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HOSTAGE - ENTFÜHRT (USA 2005)

von Hasko Baumann

Original Titel. HOSTAGE
Laufzeit in Minuten. 121

Regie. FLORENT SIRI
Drehbuch. DOUG RICHARDSONE
Musik. ALEXANDRE DESPLAT
Kamera. GIOVANNI FIORE COLTELLACCI
Schnitt. RICHARD BYARD . OLIVIER GAJAN
Darsteller. BRUCE WILLIS . KEVIN POLLAK . BEN FOSTER . JONATHAN TUCKER u.a.

Review Datum. 2005-02-24
Kinostart Deutschland. 2005-03-17

Bruce is back. Nachdem er sich zuletzt wortkarg durch Kriegsschmonzes wie HART'S WAR und TEARS OF THE SUN muffeln mußte oder mit Selbstparodien à la THE WHOLE TEN YARDS eher Selbstdemontage betrieb, zeigt er sich in HOSTAGE als Schauspieler und als Star in absoluter Höchstform. Mutig begibt er sich in die Hände des durchaus kompromißlosen französischen Regisseurs Florent Siri, der mit dem blutrünstigen Film DAS TÖDLICHE WESPENNEST nicht nur positiv auffiel, sich mit der dort geschilderten Belagerungssituation aber offensichtlich bei Willis für ein Geiseldrama empfahl.

Die gewollt originellen Credits wecken erst einmal ein ungutes Gefühl, da sie eher wie der Vorspann für "Counter Strike" aussehen, aber schon die erste Aufnahme ist atemberaubend: Von einem verzweifelten Mann mit Waffe zieht die Kamera auf und sich zurück aus einem Haus bis über die Dächer von Los Angeles, wo die Scharfschützen auf der Lauer liegen. Bei ihnen ist Jeff Talley, ein Verhandlungsexperte in Geiselsituationen. Willis spielt ihn mit langen Haaren und einem Bart, in dem sogar der Kamm steckenbleibt. Diese Geiselnahme hier geht katastrophal aus, und ein Jahr später leitet Tally die Wache in Bristo Camino im Ventura County, jeder Tag ist ein "no crime day". Tally, jetzt mit schicker Willisglatze, leidet unter der traumatischen Erinnerung an den Tag in L.A., aber auch den familiären Problemen, die sich für einen Cop gehören.

Da wird dieser Tag plötzlich zum "high crime day". Drei junge Kriminelle brechen in die Villa von Walter Smith (Kevin Pollak - mal ernst) ein. Was als Autodiebstahl begann, wird zur Geiselnahme der Familie Smith und ruft Jeff Tally auf den Plan. Dieser holt den Sheriff von L.A. County zur Hilfe und will den Fall abgeben, aber da ändern sich die Vorzeichen gewaltig: Geisel Smith ist korrupter Buchhalter und hat wichtige Informationen für seine Mafiakontakte auf einer DVD gespeichert, die er nun natürlich nicht rechtzeitig übergeben kann. Die Dunkelmänner dieses mysteriösen Verbrecherrings nehmen daraufhin Tallys Familie als Geiseln und zwingen ihn, wieder die Leitung des Falls zu übernehmen und die Sache in ihrem Sinne zu beenden. Keine leichte Aufgabe für Tally, dessen einziger Verbündeter Smiths kleiner Sohn ist, der sich im Haus verkrochen hat...

Florent Siri nimmt sich die Zeit, zu erzählen, wie es zu der Geiselnahme kommt, wie Gewalt entsteht; also die drei Jugendlichen sich provoziert fühlen von Smiths Tochter ("rich bitch in Daddy's Escalade") und wie der Haß der Unterprivilegierten sich paart mit Geldgeilheit und Sadismus. Die Intensität dieser Sequenzen ist verblüffend. Siri zeigt all das im fahlen Licht der kalifornischen Abendsonne und im beeindruckenden, sorgfältig ausgewählten Set der Villa. Als die Nacht hereinbricht und HOSTAGE unerwartet zum spannungsvollen Reißer wird, liegt es an Willis, die Glaubwürdigkeit zu halten, und der ungemein präsente Superstar zeigt sich als Mensch in dieser Extremsituation: Schockiert, zornig, voller Angst und nicht selten den Tränen nahe. Willis ist sensationell. Er trägt den Film bis zu seinen zwei saftigen Finales, die beide auch in einem Horrorfilm gut aufgehoben wären: Das erste ist ein Inferno aus brennenden Menschen, das zweite ein karger, schneller Shootout mit blutigsten Zeitlupen.

Siri schafft Momente, die bleiben; Momente, über die man sprechen wird. Die angeschossene Polizistin, die eine Blutspur nach sich ziehend den Driveway hinabkriecht; ein Willis, der in Unterhosen eine Geisel abtransportieren will; eine Verfolgung durch Luftschächte, in der der Verfolger schattenhaft durch den Schacht trampelt wie ein wildgewordenes Rieseninsekt; brechende Knochen auf Dielen, ein in einen Mund gestoßenes Messer und ein junger Psychopath (Ben Foster erinnert an den jungen John Cazale), der sich daran aufgeilt, Menschen sterben zu sehen. HOSTAGE gibt sich auch als Thriller kompromißlos und haut nur einmal daneben, wenn Siri eine Vision der Jungfrau Maria inszeniert. Das ist dann doch - wie so manche Zeitlupe - übles Kunsthandwerk.

Die Freude und Genugtuung über diesen ambitionierten, spannenden und harten Film, der sich an Hollywoods neuer Härte von Knallern wie MAN ON FIRE orientiert, kann dies nicht mindern. HOSTAGE ist ein lupenreiner Reißer mit einem überragenden Bruce Willis in der Hauptrolle, also etwas, das wir gern im Kino sehen und schon zu lange nicht mehr gesehen haben.











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