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GLAUBENSFRAGE (USA 2008)

von Florian Lieb

Original Titel. DOUBT
Laufzeit in Minuten. 104

Regie. JOHN PATRICK SHANLEY
Drehbuch. JOHN PATRICK SHANLEY
Musik. HOWARD SHORE
Kamera. ROGER DEAKINS
Schnitt. DYLAN TICHENOR
Darsteller. MERYL STREEP . PHILIP SEYMOUR HOFFMAN . AMY ADAMS . VIOLA DAVIS u.a.

Review Datum. 2009-01-21
Kinostart Deutschland. 2009-02-05

Die Skandale sind hinlänglich bekannt. Katholische Priester misshandeln Kinder, bevorzugt Jungen, sexuell. Gerne ihre Messdiener, da diese leicht bei der Hand sind. Ein offenes Geheimnis innerhalb der Katholischen Kirche und in den meisten Fällen totgeschwiegen. Ohnehin ein Irrglauben, ein Mensch, sprich Mann, könne sein ganzes Leben lang seine Sexualität unterdrücken. Aus diesem Grund erlaubte die Protestantische Kirche die Eheschließung. Nichtsdestoweniger ist sexuelle Misshandlung von Kindern durch (katholische) Gottesmänner ein delikates Thema. Oscarpreisträger John Patrick Shanley nahm sich dieses Themas an, verfasste im Jahr 2004 ein Theaterstück namens Doubt: A Parabel und gewann ein Jahr später dafür den Pulitzer Preis im Bereich Drama.

In einer Bostoner Kirche der St. Nicholas Gemeinde im Jahr 1964 hält der Priester Brendan Flynn (Philip Seymour Hoffman) seine Sonntagspredigt. Das Thema: Zweifel. Zweifel zu haben sei etwas ganz natürliches und auch etwas gutes, erinnert Flynn seine Gemeinde mit freundlichem Blick. Währenddessen marschiert die Obernonne Schwester Aloysius (Meryl Streep) durch die Bänke und mahnt die Schüler der Katholischen Schule zu Aufmerksamkeit und Gehorsam. Shanley etabliert hier früh seine in den nächsten neunzig Minuten folgende Rollenverteilung. Guter Cop, böser Cop. Die Bilder und Szenen werden sich noch mehrmals wiederholen. Auf der einen Seite Flynn, wie er in geselliger Runde mit dem Bischof und Kaplan zu Abend sitzt und sich das Maul zerreißt. Auf der anderen Seite Schwester Aloysius, die über ihre Schwesternschaft ein hartes Regiment führt und ihre Mitschwestern gerne auch mal zwingt aufzuessen, obwohl es diesen nicht zu schmecken scheint.

Während Schwester Aloysius bei den Schülern gefürchtet wird, gehört Vater Flynn die Sympathie. Sein lockerer, oft flapsiger Umgang mit der Schülerschaft kommt gut an. In einer Szene tritt eine Schülerin an ihn heran und gesteht ihm, dass sie sich in einen ihrer Mitschüler verliebt hat. Flynn muntert sie auf, diesem ihre Gefühle zu gestehen. Ein Moment, der mit "Kirchennazi" Aloysius undenkbar wäre. Einer jener Momente, die aber auch dazu führen, dass in GLAUBENSFRAGE ein Konfliktpotenzial entsteht. Denn Shanley schreibt das Jahr 1964 und somit sind es noch vier Jahre hin bis zu Reverend Martin Luther King Juniors historischer Gleichstellungsbewegung. Mit Donald Miller (Joseph Foster II) findet sich erstmalig ein afroamerikanischer Schüler an der St. Nicholas Schule. Das macht Donald zugleich zum Außenseiter. Ein Fakt, der dem Publikum jedoch erst offenbar wird, als ihn Schwester Aloysius deklariert. Zuvor lieferte Shanley kein Anhaltszeichen dafür, dass es Donald besonders schwer hätte. Im Gegenteil, in der ersten Szene des Filmes zeichnet der Regisseur ein freundschaftliches Verhältnis der beiden Messdiener Donald und Jimmy.

