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DER GUTE HIRTE (USA 2006)

von Hasko Baumann

Original Titel. THE GOOD SHEPHERD
Laufzeit in Minuten. 167

Regie. ROBERT DE NIRO
Drehbuch. ERIC ROTH
Musik. BRUCE FOWLER . MARCELO ZARVOS
Kamera. ROBERT RICHARDSON
Schnitt. TARIQ ANWAR
Darsteller. MATT DAMON . ANGELINA JOLIE . ALEC BALDWIN . ROBERT DE NIRO u.a.

Review Datum. 2007-01-24
Kinostart Deutschland. 2007-02-15

Es muß für einen Schauspieler interessant sein, sich von einem anderen inszenieren zu lassen; vielleicht ist es auch hauptsächlich anstrengend. Wenn aber der Mann auf dem Regiestuhl auch noch Robert De Niro heißt - trotz hundsgemeiner Klamottenauftritte in den letzten fünfzehn Jahren immer noch und immerdar einer der Größten seiner Zunft - dürfte der Druck immens sein. Vielleicht ist das ein Grund dafür, daß De Niros Regiekarriere nach seinem sympathischen Debüt A BRONX TALE gleich wieder zum Erliegen kam. Daß er einige Szenen von THE SCORE inszenieren mußte, weil Marlon Brando den Regisseur Frank Oz nicht ertrug, hat dabei keine Bedeutung. Er muß jedoch immer mit dem Gedanken gespielt haben, denn nun ist De Niro, der Regisseur, zurück.

Für seinen zweiten Film DER GUTE HIRTE hat sich De Niro für einen Stoff entschieden, der fast zwei Jahrzehnte erzählt. Für die Narrative hat sich De Niro die epische Breite ausgesucht. Fast drei Stunden benötigt der Film, um die Entstehung der CIA anhand der persönlichen Geschichte eines Mannes namens Edward Wilson zu erzählen. Zumindest glaubt De Niro, daß er dafür drei Stunden benötigt. Wir lernen Wilson (Matt Damon) zu Zeiten der Kubakrise kennen, schon paranoid und verunsichert, und erfahren in Rückblenden den gesamten Film hindurch, wie er von der Skull and Bones Society in Yale zum Office of Strategic Services, Vorläufer der CIA, gelangt. Wir erfahren auch, daß sein Privatleben zur Hölle fährt, als die Fleischeslust (Angelina Jolie) über die Liebe (Tammy Blanchard) siegt und er sich zur Eheschließung mit dem schwangeren Seitensprung genötigt sieht. Wilson ist ein Miesepeter, den man nach einer halben Stunde zum ersten Mal lächeln sehen darf; seine Frau kann ihn nicht leiden, sein Sohn kann ihn nicht leiden, seine Untergebenen (John Turturro) und Vorgesetzten (William Hurt) können ihn nicht leiden, und sein Vater hat sich erschossen. Vielleicht konnte der ihn auch nicht leiden. Was das Schlimmste ist:
Der Zuschauer kann ihn auch nicht leiden.

Nach einer Stunde hat man genug von Matt Damons stoischem Gemaule. De Niro erlaubt seiner Hauptfigur und ihrem Darsteller nicht den geringsten Ausdruck von Emotion oder Leichtigkeit. Alles wiegt tonnenschwer in diesem Film, der sich erst nach einer Stunde überhaupt einmal einen Anflug von Humor oder Menschlichkeit gestattet - ausgerechnet wenn Turturro sich über Damons schlechte Laune mokiert. Die prominente Besetzung wird größtenteils verschenkt, insbesondere die Auftritte von Alec Baldwin und ausgerechnet De Niro selbst wirken selbstzweckhaft und störend. Nur die drei Frauen in Wilsons Leben geben DER GUTE HIRTE vorübergehend einen Anflug von Wärme, und Angelina Jolie, Tammy Blanchard und besonders Martina Gedeck ergreifen diese seltenen Gelegenheiten.

De Niros Inszenierung kann bestenfalls als "stilsicher" durchgehen, tatsächlich ist sie aber glatt und uninspiriert. Bis auf die Eingangssequenz, in der Kameraveteran Robert Richardson Anonymität und Paranoia wirksam einfängt, gibt es hier genauso wenig Herausragendes zu sehen wie auf der narrativen Ebene. Man könnte die Konsequenz loben, mit der Autor Eric Roth hier die eisige Kälte der Geheimdienstwelt ausmalt, wie er ihre Foltermethoden nicht verschweigt und seine Hauptfigur selbst die Familie den Interessen der Agentur unterordnen läßt. Ja, Eric Roth hat THE INSIDER und MUNICH geschrieben. Aber von ihm stammen auch die Bücher zu POSTMAN, MR. JONES und AIRPORT 79, und genau auf diesem Niveau pendelt sich letztlich auch THE GOOD SHEPERD ein, wenn er eine potenziell spannende Geschichte an einen unspannenden persönlichen Konflikt verschenkt.

Es ist aber dem Produzenten De Niro vorzuwerfen, daß er seinen Regisseur De Niro nicht gemaßregelt hat. Die knappen drei Stunden von DER GUTE HIRTE fühlen sich an wie Tage; wie lange, öde, freudlos sich dahinschleppende Regentage, die man mit einer anstrengenden Tätigkeit verbringt, die man sich nicht ausgesucht hat und deren Ende man herbeisehnt. Das Ende kommt nach 167 endlosen Minuten, und schon lange nicht mehr war man so erschöpft und unbeteiligt nach Ansicht eines Films.











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