Desinteresse, die Oberfläche der schnöden procedural-Formel zu durchbrechen und die seelischen Erschütterungen der Stadt und ihrer Protagonisten zu erkunden, knockt sich letztlich selber aus: denn ohne emotionale Resonanz auf der Figurenebene sind die Morde und ihre Aufklärung bloß Häkchen auf einer To-Do-Liste, von der man ganz froh ist, wenn man sie endlich abgearbeitet hat.











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