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HUI BUH - DAS SCHLOSSGESPENST (Deutschland 2006)

von Martin Eberle

Original Titel. HUI BUH - DAS SCHLOSSGESPENST
Laufzeit in Minuten. 98

Regie. SEBASTIAN NIEMANN
Drehbuch. SEBASTIAN NIEMANN . DIRK AHNERT
Musik. EGON RIEDEL
Kamera. GERHARD SCHIRLO
Schnitt. MOUNE BARIUS
Darsteller. MICHAEL HERBIG . CHRISTOPH MARIA HERBST . HEIKE MAKATSCH . NICK BRIMBLE u.a.

Review Datum. 2006-07-17
Kinostart Deutschland. 2006-07-20

Ich sitze in einem Getümmel aufgeregter Kinder. Es ist 15 Uhr und die Pressevorführung zu HUI BUH soll eigentlich jetzt beginnen. Da aber der Verleih die Spitzenidee hat, mal nicht nur die olle Journaille einzuladen, sondern auch noch viele, viele aufgeregte Gören, verzögert sich das Ganze leicht.
Diesmal also keine Gespräche der Nerd-Cliquen um mich herum über HARTZ IV-Anträge und PKW-Stellplatzpreise am Tempelhofer Damm. Stattdessen 9-Jährige, die sich bis auf's Blut hassen, weil die letzte Cola in die falschen Hände geraten ist und die doofe Sandra sich zu Melanie gesetzt hat, die alte Kuh! Menschliche Dramen.
Bei all dem Gelärme komme ich nun nicht mehr dazu, meine schlimmen Erwartungen an den Film zu pflegen, all die Befürchtungen von augenzwinkerndem Regressionstamtam für die sich so prekär fühlenden Mitdreissiger in unserer Gesellschaft, all die enttäuschten Gedanken an die einst so geschätzten Christoph Maria Herbst und Bully "Michael" Herbig, die ihre Chance zum totalen Buy-out genutzt und sich uneingeschränkt der PRO7-Mafia verschrieben haben.
Jetzt geht es erstmal darum, wer die Jumbopackung Popcorn halten darf.
Neben dem Gezanke merke ich, dass sich die Kinder wirklich auf den Film freuen und dass sie Hui Buh schon lange kennen, aus den wunderschönen Hörspielen mit dem fantastischen Hans Paetsch als Erzähler und dem großartigen Hans Clarin als Nachtgespenst. Hörspiele, die übrigens seit über 30 Jahren die Menschen schwer begeistern, weil sie mit viel Witz und großem Spaß an der Sprache gemacht sind.
Der Plan der Veranstalter scheint aufzugehen. Die Vorfreude der Kinder wirkt ansteckend. Mein kaltes Herz wird warm und ich tadele mich heimlich für all die Hässlichkeiten, die mir durch den Kopf gebrummt sind. Gedanken, die mir sogar ein schönes Kinoerlebnis hätten vermiesen können. Muss man denn immer gleich das Schlimmste annehmen? Immerhin geht die Legende, dass Regisseur Christian Niemann (DER WIXXER, DAS JESUS VIDEO, hm) und Produzent Christian Becker (DER WIXXER, DAS BLUT DER TEMPLER, hmmmmm) diesen Film unbedingt machen wollten und sich dafür sehr ermüdenden, fast drei Jahre dauernden Verhandlungen mit dem offensichtlich recht eigensinnigen Autoren Eberhard Alexander-Burgh hingegeben haben - alles aus Liebe zum Nachtgespenst!
Die freundliche Tante vom Marketing stellt sich vor die Leinwand und begrüßt uns. Nett. Sie ist kaum zu hören, aber immerhin kriege ich noch mit, dass auch eine Kindergruppe des rbb anwesend sei. rbb, Rundfunk Berlin Brandenburg, früher SFB. Ich frage mich, was Kinder dazu bewegt, mit dem zweitdrögsten Sender dieser Republik zu spielen.
Egal, der Film geht los, die Kinder freuen sich und ich bin beeindruckt. Die Begrüßungsworte von Hans Paetsch, genau wie bei den Hörspielen! Toll!

