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DIE HERZOGIN VON LANGEAIS (Frankreich/Italien 2007)

von Claudia Siefen

Original Titel. NE TOUCHEZ PAS LA HACHE
Laufzeit in Minuten. 137

Regie. JACQUES RIVETTE
Drehbuch. PASCAL BONITZER . CHRISTINE LAURENT . JACQUES RIVETTE
Musik. PIERRE ALLIO
Kamera. WILLIAM LUBTCHANSKY
Schnitt. NICOLE LUBTCHANSKY
Darsteller. JEANNE BALIBAR . GAUILLAUME DEPARDIEAU . MICHEL PICOLLI . BULLE OGIER u.a.

Review Datum. 2007-11-17
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Dem ehemaligen französischen Filmkritiker Jacques Rivette, der im nächsten Jahr seinen 80. Geburtstag feiert (so hoffe ich doch!), ist es wieder einmal gelungen, ein recht sprachlastiges Drehbuch in fantastische Bilder umzusetzen und hierbei die Geschichte und den Seh-Genuss nicht aus der Inszenierung zu verlieren, zumal die im Jahre 1843 von Honoré de Balzac veröffentlichte Erzählung "La Duchesse de Langeais" auf den ersten Blick nicht gerade modern erscheint, modern im Sinne von aktuell.

Doch je mehr man in die grandiose Bühneninszenierung Rivettes hinein taucht, was nach wenigen Minuten geschieht, umso mehr fällt einem der Bezug zum Hier und Jetzt auf: sobald man die Geschichte für sich entschlüsselt hat, erschreckt dies geradezu. Erschreckend, dass vor 165 Jahren in Sachen Liebe und ihrer Annäherung vieles schon so war, wie man es auch heute leider viel zu oft beobachten kann: man lässt nichts einfach geschehen, sondern erprobt Vertrauen, Zuneigung und Begierde, Sehnsucht und Verantwortung als "Marktwert". Man möchte den Preis für seine Zuneigung errechnen: wer liebt mich? Ist er/sie es wert, meine Zuneigung zu erhalten? Wie stehe ich da in der Gesellschaft mit diesem oder jenem Partner an meiner Seite? Wenn einem solche Fragen schnurzegal sind, so ist es meist schon zu spät, hat man die Chance vertan wenn nicht sogar schon vergessen, wie selten es ist, wahrgenommen zu werden und um seiner selbst Willen Zuneigung zu empfangen.

Aber genauso wichtig: da ist jemand, der meine Gefühle annimmt und ich darf lieben. Grandios eigentlich, immer noch. Und grandios genauso, dass dies immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, sondern Beziehungen geknüpft werden, anhand von Abwägungen gesellschaftlicher und finanzieller Art. Manch Geliebter oder Geliebte möchte von nun an den absoluten Lebensmittelpunkt des anderen darstellen, und wehe, wenn dem nicht so ist. Sicher, ein geliebter Partner ist wichtig, aber auch nichts alles. Es braucht immer noch die eigene Zufriedenheit (etwa im Beruf) um sich völlig geben zu können und auch zu wollen. Das ganze ist ein Risiko, das es aber lohnt, eingegangen zu werden.

