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GREEN ROOM (USA 2015)

von André Becker

Original Titel. GREEN ROOM
Laufzeit in Minuten. 94

Regie. JEREMY SAULNIER
Drehbuch. JEREMY SAULNIER
Musik. BROOKE BLAIR . WILL BLAIR
Kamera. SEAN PORTER
Schnitt. JULIA BLOCH
Darsteller. ANTON YELCHIN . PATRICK STEWART . IMOGEN POOTS . ALIA SHAWKAT u.a.

Review Datum. 2016-06-10
Kinostart Deutschland. 2016-06-02

Auf Jeremy Saulnier ist Verlass. Nach dem erstklassigen BLUE RUIN ist ihm mit GREEN ROOM ein weiterer Volltreffer gelungen. Erneut zeigt der Regisseur eine unbändige Lust am klassischen Genre-Kino amerikanischer Prägung. Sein neuester Film schert sich deshalb nicht groß um innovatives Storytelling oder ausgefeilte Twists, sondern setzt stattdessen auf gängige Genre-Strukturen bei deren ungemein gekonnter Ausformulierung Erinnerungen an Klassiker des Spannungskinos aufleben. Zügig und ohne erzählerische Verrenkungen entwirft Saulnier ein schweißtreibendes Bedrohungsszenario, bei dem sich die Schlinge um den Kopf der Protagonisten immer fester zuzieht und eine verhängnisvolle Gewaltspirale ihren Lauf nimmt.

Die Tour der vierköpfigen Punkrockband Ain't Rights (u.a. Anton Yelchin, Alia Shawkat) könnte besser laufen. Erst geht ihnen das Benzin aus und schließlich wird einer ihrer letzten Gigs in einer größeren Stadt kurzerhand abgesagt. Ihr Kontaktmann vor Ort überzeugt sie dennoch ein weiteres Konzert zu spielen. Ziel ist eine abgelegene Location mitten in der Provinz, wo die Musiker als Vorband eines Gigs mit mehreren Hardcore-Bands auftreten sollen. Was die eingeschworene Truppe nicht weiß: Das Publikum besteht größtenteils aus rechten Schlägern, die auf die Punkattitüde der Gruppe nicht wirklich wohlgesonnen reagieren. Irgendwie schaffen es die Vier das Konzert unbeschadet zu überstehen, nur um sich sogleich in einer neuen Notlage wiederzufinden. Im Backstagebereich stoßen sie auf eine Leiche und mehrere Nazis, die ihnen alles andere als freundlich gesinnt gegenüberstehen. Als die ersten kläglichen Versuche die Polizei zu verständigen misslingen und der Ober-Nazi (Patrick Stewart) auftaucht, bricht die Hölle los.

GREEN ROOM ist ein beängstigend effizient erzählter Film. Saulnier peitscht die simple Geschichte unaufhaltsam voran und lässt dem Zuschauer kaum Zeit zum Luftschnappen. Die Rollen sind klar verteilt und Ambivalenzen bei den Guten und Bösen werden nicht mal im Ansatz zugelassen. Dies ist aber auch gar nicht nötig, denn Saulnier beweist bei der Figurenzeichnung großes Geschick darin lebensnahe Charaktere zu entwerfen, die stets glaubhaft und nachvollziehbar handeln. Diesbezüglich gibt sich der Film betont realistisch. Wer bei dem Aufeinandertreffen gewaltbereiter Nazis und linker Punkrocker ein ausgedehntes, durchchoreographiertes Actionspektakel erwartet ist jedenfalls an der falschen Adresse.

Die explizite Gewalt, die GREEN ROOM als schonungslose Akte viehischer Raserei vermittelt, gerät dabei nie zum Selbstzweck und ist notwendiger Teil der übergeordneten Perspektive, die im Film spätestens nach dem ersten Gegenschlag der Punkband anklingt. Saulnier zeigt uns eine unbarmherzige, eine zutiefst brutale Welt, in der das Verharren auf archaischen Konfliktlösungsstrategien unumgänglich ist. Schonungslos ist der Film dahingehend ebenfalls mit seinen Figuren. Sympathieträger werden gnadenlos niedergemetzelt und scheiden schneller aus der Handlung aus, als es zunächst den Anschein hat.

Insofern bleibt der Thriller immer unberechenbar, was noch einmal zusätzlich auf das Spannungsniveau einzahlt. In Punkto Spannung ist die Produktion in diesem noch jungen Kinojahr sowieso fast konkurrenzlos, denn die Art und Weise wie der Regisseur hier inszenatorisch die Geschehnisse zuspitzt ist von fiebriger Intensität. Für den Film spricht zudem dass er auch schauspielerisch hervorragend ist und bis in die Nebenrollen mit tollen Darstellern auftrumpfen kann. Über alle Zweifel erhaben ist natürlich Patrick Stewart, der mit dieser ungewohnten Rolle in seiner reduzierten, eiseskalten Mimik das eine oder andere Mal tatsächlich an Takeshi Kitano erinnert. Ebenfalls sehr überzeugend sind Anton Yelchin (ODD THOMAS) als grüblerischer, sehr jungenhafter wirkender Gitarrist, der im Filmverlauf über sich selbst hinauswächst sowie eine kaum wiederzuerkennende Imogen Poots (DRECKSAU, A LONG WAY DOWN), die mit ihrer Darstellung der knallharten Nazibraut eine denkwürdige Performance abliefert.

GREEN ROOM ist somit ein durchweg sehenswerter Genre-Film, der einen weiteren Beweis dafür liefert, dass Jeremy Saulnier sein Fach versteht und es schafft aus einer simplen Story-Prämisse ein Maximum an Wirkung herauszuholen. Dass der Thriller nach mehreren Festivalaufführungen (Cannes, BIFF, Fantasy Film Fest Nights etc.) nun einen regulären Kinostart erhalten hat und einem größeren Publikum zugänglich gemacht wird, kann darüber hinaus gar nicht oft genug lobend erwähnt werden.











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