Von all seinen Schülern pflegt Flynn zu Donald ein besonders freundschaftliches Verhältnis. Die Schwierigkeiten des Jungen feststellend, hält der Priester seine beschützende Hand über diesen. Eines Tages ruft Flynn den Jungen während des Unterrichts zu sich in die Kanzlei. Als er zurückkommt, wirkt er verstört, sein Atem riecht nach Alkohol. Die lehrende Nonne Schwester James (Amy Adams) beginnt Zweifel zu hegen. Schließlich hat Schwester Aloysius erst neulich darauf hingewiesen, ein Auge auf Vater Flynn zu haben. Die junge Nonne "beichtet" das Erlebnis ihrer Vorgesetzten, die sogleich das Schlimmste ahnt. Sie konfrontiert Flynn mit ihren Vorwürfen und zwischen den beiden Kirchenvertretern beginnt ein Machtkampf zu kulminieren, aus dem nur einer von ihnen als Sieger – oder Siegerin – hervortreten kann.

Mitte der Sechziger war eine "revolutionäre" Zeit der Katholischen Kirche. Auf dem zweiten vatikanischen Konzil versuchte sich die Kirche etwas der Gegenwart anzupassen und lockerte sich etwas. Dieser Kontrast zwischen "alt" und "neu" gefiel nicht jedem in der Kirche und Shanley projiziert diesen Kontrast in seinem Stück bzw. Film auf die beiden Figuren Aloysius/Flynn. Sinnbildlich hierfür steht eine Szene, in der über das kommende Weihnachtsstück in der Schule gesprochen wird. Vater Flynn und Schwester James setzen sich dafür ein, dass auch nicht christliche Weihnachtslieder zur Auflockerung in das Programm einbezogen werden. Schwester Aloysius hingegen würde diese "heidnischen" Lieder am liebsten verbieten lassen. Sie ist eine rudimentäre Frau, die mit Kugelschreibern nichts anfangen kann und die Nase rümpft, wenn jemand mehr als einen Löffel Zucker in seinen Tee gibt.

Zwischen diesen beiden starken Figuren platziert Shanley die unerfahrene Schwester James, die praktisch sinnbildlich für den Zuschauer steht. So richtig wie ihre Kollegin will sie zwar nicht sein, drückt gerne mal ein Auge zu und nimmt nicht alles so ernst. Aber das funktioniert nicht immer und gelegentlich muss man auch mal zum Zuckerbrot die Peitsche holen. Es ist der Zweifel von Schwester James, mit dem das Publikum sich am meisten identifizieren kann. Hat sich Flynn an Donald vergangen oder klingt seine Begründung für die Ereignisse plausibel? Dies ist die Frage, mit der sich alle Figuren, auch Donalds Mutter (Viola Davis) im Laufe der zweiten Hälfte des Filmes auseinandersetzen müssen. Die Antwort muss am Ende jeder für sich selbst finden, da Shanley pflegt lediglich seinen Flynn-Darstellern (sei es bei Bühnenaufführungen oder in der Kinoversion) zu offenbaren, ob der Priester schuldig ist oder nicht. Mit GLAUBENSFRAGE präsentiert der Regisseur und Autor somit einen Gedankenanstoß, der dafür sorgt, dass man den Film nicht nach dem Abspann vergisst, sondern sich weiterhin mit dem was man gesehen hat, auseinandersetzen muss oder soll.

Inszenatorisch zeugt GLAUBENSFRAGE davon, dass Shanley selten Regie bei einem Spielfilm führt. Er experimentiert etwas mit der Kamera und präsentiert oft Einstellungen, die aus der Schräge kommen und gerne auch in Nahaufnahmen ihren Darstellern zu Leibe rücken. Dies wirkt ebenso wie Howard Shores Komposition bisweilen aufdringlich, wie ohnehin die Geschichte meist vor sich dahinplätschert. Die große Stärke des Filmes ist daher weniger seine Handlung, sondern vielmehr sein Schauspielensemble. Zurecht wurden die drei Hauptdarsteller und Viola Davis für Golden Globes nominiert. Meryl Streep gibt die kühle Hexe sehr gekonnt und findet in Philip Seymour Hoffman einen ebenbürtigen Gegner. Amy Adams wiederum hat bereits langjährige Erfahrung darin, den Part eines unschuldigen, naiven Mädchens zu spielen. Wenn auch die Handlung und Regie nicht immer zu überzeugen wissen, so ist der Film allein wegen der Leistung seiner Darsteller sein Eintrittsgeld wert.











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