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DER HOBBIT - SMAUGS EINÖDE (Neuseeland/USA 2013)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. THE HOBBIT - THE DESOLATION OF SMAUG
Laufzeit in Minuten. 161

Regie. PETER JACKSON
Drehbuch. FRAN WALSH . PHILIPPA BOYENS . PETER JACKSON . GUILLERMO DEL TORO
Musik. HOWARD SHORE
Kamera. ANDREW LESNIE
Schnitt. JABEZ OLSSEN
Darsteller. MARTIN FREEMAN . RICHARD ARMITAGE . IAN MCKELLEN . ORLANDO BLOOM u.a.

Review Datum. 2013-12-12
Kinostart Deutschland. 2013-12-12

Ich bitte im Voraus um Entschuldigung. Ich weiß, Wortspiele mit Filmtiteln sind ein billiges Klischee und jeder zweite andere Kritiker wird diesen Witz auch machen, aber wie soll man ihn sich bei der Vorlage bitte verkneifen? Also: Es ist mehr als passend, dass der zweite Teil von Peter Jacksons HOBBIT-Trilogie das Wort "öde” im Titel trägt. Zu schreiben, der Film habe "seine Längen”, wäre eine Untertreibung - es ist eher so, dass der Film nur hin und wieder seine lichten Momente hat, einzelne Szenen, die relevant für die Geschichte oder zumindest unterhaltsam sind und daran erinnern, dass der Regisseur dieses Films sich seine offensichtliche Narrenfreiheit mit drei meisterhaft erzählten und inszenierten modernen Fantasy-Klassikern verdient hat. Der Rest des Films ist unzusammenhängendes Chaos, beliebig und ohne einen Blick für das große Ganze aneinandergereihte Szenen, deren einzige Daseinsberechtigung oft plumper Fan-Service ist. In seiner jetzigen Fassung ist DER HOBBIT - SMAUGS EINÖDE 2,5 Stunden lang. Würde man alles überflüssige herausschneiden, hätte man einen knackigen 90-Minüter - und selbst der hätte noch seine Probleme.

Die SOUTH PARK-Macher Trey Parker und Matt Stone befolgen beim Schreiben ihrer Geschichten eine einfache Regel: Die einzelnen Szenen müssen sich durch "deshalb” oder "aber" verbinden lassen - nicht durch "und dann". Für DER HOBBIT hat Peter Jackson den "und dann"-Ansatz gewählt, was ungefähr dem Erzählstil eines 12jährigen entspricht: "Und dann werden die Zwerge von Riesenspinnen entführt! Und dann tritt Legolas (Orlando Bloom) auf und schießt auf Orks, während er auf den Köpfen der Zwerge einen Wasserfall hinunter surft! Und dann kämpft Gandalf (Ian McKellen) auf einer Brücke gegen ein magisches Flammenwesen. Wie damals, in DER HERR DER RINGE - DIE GEFÄHRTEN, nur... anders!"

Der Fairness halber: Schon in Tolkiens Vorlage hat die Handlung etwas Zufälliges. Im Grunde ist sein Roman die Fantasy-Version eines Road Movies: Die eher belanglose Prämisse ist nur ein Vorwand, seine Hauptfigur zusammen mit ein paar seltsamen, schrulligen Nebenfiguren auf eine Reise zu schicken und sich in einer Reihe von im Grunde austauschbaren Miniaturen gegen verschiedene Gefahren zu beweisen - der rote Faden, der Konflikt, der dem Ganzen eine Art von Spannung und emotionale Resonanz gibt, ist nicht die Mission der Zwerge, ihren Berg wiederzubekommen, sondern Bilbos Kampf mit sich selbst, seine Entwicklung vom feigen, kleinen Hobbit, dessen Horizont kaum über seine Hobbit-Höhle hinausgeht zum großen Abenteurer, ständig auf der Suche nach Neuem.