Und der Film sieht richtig gut aus! Ein schönes altes Gemäuer, düstere Atmosphäre auf der Burg und Bully "Michael" Herbig in Gesellschaft echt böse aussehender Ritter, die er beim Pokern bescheißt. Beim Pokern? Na ja, ich will mal nicht so streng sein, die Kinder haben doch ihren Spaß.
Recht bald wird Bully "Michael" Herbig vom Blitz getroffen und so zum Gespenst Hui Buh. Zur Zeichentrickfigur entkörpert geistert er nun seltsam entstofflicht durch den Film. Glatt sieht das aus. Irgendwie seelenlos. Macht außerdem nicht viel Sinn, die anderen Geister werden ja auch von Realpersonen gespielt. War Bully "Michael" Herbig zu teuer? Gab's die Filmförderung nur für Animationen? Und vor allem: das soll Hui Buh sein? Ein gezeichnetes, erdfarbenes Grinsemännchen mit Prinz-Eisenherz-Frisur? Mit Hans Clarin als Sprecher hatte das Gespenst Persönlichkeit, mit der Stimme von Herbig nur eine deutliche Nervkomponente.
Die Kinder werden immer stiller. Christoph Maria Herbst, der alte Formaträuber, spult seine Rolle als König Julius den 111. professionell runter. Der versteht sein Handwerk, das muss man ihm lassen. Anders als der Drehbuchautor. Alter Filmjokus folgt auf alten Filmjokus und wer mag, kann in den Wettbewerb treten, wer den Ideenklau am weitesten zurückverfolgen kann. Ich liege ganz gut, Tex Avery und Laurel & Hardy konnte ich jedenfalls leicht ausmachen.
So weit zurück reicht natürlich das Gedächtnis einer 10-Jährigen nicht. Aber immerhin erkennt das pfiffige Mädchen neben mir doch noch einige Märchen, die hier eingeflossen sind. Zum Beispiel in einer herrlich sinnlosen Szene, in der Heike Makatsch als böse Gräfin Etepetete ihre Zofe ein Schälchen voll Perlen aufsammeln lässt, bevor sie zum feierlichen Ball darf. "Drei Nüsse für Aschenbrödel!" ruft das Mädchen und ich sage: "Stimmt."
Makatsch spielt also die Böse. Das sind ja oft dankbare Rollen, die Bösewichter. Da kann man richtig aus sich raus gehen, seine dunklen Seiten ungestraft ausleben. Glenn Close als Cruella de Vil, Sandra Berhard als Minerva Mayflower! Das macht richtig Spaß! Aber, leider, Heike Makatsch kriegt es nicht hin. Sie ist offensichtlich zu gut für diese Welt und damit zu schlecht für diese Rolle. Auch wiederum eindrucksvoll, so eine Vorlage nicht zu verwandeln! Aber mit meiner Bewunderung für Makatschs Unvermögen bleibe ich allein. Die Buben und Mädchen sind mittlerweile alle ganz still, rutschen nur noch selten auf ihren Sesseln hin und her, gähnen gelegentlich leise und beschäftigen sich ansonsten mit ihren Gameboys oder der aktuellen Tagespresse, plaudern leise über ihre Legosammlung oder über das salzige Popcorn, das besser sei als süßes.
Auch ich hänge meinen Gedanken nach, der Film stört kaum. Ich werde sentimental und erinnere mich als ich mit geschätzten 9 Jahren STUNDE DER KOMMÖDIANTEN sah, mit Elizabeth Taylor, im Vormittagsprogramm der ARD. Meine Mutter dachte, der Film hätte mit Witzeclowns zu tun. Das traf es aber nicht wirklich. Immerhin, in dem Film wurde einem Mann die Kehle durchgeschnitten. Sehr verstörend, mit geschätzten neun Jahren.
"Mama, ich hab Angst...." wimmert ein kleiner Junge schräg hinter mir. Ja, das stimmt, die Masken der (Real-) Geister sind gut gelungen, vor allem Nick Brimble als Hui Buhs Widersacher ist ein fieser Knochen. Da schlackern den Minderjährigen die Knie!

Wer spielt noch mit? Na klar, Rick Kavanian, PRO7-Mafia, ganz nett, etwas übertrieben, aber immerhin nicht schlimm; Oliver Pocher, oh je, hat einen kleinen Gastauftritt mit einem Sketch aus BANANAS, einem schönen, alten Woody Allen-Streifen; Ellenie Salvo González, eindrucksvolle, tolle, fantastische, FANTASTISCHE Waden, nur spielen kann sie leider nicht; Martin Kurz, putziger Junge, hoffentlich darf er mal in einem tschechischen Märchenfilm mitspielen; würde ich ihm gönnen; Wolfgang Völz, na klar, alter Profi, das reißt der auf einer Arschbacke ab; oh, natürlich, Hans Clarin...
Kurz nach den Dreharbeiten ist er gestorben. Vorher hat er also noch seine Figur zu Grabe getragen. Traurig, ihn so auf der Leinwand zu sehen, in einem Film, der so herzlos zusammengeschustert ist und so gar nichts von seiner Vorlage behalten hat. Immerhin, ich bin wieder angefixt und werde mir die alten Kassetten wieder hervorkramen. So möchte ich nämlich weder Hans Clarin noch Hui Buh in Erinnerung behalten.
Was gucke ich hier eigentlich gerade? Ein hochklassig produzierter Flop, der seine Zielgruppen unterschätzt. Zum einen die Kinder, weil die zwar jung aber damit nicht automatisch doof sind, zum anderen die Erwachsenen, weil die das alles schon mal und besser und in einem Zusammenhang gesehen haben.
Der Abspann, prima! Endlich vorbei. Und jetzt wird es sogar noch lustig, auf den letzten Metern: outtakes vom Dreh. Ich habe so was zwar schon mal gesehen, ca. 1996 mag das gewesen sein, aber die hier sind wirklich lustig. Ich muss mehrmals schmunzeln.
Die Kinder freuen sich auch, sie dürfen endlich wieder raus, an die Sonne! Und ich bin positiv überrascht: Kinder, die so ruhig, so diszipliniert über eineinhalb Stunden geballte Tristesse aushalten, müssen über eine enorme Willenskraft verfügen. Trotz PISA-Misere, trotz Rütli-Schulen-Hysterie, unsere Kinder sind offensichtlich gar nicht so verkehrt! Eigentlich sogar richtig toll! Ich mache mir über unsere Zukunft auf einmal viel weniger Sorgen. Ein schönes Ergebnis dieser Filmvorführung, mit dem ich nie und nimmer gerechnet hätte.











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