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INNOCENCE (Belgien/Frankreich/Großbritannien 2004)

von Mirco Hölling

Original Titel. INNOCENCE
Laufzeit in Minuten. 115

Regie. LUCILE HADZIHALOVIC
Drehbuch. LUCILE HADZIHALOVIC
Musik. RICHARD COOKE
Kamera. BENOÎT DEBIE
Schnitt. ADAM FINCH
Darsteller. ZOÉ AUCLAIR . BÉRANGÈRE HAUBRUGE . LEA BRIDAROLLI . MARION COTILLARD u.a.

Review Datum. 2006-01-05
Kinostart Deutschland. direct-to-video

Ein junges Mädchen, eher noch ein Kind, wird durch dunkle Gewölbe in einem Sarg in einen Raum getragen. Dort wird sie von anderen Mädchen in Uniformen "erweckt" und in eine Gemeinschaft eingeführt, die voller Geheimnisse steckt. Sie erkundigt sich nach ihren Eltern, erhält aber keine Antworten. Fortan muss sie nach den Regeln einer geheimnisvollen Kommune leben, die streng hierarchisch auf dem Gelände eines alten Schlosses lebt. Den jungen Mädchen wird die Kunst des Balletttanzes beigebracht, bis.... und genau das weiß keine von ihnen. Was kommt danach, was ist außerhalb der Schloßparkmauern, was ist ihr Ziel?

Das Enfant terrible Gaspar Noé (IRREVERSIBLE, SEUL CONTRE TOUS) kennt mittlerweile wohl jeder, der sich auch nur ein wenig für Filme interessiert. Seine Lebenspartnerin und Cutterin Lucile Hadzihalovic wohl eher keiner. Nach INNOCENCE sollte sich dieses (hoffentlich) ändern. Der Film beginnt düster und geheimnisvoll, die Credits erinnern an Stummfilme (als der Film noch "unschuldig" war?), düstere Baßtöne und geheimnisvolle Gewölbe und Rauschen von Wasser (der Ursprung reinen Lebens?) führen in den Film ein. Man erwartet einen Horrorfilm im Stile von Shymalans THE VILLAGE. Anfangs erfüllt der Film auch genau diese Erwartungen und baut eine klautrophobisch-unheimliche Atmosphäre auf. Erst mit der Zeit erfährt man, dass der Film eben kein Genrefilm ist, sondern eher mit Peter Weirs PICNIC AT HANGING ROCK zu vergleichen ist. Der Film behandelt sehr konstruiert das Thema Reinheit und Unschuld. Welche Opfer darf oder muß ein Mensch über sich ergehen lassen, um Unberührt und unschuldig in sein Leben zu gehen, um als vollkomener Mensch in eine Welt voller Verderbtheit und Kompliziertheit zu starten, um auf all das Böse vorbereitet zu sein? Ist es richtig, Menschen ihrer Freiheit zu entziehen, um sie zu schützen?

Hadzihalovic behandelt diese Fragen sehr narrativ und durchaus spannend. Sie begibt sich in eine rein kindliche Sicht. Zwar wird ihnen die Freiheit genommen, aber wohl kaum jemand passt sich Systemen schneller und besser an als Kinder. Sie akzeptieren ihre Umgebung als das, was sie ist und reflektieren weniger. Zwar wünschen sie die Erlangung ihrer Freiheit, fühlen sich aber gar nicht so unwohl in der Gemeinschaft Gleichaltriger und Gleichgesinnter. Sie werden behütet aber es werden ihnen auch Strafen angedroht, sofern sie sich den Regeln der Gemeinschaft entziehen. Allerdings stellen sich diese Strafen eher als Legenden heraus, denn sie werden nie vollzogen.

Wenn es dann zum Finale geht und sich die Lösung des Rätsels anbahnt geht man auch als Zuschauer Hadzhalovic in die Falle: Ist es eine Gemeinschaft Pädophiler? Menschenhandel? Eine Sekte? Welcher Art Verbrechen mag dahinterstecken?

Auch wenn die Kamera die Körper der kleinen Balettratten permanent zeigt, findet ein spekulatives Umschmeicheln nicht statt. Oder etwa doch? Oder fällt man nur auf seine eignenen vorgefertigten Phantasien zu diesem schwierigen Thema rein. Mit all diesen Fragen darf sich der Zuschauer beschäftigen, sofern er diesen Film auf sich wirken lässt. Jedoch wie bei allen großen Filmen in der Tradition, heikle Themen anzupacken, wird er genausoviele Widerstände erleben, wie es die Filme eines Pasolini taten (an dessen Stil INNOCENCE deutlich erinnert), aber auch Filme wie DON'T LOOK NOW (WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN), PICNIC AT HANGING ROCK (PICKNICK AM VALENTINSTAG) erlebten auf Anhieb nicht nur begeisterte Zustimmung. Dem Film zugrunde liegt sehr lose die Geschichte Mine-Haha von Frank Wedekind.

Kino für Erwachsene zum Mitdenken und mit einem vielschichtigen Buch, wie man es lange nicht mehr erleben durfte.











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