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ES (USA 2017)

von Andreas Günther

Original Titel. IT
Laufzeit in Minuten. 135

Regie. ANDY MUSCHIETTI
Drehbuch. CHASE PALMER . CARY FUKUNAGA . GARY DAUBERMAN
Musik. BENJAMIN WALLFISCH
Kamera. CHUNG-HOON CHUNG
Schnitt. JASON BALLANTINE
Darsteller. JAEDEN LIEBERHER . JEREMY RAY TAYLOR . SOPHIA LILLIS . BILL SKARSGARD u.a.

Review Datum. 2017-09-28
Kinostart Deutschland. 2017-09-28

Die Neuverfilmung ES lässt sich ohne einen Blick in Stephen Kings Romanvorlage kaum kritisch würdigen. Es ist ein Werk von beachtlichen Dimensionen und Ambitionen, vielleicht Kings Opus Magnum. Es handelt sich um eine Art Gegenentwurf zu Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" aus der Seelenpein vor allem US-amerikanischer Horrortradition. Selbstverständlich verfügt King über ein weitaus geringeres Schreibtalent als Proust. Kabinettstückchen kompositorischer Virtuosität können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Qualität zwischen ergreifend großartig und beschämend schlecht schwankt.

Aber schon die Länge - die deutsche Neuübersetzung umfasst mehr als 1500 Seiten - und erst recht das übergeordnete Thema rücken "Es" in die Nähe Prousts. Proust nimmt sich 100 Seiten für die Beschreibung einer einzigen Party im Paris der Jahrhundertwende, Kings Wiedersehensfeier alter Freunde in einer Kleinstadt in Maine fällt nicht weniger umfangreich aus. Vor allem aber geht es hier wie dort um willkürliche, durch das Bewusstsein herbeigeführte, und unwillkürliche, durch scheinbar zufällige Umstände aktivierte Erinnerung. Vergangenheit und Gegenwart sind aufs Äußerste verzahnt, auch stilistisch. Es gilt, verschüttete Kindheit zu entsiegeln. Aber die ist nicht zauberhaft und betörend wie bei Proust, sondern angefüllt mit Schrecken und Tod, mit dem Terror des Vergnügens, den ein dämonischer Clown namens Pennywise mit Luftballons und auffälligen orangefarbenen Pompons als Knöpfen an seiner Jacke verkörpert.

Unter Pennywise' Regie rast alle 27 Jahre eine Welle von Morden meist an Kindern durch die Kleinstadt Derry in Maine. Sechs Jungen und ein Mädchen im Alter zwischen elf und zwölf Jahren, Bill, Ben, Eddie, Stan, Mike, Richie und Beverly, alles Außenseiter, nehmen die Spur des Clowns auf und versuchen ihn zur Strecke zu bringen. Doch 27 Jahre später, als Erwachsene, die ihre Kindheit verdrängt haben, stehen sie vor demselben Problem. Mitten in den zwangsoptimistischen Reagan-Jahren hat King großen Erfolg mit einem Buch klaustrophobischen und manchmal neurotischen Trübsinns gehabt.

Ironischerweise 27 Jahre nach der Verfilmung durch das US-Fernsehen kommt nun die erste Leinwandadaption ins Kino. Regisseur Andy Muschietti und seine produzierende Schwester Barbara haben ES vor allem für den US-Markt des Jahres 2017 hergerichtet. In erster Linie bedeutet das Aktualisierung. Die Monsterjagd der Kinder in der Kanalisation ihrer Heimatstadt findet nun nicht mehr im Sommer 1958, sondern in dem von 1989 statt. Für 2019 ist das "Chapter Two" von ES angekündigt. Dieses wird sich dann wohl mit den Erlebnissen der Erwachsenen um 2016 herum befassen, die im "Chapter One" vollständig ausgeklammert sind. Mit dieser Aufteilung - und das ist der zweite Menüpunkt in der marktgerechten Zubereitung der Muschiettis - reißen wie in der Fernsehfassung die Fusion die Zeiten auseinander. Der Prozess des Erinnerns ist damit obsolet.

