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DUNKIRK (Großbritannien/Niederlande/Frankreich/USA 2017)

von Andreas Günther

Original Titel. DUNKIRK
Laufzeit in Minuten. 107

Regie. CHRISTOPHER NOLAN
Drehbuch. CHRISTOPHER NOLAN
Musik. HANS ZIMMER
Kamera. HOYTE VAN HOYTEMA
Schnitt. LEE SMITH
Darsteller. FIONN WHITEHEAD . KENNETH BRANAGH . MARK RYLANCE . CILLIAN MURPHY u.a.

Review Datum. 2017-07-27
Kinostart Deutschland. 2017-07-27

Wahrscheinschlich liefert Christopher Nolan mit dem Kriegsdrama DUNKIRK seinen bisher besten Film. Das Prätentiöse weicht dem Elementaren. Statt nervöser Aneinanderreihung der Geschehnisse, die die Batman-Filme unangenehm reißerisch macht, elektrisiert sorgfältig aufgebaute und schier unerträgliche Spannung. Und statt eitler Depression zeigen Nolans Figuren einmal echte Not. Einen Platz in der Filmgeschichte sicher hat DUNKIRK deshalb noch nicht.

Die Erinnerung an eine mühevolle Rettung riesiger englischer Truppenteile zu Anfang des Zweiten Weltkriegs bleibt trotz audiovisueller Intensität nicht haften. Damit Darstellungen historischer Sujets ins kollektive Gedächtnis Einzug erhalten, müssen sie Ansätze zur Deutung und Einordnung in sich tragen. Doch Nolan hat nur ein bisschen patriotisches Pathos zu bieten. Die Spannungsdramaturgie lässt keinen Raum für Reflexion. So leicht und zwingend zugleich Nolan in DUNKIRK hineinführt, so schwer fällt es ihm, ein Stück weit wieder daraus hinauszuführen, um sich auf das geschichtliche Ereignis einen Reim zu machen.

In einem französischen Badeort an der südlichen Nordseeküste, den die Einheimischen "Dunkerque", die Deutschen "Dünkirchen" und die Engländer eben "Dunkirk" nennen, sitzt im Juni 1940 ein britisches Expeditionsheer von fast 340.000 Mann fest. Es sind die Besiegten einer verlorenen Schlacht gegen die deutsche Wehrmacht. Nur eine dünne Linie französischer Soldaten schützt die entkräfteten und fast all ihrer wertvollen Ausrüstung verlustig gegangenen Soldaten. Die Wehrmacht begnügt sich seltsamerweise mit der Einkesselung der Feinde und gelegentlichen Bomberangriffen auf die Männer, die am Strand zunehmend verzweifelt darauf warten, dass jemand sie nach Hause holt.

Es ist die Stärke von DUNKIRK, diese Situation zwar mit viel technischem Aufwand im Hintergrund, aber mit prägnanten, minimalistischen Kompositionen auf der Leinwand vor Augen zu führen. Nach kargen Schrifttafeln folgt die Kamera einer Handvoll britischer Soldaten durch Dünkirchen. Türen und Fenster sind verrammelt, niemand zeigt sich, deutsche Propagandazettel flattern herab. Die Soldaten wollen Wasser aus einem alten Schlauch saugen, Zigarettenstummel aus dem Aschenbecher an einem ausnahmesweise offenen Fenster stibitzen um zu rauchen und in eine Ecke pinkeln. Dazu kommen sie nicht. Schüsse fallen. Die Soldaten laufen um ihr Leben, Schießen ist zwecklos. Nur Tommy (Fionne Whitehead) kommt durch, schlüpft unter Maschinengewehrsalven in einen Hof und erreicht schließlich franzöische Soldaten hinter Sandsäcken. Der Empfang ist nicht unbedingt herzlich. "Bon voyage", sagt einer. Dann bricht ein Scharmützel los. Tommy läuft weiter, an den geschlossenen feinen Hotels und Restaurants vorbei, auf den Strand, wo die Sonne blitzt und endlose Kolonnen von Soldaten an den Molen Schiffe besteigen wollen.

DUNKIRK sei sein geradlinigster Film, hat Christopher Nolan im Interview behauptet. Bis hierhin stimmt das sicher. Dann aber geht es mit einem Markenzeichen der experimentellen Seite von Nolan weiter, mit einer Zeitschleife. Aus der Zeitschleife wird bald ein gnadenlos festgezurrter Spannungsknoten, bestehend aus drei ineinander verflochtenen Fäden. Zum einen versuchen Tommy und die anderen Soldaten über Tage, irgendwie auf eines der Schiffe zu gelangen, die an den Molen am Stand anlegen, überwacht von Commander Bolton (Kenneth Branagh). Haben sie es einmal geschafft, fallen deutsche Bomben und zischen deutsche Torpedos durchs Wasser. Zum anderen bricht etwas später Mr. Dawson (Mark Rylance) mit seinem halbwüchsigen Sohn und noch einem Jungen in einem Motorboot von der englischen Küste auf, um wie viele andere private Bootsbesitzer zur Evakuierung der Soldaten beizutragen. Drittens machen drei Spitfire-Piloten Jagd auf deutsche Bomber.

