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HALLOWEEN KILLS (USA 2021)

von André Becker

Original Titel. HALLOWEEN KILLS
Laufzeit in Minuten. 105

Regie. DAVID GORDON GREEN
Drehbuch. DAVID GORDON GREEN . SCOTT TEEMS . DANNY MCBRIDE
Musik. JOHN CARPENTER . CODY CARPENTER
Kamera. MICHAEL SIMMONDS
Schnitt. TIM ALVERSON
Darsteller. ANDI MATICHAK . JUDY GREER . WILL PATTON . JAMIE LEE CURTIS u.a.

Review Datum. 2021-10-19
Kinostart Deutschland. 2021-10-21

1978 hätte sich John Carpenter höchstwahrscheinlich nicht vorstellen können, dass die von ihm und Debra Hill erdachte Figur des Serienkillers Michael Myers über vierzig Jahre später noch für Angst und Schrecken in den Lichtspielhäusern sorgt. Die Liste der Fortsetzungen, die mal mehr mal weniger erfolgreich die Kinos füllten, ist lang und es wäre müßig hier auf jede einzelne einzugehen und die zweifellos vorhandenen Alleinstellungsmerkmale herauszuarbeiten. Mit zwei Reboots wurde zudem versucht neue Perspektiven auf die Hauptfigur und sein soziales Umfeld einzubauen um der schon reichlich ausgelutschten Story wieder mehr Leben einzuhauchen.

Die Einspielergebnisse waren dabei durchaus beachtlich, so dass sowohl Rob Zombies Neustart aus dem Jahr 2007 eine Fortsetzung erhielt (die hierzulande allerdings Direct-to-DVD veröffentlicht wurde) als auch das Reboot von 2018, das mit dem sehr treffenden Titel HALLOWEEN KILLS nun in den Kinos startet. Und in Deutschland tatsächlich erstmal nur in den Kinos, denn im Gegensatz zu den USA gibt es im deutschen Sprachraum keine parallele Veröffentlichung bei einem Streaming-Dienst.

Produziert wurde abermals von Blumhouse, die sich im Laufe der Jahre vom Indie-Studio zu einer der profitabelsten Produktionsstätten für Mainstream-Horror entwickelt haben. Für den Regiestuhl wählte man erneut David Gordon Green aus. Den Regisseur der bereits 2018 den letzten Halloween-Streifen federführend betreut hat und auch am Drehbuch mitschrieb. Das dürfte für einige Zuschauer und Kritiker nicht die allerbeste Nachricht sein, denn Green hat mit HALLOWEEN trotz guter Ansätze nicht wirklich überzeugen, geschweige denn Eindruck schinden können.

HALLOWEEN KILLS ist dennoch nicht unbedingt die Fortsetzung geworden, die man von Green erwartet hätte. Es wirkt sogar fast wie ein Kurswechsel, denn das Sequel versucht gar nicht erst mehr als die genre-typischen Standardsituationen abzuspulen. Die aufgebauten Story-Bestandteile des Vorgängers werden insofern höchstens angerissen und kaum weitergeführt. Neu eingeführte Figuren dienen lediglich dazu Michael Myers vor das Messer zu laufen und doppelte Böden sind sowieso nicht auszumachen. Kurzum: Green setzt fast ausschließlich auf die Darstellung der Bedrohung durch das ikonisch überhöhte Auftreten der Hauptfigur.

Dementsprechend dünn ist das Handlungsgerüst, dass eher ein Hintergrundrauschen innerhalb der einzelnen Szenen ist und diese mit einem immer gleichen Ablauf strukturiert. Interessanterweise ähnelt der Film damit der allerersten Fortsetzung (ebenfalls mit Jamie Lee Curtis), die mit stark reduzierter Handlung den Geist der billig heruntergekurbelten Slasher-Filme der achtziger Jahre atmete. Passenderweise setzt HALLOWEEN KILLS wie HALLOWEEN 2 nur kurze Zeit nach den Ereignissen des Vorgängers ein. Damals wie heute funktioniert diese zeitliche Verknappung sehr gut, da die Bedrohungssituation einfach unmittelbar fortgeführt werden kann. Benötigt werden lediglich neue Settings, die der Film auch reichlich liefert, da Myers eine Schneise der Verwüstung durch die Kleinstadt Haddonfield zieht.

Obwohl die Strode-Frauen (gespielt von Jamie Lee Curtis, Judy Greer und Andi Matichak) es geschafft haben, Myers in einem brennenden Haus einzusperren, überlebt der unkaputtbare Serienmörder nämlich den wild wütenden Brand und dezimiert noch gleich die anrückende Feuerwehrmannschaft. Haddonfield ist diesmal allerdings nicht bereit kampflos aufzugeben. Angeführt von Überlebenden der ersten Morde in den siebziger Jahren formiert sich eine Bürgerwehr, die nicht vorhaben tatenlos zuzusehen, wie die Bewohner ihrer Stadt brutal ermordet werden. Evil dies tonight wird zum Schlachtruf der gepeinigten Kleinstadtbewohner, die bereit sind für ihr Ziel alles aufs Spiel zu setzen.