Drittens unterziehen die drei Drehbuchautoren den King-Stoff einer gründlichen Reinigung von Anstößigem. Das gereicht nicht immer zum Nachteil. Bei King ist das Grauen oft mit der Entladung von Obszönität verknüpft, die beim Lesen zunehmend anödet. Das Autoren-Trio von ES versteht es hingegen, das inzestuöse Begehren von Beverlys Vater (Stephen Bogaert) nach seiner Tochter (Sophia Lillis) in Andeutungen zu fassen, die beklemmender sind als alles Explizite. Den Kids ihre altersgemäße Lust an Obszönitäten der Sprache zu nehmen, erscheint schon eher als Problem. Dass die Initiationsorgie der Kinderschar ausgelassen ist, wird niemanden verwundern. Sie wäre auch für ein nicht als prüde bekanntes Publikum schwer zu verkraften, und das nicht zu Unrecht. King hat sich zu einer Darstellung von Sexualität unter Kindern hinreißen lassen, die nicht nur wegen ihrer Kitsch-Mystik und ihres sprachlichen Voyeurismus äußerst bedenklich wirkt.

Viertens baut ES eine Geisterbahn für den Zuschauer auf, die in ihrer Gänsehaut-Effizienz die Vorlage weit hinter sich lässt. Die ersten tausend Seiten behandelt der Roman das Grauen fast als Nebensache, die gelegentlich durch die Oberfläche blitzt. Nostalgie und die Leere des Kleinstadtlebens, Auseinandersetzungen mit älteren Kindern und gemeinsame Abenteuer, erstes Verliebtsein und Konflikte mit den Eltern stehen im Mittelpunkt. Erst die letzten fünfhundert Seiten stürzen in eine Kaskade von Schocks, Blut und Todesfurcht. ES gebärdet sich pompöser und systematischer zugleich. Klotzen, nicht bloß Kleckern, ist angesagt. Der grell geschminkte Mund von Pennywise (Bill Skarsgård) weitet sich erst zum Rachen mit Haifischzähnen und dann zum feurigen Höllenschlund, während King sich meist mit der Betonung seines höhnischen Lachens zufriedengibt. Wo bei King eine "schreckliche" Blutfontäne aus dem Waschbecken in Beverlys Badezimmer schießt, färbt sich in ES der ganze Raum purpurrot.

Am packendsten ist der Nervenkitzel jedoch dann, wenn der Gestaltwandel von Pennywise geduldig und phasenweise ausbuchstabiert wird. King erreicht dieses Resultat im Roman eigentlich nur einmal, wenn die erwachsene Beverly in ihr Elternhaus zurückkehrt. Dem Film gelingt diese Wirkung ab der zweiten Hälfte im Zehn-Minuten-Takt. Aber auch klassische Topoi wie das Spukhaus, das bei King so nicht zu finden ist, sorgen dank Tricktechnik und der Kameraarbeit von OLDBOY-Veteran Chung-hoon Chung für Adrenalin-Kick. Freilich haben die Macher sicher nicht die Absicht, King zu übertreffen, sondern erfülllen nur den derzeitigen Konsumstandard bezüglich Schauer und Slasher. Der Service ist in der Tat perfekt.

Der Kontakt zu den Figuren geht dabei erstaunlicherweise nicht verloren. Und das nicht nur, weil sich der Film der Anforderung beugt, die Hauptakteure ausführlich vorzustellen, einschließlich des kleinen George (Jackson Robert Scott), der am Anfang in Pennywise' Gully verschwindet. Teilweise läuft das auf eine gewisse Geduldsprobe für den Zuschauer hinaus. Denn Regisseur und Autoren haben keine visuellen Mittel zur Verfügung, die Stephen Kings Figurenrede adäquat sind. Dafür wissen sie umso aussagekräftiger die zarten Bande von Bill (Jaeden Lieberher) und Ben (Jeremy Ray Taylor) zu Beverly in die Konfrontation mit Pennywise' unterirdischem Entsetzensreich zu verweben. Mit dem Leitmotiv der Unterscheidung von "Es" und "Sie" in den Dialogen und dem Brunnenmotiv, das für Frau und Tod gleichermaßen steht, entwickelt das Kreativteam von ES zudem eine eigenständige Symbolik für das Heranreifen. Völlige Blindheit herrscht hingegen im Hinblick auf Kings medienkritische Seite. Seine jungen Helden sind kontaminiert von Gestalten aus Horrorfilmen wie dem Werwolf oder dem Weißen Hai. Deren Erscheinung nimmt Pennywise an, wenn er seine jungen Opfer verfolgt. Indem die Kinoanzeigentafel von Derry indes stets nebensächlich bleibt, ist klar, dass Kings ambivalentes Verhältnis zum Kino für ES kein Thema ist. Also eigentlich auch nicht der Terror des Vergnügens.











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