Rivette zeigt uns dies in seinem neuen Film: DIE HERZOGIN VON LANGEAIS (herrlich: Jeanne Balibar) zeigt Interesse am General von Montriveau. Er hat unter Napoleon gekämpft und leidet nun in der Zeit der Restauration unter dem Verlust dieser Vaterfigur. Zu viel hat er erlebt, dass er sich an die verwöhnten Spielchen in den Pariser Salons erst einmal wieder gewöhnen muss. Und feststellt, dass er dies nicht will. Mit seinen Erzählungen lockt er die Herzogin in seinen Bann, als kultivierter Mensch, erfolgreich im Kampfe an der Front und doch ein wildes Tier, indem er seine Bedürfnisse einfach hinnimmt und nicht gegen Gefühle kämpft. Ein grossartiges Stück für ihre Sammlung, so gewährt die Herzogin ihm das Besuchsrecht, kurz bevor sie zu den allabendlichen Festlichkeiten aufbricht. Ein nicht enden wollendes Heranziehen und Zurückstossen, eben das, was die Herzogin für "Liebe" hält. Sie kokettiert mit der Angst um ihre gesellschaftliche Stellung, sieht sich aber gleichzeitig als lustvolles-mondänes Wesen, obwohl es zwischen den beiden zu keinerlei körperlichen Intimitäten kommt. Wie bei De Laclos überschreitet die Herzogin hier eindeutig ihre Kompetenzen, vergisst, dass es bei einem solchen Spiel (wenn es denn eines bleiben soll) auch Regeln gibt, die sie eindeutig missachtet. Der General indess wird missmutiger aus der selben Unkenntnis der Regeln heraus: er weiss nicht zwischen Koketterie und Zuneigung zu unterscheiden, und sieht "Madame" in seiner Schuld, da sie ihm mit Gestik und Gebaren und nicht zuletzt im geschickt geführten, verbalen Schlagabtausch Dinge verspricht, die er nun eingelöst sehen will.

Wie sich Balibar auf dem Sofa drapiert und das Kerzenlicht dämpfen lässt ist unvergleichlich. Ebenso Depardieus waidwunder Blick, sein Schmachten und Starren wecken eher Mitleid und die Frage nach dem Warum. Das Leiden ist er im Krieg gewohnt und nun, in Friedenszeiten, braucht er wohl auch die Pein, um sich sicher sein zu können, etwas "wirklich" zu erleben, etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt, Die Liebe als Kampf zu sehen, in dem es einen Gewinner und einen Verlierer braucht ist schon schwer genug zu ertragen. Aber im Spiel der Herzogin begreift der General schließlich seine Rolle und dreht den Spiess um: er lässt sie entführen, nur um sie wissen zu lassen, dass er sie von nun an nicht mehr besuchen wird, dass sie vor Sehnsucht nach ihm wahrlich zergehen wird.

Und tatsächlich, ihre Briefe bleiben fortan ungeöffnet und vorbei ist es mit den Besuchen. Die Gräfin leidet, da sie nun "erkannt" hat, was sie wirklich empfindet. Das hört sich alles furchtbar dramatisch an, ist aber in der Melodie der Inszenierung ein wahrer Genuss, wenn man denn die Originalfassung zu sehen bekommt, die Untertitelung ist reichlich unwissend im Bezug auf die Raffinesse der französischen Sprache, vor allem der Sprache Balzacs! Die Herzogin macht das, was alle besseren Damen jener Zeit zu tun für angemessen hielten: sie geht ins Kloster.
Michel Piccoli gibt den herrlich verständnisvollen Verwandten, der an die Liebe glaubt und Bulle Ogier die ebenso verständnisvolle Tante, die aber darauf beharrt, dass Gefühle durchaus ausgelebt werden können: nur soll es in gewissen Fällen nicht jeder mitbekommen.

Die beiden Hauptfiguren leiden also an den oft zitierten Konventionen, anstatt einfach zusammen zu kommen, und den Sturm der Entrüstung abzuwarten und gemeinsam stand zu halten. Rivette inszeniert wie gewohnt für die Bühne, die Kamera wird wie schon oft zusammen mit Rivette vom genialen William Lubtchansky geführt (den auch mit Straub und Huillet eine enge Zusammenarbeit verbindet), lässt aber die prachtvolle Ausstattung gleichzeitig vertraut und auch museal wirken, dass es einem manchmal kalte Schauer über den Rücken jagt. Lange Kamerafahrten durch die Räume, dem Gang einer Person folgend und ein ruhiger Schnitt tun ihr Übriges, alles sanft dahinfliessen zu lassen und aufzuzeigen, an was es der Herzogin und dem General mangelt: eine gewisse Ruhe innerhalb der Freude, die sie für einander empfinden. Es geht, laut Depardieu, um die ewige Unmöglichkeit der Liebe. Unmöglich in diesem Fall, weil es den beiden an dem wichtigsten fehlt: an Ruhe und an einer gewissen Nachlässigkeit, ja Entspanntheit. Daran krankt es immer noch, dies wusste Balzac schon 1843. Wunderbar anzuschauen ist es allemal.











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