David Gordon Green liefert mit HALLOWEEN KILLS ein Paradebeispiel für die Überbietungslogik bei Horrorfilmfortsetzungen ab. Das Ausmaß der Exzesse, die der Film hier auffährt ist dennoch erstaunlich. Man fühlt sich erinnert an die Blütezeit des harten Horrors zu Beginn der achtziger Jahre, als junge Regisseure und alte Hasen im Filmbusiness mit expliziten Gewaltdarstellungen immer neue Extreme schufen. HALLOWEEN KILLS setzt ähnliche Schwerpunkte und scheut diesbezüglich weder lange Einstellungen noch Nahaufnahmen. Da die jeweiligen Sequenzen (und der gesamte Film) ohne ironische Brechungen oder sonstige entschärfende Elemente inszeniert wurden, wirkt das Sequel fast schon wie ein Fremdkörper im aktuellen Genre-Kino. Lediglich der häufige Einsatz von Jump scares verortet den Film in der Jetzt-Zeit und bedient gegenwärtige Sehgewohnheiten sehr offenkundig. Abseits der Splatter-Exzesse ist HALLOWEEN KILLS zumindest zeitweise spannend und atmosphärisch stimmig in Szene gesetzt. Einzelne Momente, etwa der knüppelharte Angriff auf einem dunklen Parkplatz oder Teile des Showdowns, sind sogar ziemlich stark und zeigen, dass es Green durchaus versteht auch Suspense zu inszenieren und Spannungsmomente nicht zu zerdehnen, sondern pointiert einzusetzen.

Bei den Figuren macht HALLOWEEN KILLS jedoch gleich mehrere Fehler. Zum einen fällt die Screentime der Strode-Frauen viel zu kurz aus, Szenen in denen die Darstellerinnen zusammen auftreten sind gar Mangelware. Zwar bindet das Sequel vor allem Allyson Strode (Andi Matichak) gegen Ende ein wenig mehr in das Geschehen ein, nichtsdestotrotz verliert der Film durch die kaum vorhandene Präsenz der Strode-Damen an Kraft und Dynamik, da beim weiblichen Cast eigentlich handlungsseitig alle Fäden zusammenlaufen und sie darüber hinaus die einzigen Figuren sind, die über eine nachvollziehbare charakterliche Tiefe verfügen. Statt wie beim Vorgänger den Fokus auf die Strodes zu legen, erweitert der Film mit gleich mehreren neuen Figuren das Ensemble, das von den ersten Haddonfield-Morden betroffen war.

Eine stärkere Bindung an die Figuren wird durch diese Drehbuch-Entscheidung aber natürlich nicht automatisch geschaffen. Insbesondere wenn man bedenkt, dass einige dieser Personen zu den ersten Opfern von Myers zählen und dementsprechend so schnell wieder verschwinden, wie sie eingeführt wurden. Lediglich über den Polizist Hawkins erhält man mehr Hintergrundinformationen, die der Film primär über einige gut getimte und packende Rückblicke aufzeigt. Zumindest mit dieser Figur reicht der Film dem Publikum ein handlungsleitendes Element, dass emotional involvieren soll und es auch tut.

Auch bedingt durch die guten schauspielerischen Leistungen gelingt es HALLOWEEN KILLS zudem immer wieder höchst effektiv zu verschleiern, wie grobschlächtig das bierdeckelgroße Drehbuch eigentlich durch die Geschichte pflügt. Der höchst effektive Score und das gekonnte Spiel mit den jeweiligen farblichen Abstufungen der nächtlichen Dunkelheit verschafft dem Film außerdem eine eigene optische Note, die man ebenfalls als Pluspunkt verbuchen muss.

HALLOWEEN KILLS ist von einem Must-See-Titel zwar so weit entfernt wie Michael Myers von psychischer Gesundheit, komplett reizlos ist der Film im Endeffekt aber auch nicht. Mit seiner harschen Herangehensweise sticht die Fortsetzung unter den Horrorfilm-Produktionen der letzten Monate zudem deutlich heraus. Ob dies nun gut oder schlecht ist, hängt von der individuellen Sichtweise ab. Was den einen Teil des anvisierten Publikums abschrecken dürfte, wird möglicherweise bei anderen Zielgruppen großen Anklang finden. So oder so könnte dieser Film der Vorbote einer neu entdeckten Hinwendung zum enthemmten und oft höchst innovativen Horror-Kino der frühen achtziger Jahre sein. Welche Chancen damit verbunden sind und welche Potentiale hier schlummern, wird sich zeigen.











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