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THE GIRL NEXT DOOR (USA 2007)

von Martin Eberle

Original Titel. THE GIRL NEXT DOOR
Laufzeit in Minuten. 91

Regie. GREGORY WILSON
Drehbuch. DANIEL FARRANDS . PHILIP NUTMAN
Musik. RYAN SHORE
Kamera. WILLIAM M. MILLER
Schnitt. M.J. FIORE
Darsteller. BLYTHE AUFFARTH . DANIEL MANCHE . BLANCHE BAKER . GRAHAM PATRICK MARTIN u.a.

Review Datum. 2008-03-24
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Ein Bunsenbrenner. Showdown. Traurige Gedanken am Fluss. Eine kitschige Vergebungssequenz. Abspann. Applaus. Ich bin wütend.

Regisseur, Drehbuchautor und Nebendarsteller entern die Bühne, um beim q & a über ihren Film zu plaudern. Fantastic Fest 2007 in Austin/Texas.
Ich erwarte eine Erklärung. Irgendeine Erklärung. Schließlich wurde ich gerade Zeuge der Komplettdemontage eines Menschen bis hin zur physischen Vernichtung. Intensität war bereits angekündigt worden. Nicht aber das, was ich gerade sehen musste.

THE GIRL NEXT DOOR erzählt die Leidensgeschichte einer niedlichen Teenagerin, die von ihrer Tante in einer endlosen Folge von Demütigungen und sexuellen Erniedrigungen langsam zu Tode gefoltert wird. Immer unter Anteilnahme der Nachbarskinder. Grundlage der Romanvorlage von Jack Ketchum war der reale Fall der Sylvia Likens. Sie und ihre Schwester waren bei einer Pflegefamilie untergebracht bis Sylvia im Oktober 1965 durch die Misshandlungen ihrer Pflegemutter und der Nachbarskinder starb.

Dieser Fall einer mörderischen Gruppendynamik, die stetig fortschreitende Enthumanisierung des Opfers hinterlässt schiere Ratlosigkeit. Genau so wie die Verfilmung von Gregory Wilson. Denn, und das macht den Film so unerträglich, anstatt den Fall aufzurollen, die Täter, das Opfer zu Wort kommen zu lassen, wenigstens zu versuchen, eine Form der Erklärung für die unfassbaren Geschehnisse zu suchen, wird der reale Fall lediglich als Vorlage für einen schäbigen, sadistischen, stupiden torture-porn genutzt. THE GIRL NEXT DOOR interessiert sich in keiner Minute für das Mädchen selbst. Nur für die plakative Zurschaustellung ihres Leids.

Wilson lässt die Kamera an dem niedlichen Mädchen auf- und abgleiten, stellt ihr Leid, ihren körperlichen Niedergang, die sexuellen Demütigungen sabbernd und voyeuristisch aus. Seine Behauptung, der reale Fall sei ihm sehr wichtig gewesen, stimmt sicher insoweit, als dass er ihm die Legitimation für sein räudiges Machwerk liefert. Mit lapidaren Details hat er sich nicht befasst:

Frage aus dem Publikum: Was ist mit der Pflegemutter geschehen? Ist sie verurteilt worden?
Antwort des Regisseurs: Hm, nein, sie ist davon gekommen. Aber das wollten wir den Zuschauern nicht zumuten. Deswegen haben wir sie im Film eine Strafe kriegen lassen.
Intervention des Drehbuchautors: Na ja, also, sie ist dann doch für 20 Jahre ins Zuchthaus gekommen.

Ja nun. Eine Information, die Wilson mit zwei Klicks im Internet zur Verfügung gestanden hätte. Aber man muss ja Prioritäten setzen, sich weitere Unfassbarkeiten ausdenken, sich die Vergewaltigung, den Bunsenbrenner ausmalen, um noch einen drauf zu setzen, um ja den Schocker des Jahres zu produzieren. Und alle anderen Facetten ausblenden. Zum Beispiel der Umstand, dass die Peinigerin Sylvias, Gertrude Baniszewski, kein reines Monster war, sondern eine überforderte Mutter von sechs Kindern, dass ihr Exmann sie schlug, wenn er sich genervt fühlte, dass sie in ihrer Gemeinde sozial geächtet war...
Auch, dass unbescholtene Kinder, Teenager aus der Nachbarschaft, die sich bei Baniszewski trafen, sich dort entspannten, plauderten, dann später die Erniedrigungen und Quälereien an Sylvia verfolgten, irgendwann dann sogar daran teilnahmen...

All das macht den Fall Likens so unfassbar, so schrecklich: die Frage, wie eine Gruppe von Menschen sich so weit von jeder Menschlichkeit, von jedem Mitgefühl hat entfernen können. Und das hätte eine sensible Aufarbeitung so spannend werden lassen können. So geschehen übrigens bei der sehr eindringlichen Verfilmung von Tommy O'Haver aus dem selben Jahr, AN AMERICAN CRIME. Ein Film, der die düsteren Gelüste von verschwitzten Händen unter der Tagesdecke eben nicht bedient.

Der Unterschied ums Ganze wird durch ein wesentliches stilistisches Detail deutlich. Bei AN AMERICAN CRIME erzählt das Opfer seine Geschichte selbst. Bei THE GIRL NEXT DOOR wird ihr die Deutungshoheit genommen. Ein älterer Herr hat die Sicht der Dinge. In der Retrospektive leidet er an der Schuld, als Junge damals dem Mädchen nicht genug geholfen zu haben. Das Opfer bleibt weiter sprachlos, passiv, der männlich-selbstmitleidige Blick nur auf sich selbst gerichtet. Um dann ungestört die Zurschaustellung der Erniedrigung eines jungen Mädchens als Wichsvorlage zu nutzen. Mit dieser niederträchtigen Blut-und-Sperma-Produktion ist Sylvia Likens und ihr Leiden ein weiteres Mal furchtbar missbraucht worden. Von Filmemachern, die mit kindlichem Stolz auf den Tabubruch den ersten eigenen großen Schiss auf die Leinwand brachten: "Guck mal, Mami, habe ich selbst gemacht! Bitte nicht wegmachen!" Doch. Bitte doch wegmachen. Schnell. Mir ist schlecht.











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