Effektvoll schwebt über allem die Massenvernichtung in den akustischen Schattierungen unheimlicher Dumpfheit, sei es das trockene Knattern der Maschinengewehre oder das schwerfällige Sirren der Granaten, das mürbe Krachen explodierender Bomben, die glucksende Detonation der Torpedos oder das grollende Kreischen der Heinkel-Flugzeuge. Die Streicher nehmen die dunklen Töne in einem rhythmischen Ratschen auf, das im Zuge verdichteter Bedrohungslagen im Crescendo mündet. In katastrophisch aufgeladener Atmosphäre mitten auf der kabbeligen See kommt es dann zum Showdown. Mr. Dawson jagt sein Motorboot durch die Wellen, um einem abgeschossenen Spitfire-Piloten aufzufischen. Der hämmert mit seiner Leuchtpistole verzweifelt gegen das Kabinenglas seiner langsam absaufenden Maschine. Tommy schwimmt mit einigen Kameraden von einem leckgeschossenen Trawler weg. Lauernd kreist ein deutscher Bomber über der Szene, einen Zerstörer anvisierend. Spitfire-Pilot Farrier (Tom Hardy) ist entschlossen zu helfen, hat aber fast keinen Treibstoff mehr. Wieviel noch im Tank ist, weiß er nicht, da seine Benzinanzeige zerschossen ist.

DUNKIRK bringt Überlebenskino pur. Hier zählen nur Ausdauer und Kraft. Allein der Instinkt der Selbsterhaltung und reflexhaftes Handeln regieren. Überall lauert Gefahr, überhall herrschen Angst und ängstliche Antizipation. Schwimmend, kletternd, sich duckend, Deckung suchend, aufspringend, rennend versuchen die Soldaten ihrer auswegslosen Lage zwischen grausamem Himmel, Strand und Wasser zu trotzen, überragt von einer Glocke aus Dunst und Nebel, preisgegeben einem unerbittlich zuschlagenden Fatum. Gegen die Sonne blinzelnd, verwachsen demgegenüber Dawson und Farrier mit ihren Steuerknüppeln, Prothesen fiebrigen Aktionswillens zur Rettung der Soldaten. Für Mitleid gibt es keine Zeit, für Kameradschaft ein bisschen. Es pulsiert der Kampf gegen den jähen Tod und stürzt das Publikum in endloses Bangen.

So scheint es zumindest. Aber erstens muss jeder Film einmal enden, und zweitens möchte Nolan DUNKIRK wirklich einen Abschluss geben. Vielleicht hätte er besser daran getan, die Zuschauer mitsamit ihrer inneren Aufgewühltheit nach Hause zu schicken. Stattdessen dürfen sie sich ihrer entledigen, aber damit auch des Films. Statt die Durchdringung mit der geschilderten Situation weiterwirken zu lassen, verabschiedet sich Nolan mit Überhöhung, mit erleichert-heiteren Orchesterklängen, mit Farrier, der ohne Treibstoff noch feindliche Flieger herunterholen kann. Dass die teilweise gelungene Evakuierung nur Trostpflaster für ein militärisches Desaster war, räumt auch Nolan mit seinem Kontrast zwischen über den Strand verstreuten Tellerhelmen und inbrünstigen Triumphansprachen ein. Und Cillian Murphy erweist sich bei Mr. Dawson an Bord als alles andere denn als Krieger ohne Fucht und Tadel.

Aber dieser Nachschlag kann nicht verhindern, dass mit der Auflösung des Spannungsbogens die Faszination des Films aufgezehrt ist. Wenn Nolan in Unterhaltungskinomanier unbedingt dem Publikum schlechte Träume ersparen will, hätte er wenigstens dafür sorgen sollen, dass sich DUNKIRK wegen seiner Lesart der Geschichte einbrennt. Zumal der von Nolan behandelte Teil des Zweiten Weltkriegs nicht zuletzt aufgrund der kaum erklärbaren Rücksichtnahme Hitlers nach wie vor viele Fragen aufwirft. Aber dazu fällt Nolan nichts ein. Mangelhaft historisch verankert, setzt sich DUNKIRK, in Brexit-Zeiten schlimmen Missverständnissen aus mit seinen ebenso grausamen wie schemenhaft bleibenden deutschen Truppen, den tapferen britischen Bürgern und den britischen Offizieren, die französische Soldaten mit dem Ruf "Nur Briten!" von ihren Schiffen abweisen.











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