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DIBBUK - EINE HOCHZEIT IN POLEN (Polen/Israel 2015)

von André Becker

Original Titel. DEMON
Laufzeit in Minuten. 94

Regie. MARCIN WRONA
Drehbuch. MARCIN WRONA . PAWEL MASLONA
Musik. MARCIN MACUK . KRZYSZTOF PENDERECKI
Kamera. PAWEL FLIS
Schnitt. PIOTR KMIECIK
Darsteller. ITAY TIRAN . AGNIESZKA ZULEWSKA . ANDRZEJ GRABOWSKI . TOMASZ SCHUCHARDT u.a.

Review Datum. 2016-07-27
Kinostart Deutschland. 2016-07-28

Man kennt das ja von Großveranstaltungen und Familienfesten: Die Stimmung ist ausgelassen, der Alkohol fließt in Strömen und der eine oder andere Gast schlägt ein wenig über die Stränge. Was aber tun, wenn das Verhalten der entsprechenden Person zunehmend extremere Ausmaße annimmt und sich seine Persönlichkeit komplett und unwiderruflich in außerweltliche Sphären verabschiedet? Was tun, wenn die Person gar von einem alten Geist besessen scheint, man die Feierlichkeiten aber partout nicht abblasen möchte? Dies sind die zentralen Fragen denen DIBBUK – EINE HOCHZEIT IN POLEN nachgeht und die der Film mittels verschiedener Genre-Motive konkretisiert.

Dreh- und Angelpunkt der Story ist die titelgebende Hochzeit, die für ein junges Paar den Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft weisen soll. Als Veranstaltungsort der Ehezeremonie und daran anschließenden Feier wurde ein altes, baufälliges Anwesen der Familie der Braut auserkoren. Bräutigam Piotr (Itay Tiran) beschleicht allerdings schon als er das Haus inspiziert ein ungutes Gefühl. Tatsächlich findet er nachts in der angrenzenden Rasenfläche menschliche Knochen, die ihm einen gehörigen Schreck einjagen. Am Tag der Hochzeit scheint zunächst alles normal zu sein. Dies ändert sich als Piotr plötzlich mysteriöse Anfälle bekommt, die ihn in seltsamen Stimmen reden lassen. Für den Brautvater ist das jedoch noch lange kein Grund die Feierlichkeiten zu beenden, denn die Verwandtschaft soll schließlich nicht verschreckt werden. Eine Entscheidung mit Folgen, denn Piotrs Zustand verschlechtert sich zusehends.

Die polnisch-israelische Ko-Produktion DIBBUK – EINE HOCHZEIT IN POLEN ist trotz des ein wenig irreführenden internationalen Titels DEMON mitnichten ein Horrorfilm. Der mittlerweile verstorbene Regisseur Marcin Wrona hat zwar vereinzelt genrespezifische Elemente in den Handlungsverlauf eingebaut, breitet diese auf der filminszenatorischen Ebene indes nicht vollumfänglich aus. Die langsam aufkommende Gruselstimmung ist eher subtiler Natur und dient als Ausgangsbasis für den Subtext des Films. Die Vorkommnisse rund um Piotr und insbesondere die Reaktion auf diese können als bissiger Kommentar auf die polnische Gegenwartsgesellschaft gelesen werden.

Wrona charakterisiert seine Figuren als Stellvertreter für die unterschiedlichen kulturellen Codes und Strömungen des Landes. Die Hochzeit als Mikrokosmos, in der das patriarchalische Familienmodell Risse bekommt, die (vom autoritären Brautvater) mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gekittet werden wollen. Es ist bezeichnend dass das Familienoberhaupt als erste Lösungsstrategie vorschlägt die geladenen Gäste mit noch mehr Alkohol abzufüllen, um der drohenden Schande einer geplatzten Feier zu entgehen und so die Stellung der Familie zu bewahren. DIBBUK – EINE HOCHZEIT IN POLEN erzählt somit auch von Verdrängung und den Folgen fataler Konfliktlösungen.

Die ganz eigene Stimmung, die der Film ab der ersten Minute aufbaut ist essentieller Bestandteil der Produktion. Wrona setzt auf der bildlichen Ebene auf klare Kontraste. Das Hausinnere erstrahlt in hellen Farben, die fast schon das Auge blenden und dem Setting eine trügerische Reinheit und Unschuld verleihen. Draußen tobt der Regen und verwandelt die Umgebung in eine Ansammlung von Dreck und Schlamm. Das Nicht-Gewünschte, das Verdrängte und Nicht-Erklärbare, was hier zusätzlich noch mit jüdischer Mystik aufgeladen wird, ist jedoch nicht auszusperren. Immer wieder verschafft es sich mit Nachdruck Zutritt. Und sei es dadurch, dass selbst die Braut irgendwann im Garten versucht die angeblich dort aufzufindenden menschlichen Knochen auszugraben.

DIBBUK – EINE HOCHZEIT IN POLEN ist schlussendlich auch ein Film, der gerade durch seine vielen unbeantworteten Fragen und seine unkonventionelle Machart eine gewisse Offenheit von Seiten des Publikums erfordert. Irgendwo zwischen Komik und Drama, grotesker Milieubetrachtung und dezentem Grusel pendelnd, ist es müßig für diesen ungewöhnlichen Film eine finale Genre-Zuschreibung zu finden. Dies sollte man allerdings nicht als Kritik auffassen, denn Wrona versteht es auf leichtfüßige Weise die verschiedenen Tonlagen anzustimmen. Am Ende steht ein faszinierend facettenreiches Filmerlebnis, dass lange nachhallt und dazu einlädt mit verschiedenen Perspektiven auf das Gesehene zu reagieren.











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