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HEREDITARY - DAS VERMÄCHTNIS (USA 2018)

von André Becker

Original Titel. HEREDITARY
Laufzeit in Minuten. 126

Regie. ARI ASTER
Drehbuch. ARI ASTER
Musik. COLIN STETSON
Kamera. PAWEL POGORZELSKI
Schnitt. LUCIAN JOHNSTON . JENNIFER LAME
Darsteller. TONI COLLETTE . GABRIEL BYRNE . ALEX WOLFF . MILLY SHAPIRO u.a.

Review Datum. 2018-06-23
Kinostart Deutschland. 2018-06-14

Wenn ein Film vor dem Start mit besonders großspurigen Review-Statements vom Schlage Der Höhepunkt des Horrorfilms der letzten 50 Jahre beworben wird, ist erst einmal eine gesunde Portion Skepsis geboten. Dennoch machen derartige Lobpreisungen natürlich neugierig und so ist die große Frage, ob die ganze Aufregung berechtigt ist oder eben nur heiße Luft, die von den Promo-Agenturen in die Medien geblasen wird. Oder halt irgendetwas weniger eindeutiges dazwischen. So oder so, seit der umjubelten Aufführung auf dem Sundance-Festival wird HEREDITARY - DAS VERMÄCHTNIS mit Spannung erwartet.

Zur Story: Als die Großmutter der Familie Graham verstirbt ahnen die noch ganz von ihrer Trauer (oder wahlweise: ihrer Erleichterung) ergriffenen Verbliebenen noch nicht, dass dies erst der Anfang eines schier endlosen Albtraums ist. Nach und nach wird deutlich, dass ein dunkles Geheimnis in den Annalen der Familiengeschichte schlummert das nur darauf wartet wie ein todbringender Tornado die Familie in ihrem Kern zu kontaminieren. Als die Tochter der vierköpfigen Oberschicht-Familie während einer Party einen allergischen Schock bekommt und ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Luft wegbleibt, beginnt für die Grahams ein Leidensweg, der sich auf vielfältige Weise in ihrem Alltag manifestiert.

HEREDITARY - DAS VERMÄCHTNIS zerfällt in drei Teile. Nach einer phantastisch gefilmten ersten Stunde, die primär das Portrait einer tief erschütterten Familie zeichnet und die Horror-Elemente eher vernachlässigt (bzw. lediglich verhalten anteasert), folgt der zweite Part der stärker auf die Spannungsmomente setzt und gekonnt eine unheilvolle Stimmung aufbaut, um dann von einem Finale abgelöst zu werden, dass leider nicht gänzlich überzeugend ausfällt. Insgesamt lautet das Urteil also: Knapp daneben ist auch vorbei. Für den ganz großen Wurf reicht es nicht. Wohl aber für einen zumindest in der Gesamtbetrachtung gelungenen Genre-Beitrag, der mit mindestens einer Handvoll wirklich toller Szenen und vielen klug konstruierten offenkundigen und versteckten Schlüsselmomenten aufwarten kann.

Diese Sequenzen nutzen insbesondere die sehr spezifische Räumlichkeit des Settings. Ohne in die Gefilde klassischer Spukhaus-Filme zu geraten sind das Haus und seine architektonischen und charakteristische Eigenheiten (dunkle Dachböden, ein in rotes Licht getauchtes Baumhaus, schummrige Jugend-Zimmer etc.) zweifelsohne zentral für die sehr spezielle Stimmung des Films. Regisseur Aster gelingt es diesbezüglich meisterhaft die Dynamiken innerhalb der Familienbeziehungen in den Räumlichkeiten des Hauses aufgehen zu lassen und diese unmittelbar mit der sich anbahnenden Katastrophe zu verschmelzen. Wenn die von Toni Collete mit großer Wandlungsfähigkeit dargestellte Mutterfigur am Bett ihres Teenager-Sohnes wahrhaft monströse Geständnisse vorträgt ist das Grauen gleich doppelbödig. Wie so viele Szenen im Film beinhalten das gesagte Wort und mehr noch das Unausgesprochene eine tiefschwarze Ebene, die das fragile Gleichgewicht der Familie auf einen Schlag auszulöschen vermag.

Die Einbindung von Themen wie Okkultismus und spiritueller Verblendung gibt dem Film zwar eine klare Kontur, wird von Aster aber nicht immer mit dem richtigen Fokus behandelt. Im Showdown stehen somit gar schauderhafte Szenen mit großer Suggestivkraft übertriebenen Schreckmomenten gegenüber, die teils ins Lächerliche abdriften und die vorher sorgsam aufgebaute Atmosphäre gehörig stören. Die groteske Schlusseinstellung stimmt allerdings wieder versöhnlich und rückt das Gesamtbild in die richtige Richtung, so dass man gar nicht anders kann als über die kleineren Patzer gegen Ende geflissentlich hinwegzusehen.

HEREDITARY - DAS VERMÄCHTNIS macht sich gut in einer Reihe mit den viel gelobten Vertretern einer neuen Generation von Genre-Filmemachern, die der Hektik des Horror-Mainstreams, bei dem die Quantität der Jump-Scares mehr zählt als deren tatsächliche filmische Qualität, einen konsequenten Gegenentwurf präsentieren. Das blanke Entsetzen lauert hier im Verborgenen, in den Untiefen menschlicher Bindungen oder in der Psyche gequälter Seelen selbst. Das Erschreckendste an Asters Film ist deshalb vor allem die Erkenntnis, dass auch die größte Liebe einer Mutter letztlich nichts gegen die finsteren Kräfte übersinnlicher Mächte aussetzen kann. Was bleibt ist das Unvermeidliche, ein neuer Weg im Verständnis von Familie, den das Drehbuch in einem hochgradig verstörenden letzten Twist mit geradezu beängstigender Treffsicherheit dem Publikum entgegenschlägt.











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