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THE EYES OF MY MOTHER (USA 2016)

von André Becker

Original Titel. THE EYES OF MY MOTHER
Laufzeit in Minuten. 76

Regie. NICOLAS PESCE
Drehbuch. NICOLAS PESCE
Musik. ARIEL LOH
Kamera. ZACH KUPERSTEIN
Schnitt. NICOLAS PESCE . CONNOR SULLIVAN
Darsteller. KIKA MAGALHAES . OLIVIA BOND . WILL BRILL . DIANA AGOSTINI u.a.

Review Datum. 2017-01-30
Kinostart Deutschland. 2017-02-02

THE EYES OF MY MOTHER ist ein wahrhaft bedrückender Film. Eine in schwarzweiße Bilder getauchte Reflexion über Einsamkeit, Isolation und die aufkeimende und schließend in all ihrer Grausamkeit durchbrechende Mordlust einer jungen Frau. Ein schonungsloser, ein brutal konfrontativer, aber auch sehr kunstvoller Film, der eine tiefe und weiterführende Auseinandersetzung geradezu herauf beschwört.

Es passiert ganz unvermittelt. Die Welt der kleinen Francisca (Olivia Bond) bricht innerhalb weniger Sekunden zusammen. Ein fremder Mann verschafft sich unter einem Vorwand Zutritt in das Elternhaus des Mädchens und tötet in einem Gewaltrausch die Mutter. Regisseur Nicolas Pesce zeigt diese Tat als ein fast beiläufiges Ereignis. Ein Moment blanken Entsetzens, der eine scheinbar unaufhaltsame Spirale weiterer Gewalt in Gang setzt. Der Mord wird so zum Ausgangspunkt der Entwicklungsgeschichte des Mädchens. Szenenwechsel: Der Mann, vom Vater überwältigt, ist in einer Scheune angekettet. Neu gesetzt sind somit die Machtverhältnisse, die darin gipfeln dass das Kind dem Mörder das Augenlicht und die Fähigkeit zum Sprechen nimmt.

Der Mann in der Scheune bleibt auch in den Folgejahren anwesend. Nach dem Tod des Vaters ist dieser gar die einzige Bezugsperson von Francisca (Kika Magalhaes). Doch diese Beziehung ist ebenso wenig von Dauer. An den Rand absoluter Einsamkeit gedrängt beschließt die mittlerweile erwachsene junge Frau die Welt außerhalb ihres Elternhauses zu erkunden. Ein Vorhaben mit weitreichenden Folgen, denn Francisca greift zu immer drastischeren Maßnahmen um die allumfassende Leere in sich zu füllen.

Aufgrund einiger ungemütlicher und teils grafischer Momente gerät man kurz in Versuchung den Debütfilm von Nicoals Pesce in die Nähe eines Genre-Films zu rücken. Mit einer solchen Vereinfachung bliebe man jedoch lediglich an der Oberfläche kleben. THE EYES OF MY MOTHER ist ein enorm vielschichtiger Film, der sein Sujet auf ganz unterschiedliche Weise beleuchtet. Pesce bietet dabei nur sehr vage Antworten und verweigert das Aufzeigen einer Kausalitätskette. Der Mord an der Mutter ist zwar klar als Schlüsselmoment erkennbar, dennoch macht der Regisseur gleichsam deutlich dass dies nur ein möglicher Einflussfaktor für die Geschichte rund um Francisca ist.

Gleiches gilt für das Motiv der Augen. Ist es das Sehen oder das Nichtsehen, was hier betont werden soll? Die Vergegenwärtigung oder das Aussperren der Wirklichkeit? Eine Angleichung der Beziehungsverhältnisse (die Opfer erleben durch ihre Blindheit eine ebenso unausweichliche Dunkelheit der Lebenswelt wie Francisca) oder eine bewusst herbeigeführte Abgrenzung? Es sind diese Fragen, die das Erstlingswerk zu einem sehr fordernden Seherlebnis machen und die der Regisseur eher mit den Mitteln eines nihilistischen Dramas als mit den Mechanismen eines Horrorfilms aufwirft.

Letztendlich könnte man über die Lesart von THE EYES OF MY MOTHER noch viel schreiben. Eine vollumfängliche Interpretation kann und wird es in diesem Kontext allerdings nicht geben. Pesce dringt mit seinem Film in Sphären vor, die bisweilen schwer auszuhalten sind, nichtsdestotrotz aber einen hypnotischen Sog entwickeln, dem man sich als aufgeschlossener Zuschauer nicht entziehen kann (und sollte). Mit teils gemäldegleichen Bildern, die trotz aller Morbidität, eine tiefe, gar traumwandlerische Schönheit vermitteln öffnet der Film in seiner kurzer Laufzeit eine Pforte zur Dunkelheit, die im Independent-Kino schon lange nicht mehr so eindrücklich aufgestoßen wurde.











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