Dieser Konflikt hat in Peter Jacksons Filmen offenbar größtenteils off-camera und zwischen den Filmen stattgefunden - auserzählt wurde Bilbos zu Beginn von DER HOBBIT - SMAUGS EINÖDE anscheinend weitgehend abgeschlossene Entwicklung jedenfalls nicht. Dennoch ist Martin Freemans Bilbo, wie schon im ersten Teil, das Beste am Film. Freeman spielt mit einer gewissen, amüsierten Distanz, einer leisen Ironie, die ein wohltuendes Gegengewicht zum ansonsten über-ernsten, pathetischen Ton des Films darstellt. In der Buchvorlage ist dies der Filter, durch den wir die gesamte Geschichte erleben, wir sehen das Geschehen immer irgendwie aus Bilbos Perspektive. Im Film ist Bilbo weniger der Protagonist als der Sidekick für Zwerg Thorin (Richard Armitage), was ein Bisschen an seine Rolle als John Watson in der BBC-Serie SHERLOCK erinnert. Schon in SHERLOCK wünscht man sich gelegentlich, Martin Freeman würde mehr im Mittelpunkt stehen, doch Benedict Cumberbatch ist als Sherlock Holmes immerhin nicht nur anstrengend, sondern irgendwo auch faszinierend, hypnotisch. Armitage dagegen spielt hier nun zwar nicht mehr einen müden Abklatsch von Aragorn, sondern einen müden Abklatsch von Boromir, doch es bleibt das Gefühl, dass wir seine Geschichte, die nach wie vor treibende Kraft des Films sein soll, schon einmal viel besser erzählt bekommen haben, und dass seine einzige Schauspielanweisung erneut more intense lautete.

Benedict Cumberbatch übrigens hat auch hier seinen Auftritt, in Form des Drachen Smaug, dem er seine Stimme leiht. Der sorgt erwartungsgemäß für das Highlight des Films - allerdings nicht in dem konfusen, überlangen Finale, in dem die Zwerge gegen den Drachen kämpfen und das mit einigen offenbar aus alten Final Fantasy-Zwischensequenzen übrig geblieben Tricks nahelegt, dass, nachdem Smaug so aufwendig und beeindruckend animiert wurde, das Budget für die Effekte zur Neige ging. Nein, das Highlight des Films erleben wir vor dem Finale, wenn die Zwerge Bilbo zunächst allein in Smaugs Höhle schicken, um den Arkenstein, ein uraltes Juwel, zu stehlen. Natürlich weckt Bilbo den schlafenden Drachen, der den Hobbit jedoch zunächst nicht angreift. Stattdessen liefern sich die beiden ein Rededuell, Smaug spielt mit Bilbo, Bilbo versucht Smaug hinzuhalten und von seinem Vorhaben, den Arkenstein zu stehlen, abzulenken. Es ist eine Sequenz, die an die großartige Umsetzung des Riddles in the Dark-Kapitels im letzten Teil erinnert. Egal, ob mit Gollum in den dunklen Gewölben der Goblin-Höhle oder jetzt mit Smaug in der riesigen, erhabenen Schatzkammer: Es sind diese Szenen, die zeigen, wie stark die HOBBIT-Filme sein könnten und die am deutlichsten aufzeigen, wo die Schwächen im Rest der Filme liegen. Denn in diesen Momenten werden die Filme von allem künstlichen Pathos, allen überflüssigen Subplots und ungelenken Versuchen, Verbindungen zu den HERR DER RINGE-Filmen herzustellen, befreit und konzentrieren sich auf das wesentliche: Den kleinen Hobbit, der seine Angst überwinden und seine Stärken erkennen muss. Das hat ein Identifikations- und Mitfühlpotential, das weder die Zwerge, die ihren Berg zurück wollen, noch der "Sauron is rising"-Subplot je aufbauen können. Könnte man also nur einen Wunsch für den dritten Teil und (vorerst) letzten Ausflug nach Mittelerde äußern, dann diesen: Es wäre schön, würde es zumindest im letzten HOBBIT-Film tatsächlich um den Hobbit gehen.











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