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HUGO CABRET (USA 2011)

von Benjamin Hahn

Original Titel. HUGO
Laufzeit in Minuten. 126

Regie. MARTIN SCORSESE
Drehbuch. JOHN LOGAN
Musik. HOWARD SHORE
Kamera. ROBERT RICHARDSON
Schnitt. THELMA SCHOONMAKER
Darsteller. BEN KINGSLEY . ASA BUTTERFIELD . CHLOE GRACE MORETZ . SACHA BARON COHEN u.a.

Review Datum. 2012-01-14
Kinostart Deutschland. 2012-02-09

Es ist eine simple Geschichte, die Martin Scorsese - basierend auf einem Roman von Brian Selznick - da erzählt: ein Waisenjunge auf der Suche nach einer Vaterfigur, trifft ein Mädchen und hilft schließlich das Trauma eines vergessenen Stars zu heilen. Mag sein, dass das zunächst recht komplex klingt, doch Scorseses Film ist so unendlich menschelnd und gutherzig, dass sich ausnahmslos alles zum Guten wendet und kein Konflikt, kein tragischer Moment eine wirkliche Gefahr darstellt. Zugegeben: Banal ist das nicht. Da nämlich der zentrale Protagonist der Handlung der Waisenjunge Hugo Cabret ist, der einen Spielzeughändler bestiehlt um so einen kaputten Automaton (eine Menschmaschine) reparieren zu können, korrespondiert die Narration damit durchaus mit dem Inhalt. Jedenfalls wenn man die Ausgangssituation im Film mit einem kaputten Uhrwerk vergleicht und die einzelnen Wendungen und Charaktere dann eben als Zahnräder, Federn und Schrauben ansieht. Das Problem daran ist jedoch, dass durch diesen unbändigen Willen zur Heilung und die damit verbundene konsequente Herzlichkeit die Geschichte massiv simplifiziert und geradezu verkitscht wird. Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass die Credits nicht auch noch Hedwig Courths-Mahler oder zumindest Rosamunde Pilcher als Einfluss nennen.

Gut, vielleicht ist das etwas sehr böse formuliert gewesen, aber tatsächlich ist es so, dass der Film von einer zuckersüßen "Dramatik" dominiert wird, die hier und da eine Brechung hätte vertragen können. Doch Scorsese scheint inzwischen keine Lust mehr auf düstere Gedanken zu haben und ergeht sich vollends in der Sentimentalität eines alten Mannes: Selbst die sich im Bahnhof abspielenden Nebenhandlungen sind kitschig - oder werden es im Verlauf des Films. Zumindest im Falle der Geschichte um den von Sacha Baron Cohen gespielten Bahnhofsinspektor ist das jedoch die beste Entscheidung, ist diese Rolle doch reichlich albern angelegt und wird durch den Kitsch tatsächlich geerdet.

Doch nicht nur an jener Stelle ist der Kitsch durchaus angebracht. Tatsächlich ist es nämlich so, dass der Film eine herzerwärmende und eben verkitschte Liebeserklärung an das Kino, genauer gesagt an einen bestimmten Regisseur, sein will. Dessen Identität hier preiszugeben oder gar über Sinn oder Unsinn dieser Liebeserklärung zu sinnieren, käme der Vorwegnahme einiger zentraler Wendungen des Films gleich - so bleibt nur festzustellen, dass Scorsese mit HUGO CABRET jemandem ein Denkmal gesetzt hat, dass die Magie des Kinos gleichermaßen preist, wie es sie lebt. Ob das zwangsläufig jedoch auf diese Art und Weise hätte geschehen müssen, ist fraglich. Ein dramaturgisch anspruchsvollerer Film hätte ähnliches sicherlich besser leisten oder zumindest den Eindruck eines unendlich schmalzigen Films mildern können.

Abgesehen davon ist HUGO CABRET allerdings ein recht guter Film geworden, dessen Besetzung mit Ben Kingsley in einer zentralen und Christopher Lee in einer Nebenrolle beinahe ebenfalls als der Versuch einer Würdigung dieser beiden großen Schauspieler gelesen werden kann. Und auch in Sachen Ausstattung (für die sich Großmeister Dante Ferretti verantwortlich zeichnet) macht der Film einen guten Eindruck, gelingt es ihm doch recht glaubhaft das Paris zwischen den beiden Weltkriegen wieder zum Leben erwachen zu lassen - auch wenn hier der ein oder andere Digitaleffekt leicht artifiziell anmutet, was sich jedoch angesichts der märchenhaften Grundstimmung bestens als eine Art irrealer Traummoment auffassen lässt. Nicht so richtig überzeugen kann hingegen der 3D-Effekt, der zwar keine illusionszerstörenden Makel aufweist und für einen soliden und ungestörten Immersionseffekt sorgt, aber der Handlung - jenseits von ein paar Momenten der räumlichen Orientierung - auch nicht weiter zuträglich ist. Scorseses Gebrauch des 3Ds ist wohl am ehesten vergleichbar mit Pixars OBEN, wo der Effekt so subtil und unaufdringlich eingesetzt wurde, dass der einzige Mehrwert einer 3D-Vorstellung das gelegentlich besser vermittelte Gefühl von Größe war, der Film an sich aber auch in 2D bestens und ohne spürbare Einbußen funktionierte. Zwar lässt sich Scorsese als 3D-Neuling zuweilen noch dazu hinreißen, den Effekt als Gimmick einzusetzen, aber unterm Strich hält sich der Nutzen für den Zuschauer in Grenzen. Auf Seiten des Studios, das dank massiver Aufschläge auf den Ticket-Preis mit weniger verkauften Karten mehr Geld machen kann, denkt man vermutlich anders darüber, aber wenn es selbst ein Regisseur wie Scorsese nicht schafft, die 3D-Technik als narratives Element zu nutzen, dann sollten wir uns möglicherweise allmählich von der Illusion verabschieden, dass es überhaupt irgendjemandem gelingt.

So bleibt abschließend festzuhalten, dass HUGO CABRET ein Film ist, der zu Tränen rühren kann und ein bewegendes Denkmal für das Kino des frühen 20. Jahrhunderts sein will, aber leider dabei viel zu einfach gestrickt ist und oftmals Emotionalität mit Kitsch verwechselt. Wer einen Film fürs Herz braucht, dem sei dieser hier wärmstens empfohlen. Wer sein Hirn fordern will, der kann sich den Film auch anschauen - er darf nur eben nicht zu viel erwarten.











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