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THE DEVIL ALL THE TIME (USA 2020)

von André Becker

Original Titel. THE DEVIL ALL THE TIME
Laufzeit in Minuten. 138

Regie. ANTONIO CAMPOS
Drehbuch. ANTONIO CAMPOS . PAULO CAMPOS
Musik. DANNY BENSI . SAUNDER JURRIAANS
Kamera. LOL CRAWLEY
Schnitt. SOFIA SUBERCASEAUX
Darsteller. TOM HOLLAND . ROBERT PATTINSON . JASON CLARKE . RILEY KEOUGH u.a.

Review Datum. 2020-10-10
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

DAS HANDWERK DES TEUFELS ist ein wahrlich harter literarischer Brocken. Der US-amerikanische Schriftsteller Donald Ray Pollock erzählt hier auf schonungslose Weise eine Geschichte über die Mechanismen von Gewalt. Ein Roman voller Schmutz und Schweiß, Wahnsinn und mörderischer Raserei. Brutal direkt und ohne Erbarmen für seine zahlreichen Figuren.

Pollocks Debütroman (davor erschien die Kurzgeschichtensammlung KNOCKEMSTIFF) ist freilich auch als ein Sittenbild der amerikanischen Gesellschaft der fünfziger Jahre zu lesen. Oder genauer: Als pointierte Milieubeschreibung der verarmten, ländlichen Gegenden rund um Ohio und West Virginia. Pollock widmet sich dabei insbesondere der Rolle der Religion. Die gesamte Handlung enthält gleich mehrere Figuren, die direkt den kirchlichen Glauben praktizieren. Dies allerdings auf ihre eigene, zutiefst verderbliche Weise.

DAS HANDWERK DES TEUFELS ist ein durchweg religionskritisches Buch, in dem nur selten Hoffnung aufblitzt und das vor allem durch die teils sehr detailreich beschriebene sexualisierte Gewalt sehr harte Kost bietet. Eine Verfilmung schien daher fast ausgeschlossen, insbesondere von einem großen Studio. Abhilfe schafft die schöne neue Streaming-Welt. Netflix nahm sich den Stoff vor, schaffte es ein beeindruckendes Staraufgebot zusammen zu trommeln und konnte für die Erzählerstimme im O-Ton sogar den Autor verpflichten. Herausgekommen ist ein Film, der sicherlich zu den besseren Netflix-Eigenproduktionen im Langfilmsegment gezählt werden kann, der aber nichtsdestotrotz nicht in vollem Maße an die Qualitäten des Buches heranreicht.

Die Verfilmung THE DEVIL ALL THE TIME arbeitet inhaltlich recht nah mit der rund dreihundert Seiten starken Vorlage. Auch in der filmischen Umsetzung steht der junge Arvin Russell (Tom Holland) und seine Geschichte im Vordergrund. Zunächst erzählt der Film aber in einem vergleichsweise kurz abgehandelten Abschnitt vom Leben und Niedergang des Vaters Willard Russell (Bill Skarsgard). Dieser kehrt physisch unversehrt aber psychisch gezeichnet aus dem Krieg zurück und ehelicht kurze Zeit später seine große Liebe, die Kellnerin Charlotte (Halley Bennett). Beide stammen aus armen Verhältnissen, erkämpfen sich aber ein Stück vom Glück als sie mit ihrem Kind in ein abgelegenes Haus am Rand einer Kleinstadt ziehen. Das Glück ist erwartungsgemäß nicht von langer Dauer. Charlotte erkrankt unheilbar an Krebs und Willard verfällt in einen immer extremere Ausmaße annehmenden religiösen Wahn, in den er auch seinen Sohn hinein zieht.

Sowohl im Film als auch im Buch werden schließlich weitere Personen eingeführt, deren Schicksal die Handlung nach und nach aufeinander zusteuern lässt. Da ist der Wanderprediger Roy (Harry Melling), der mit seinem Bruder durch das Land zieht und auf fragwürdige Weise den (Irr)glauben der Landbevölkerung ausnutzt. Da ist das Paar Carl (Jason Clarke) und Sandy (Riley Keough), die mordend die Landstraßen unsicher machen und ihre männlichen Opfer im Todeskampf ablichten. Und da ist schließlich das neue Kirchenoberhaupt Preston Teagardin (Robert Pattinson), der wie die Made im Speck die Gemeinde ausnimmt und es auf die jungen Frauen im Ort abgesehen hat.

THE DEVIL ALL THE TIME legt die jeweiligen Verbindungen der Personen und ihre Beziehungen zueinander schrittweise offen. Sei es das Arvins Stiefschwester Lenora von Preston Teagardin geschwängert und zur Abtreibung genötigt wird, oder dass der leicht mindermittelte Prediger Roy auf das Killerpärchen trifft. In der Logik des Films folgt dabei auf Gewalt immer Gegengewalt. Eine ewige Wiederholung aus der es kein Entrinnen gibt. Aus jeder brutalen Handlung ergibt sich ein Geflecht grausiger Konsequenzen, das nie herbeikonstruiert wirkt, sondern mit großem erzählerischem Geschick als Baustein in die Dramaturgie einfließt. Positiv fällt hier auf, dass der Film die wenigen Hoffnungsschimmer, die das Drehbuch zulässt nicht verkitscht darstellt. Sie wirken daher keinesfalls als Brüche in der sonst stark pessimistischen Stoßrichtung des Films. Es sind kurze Momente, die der Film effizient als Verstärker nutzt. Als Ruhe vor dem Sturm, der in der Folge nur noch stärker das Leben der Protagonisten durcheinander wirbelt.

Sehr zu Gute kommt der Produktion, dass der Regisseur Antonio Campos die Verfilmung betont gegenwärtig inszeniert. Zwar spielt der Film in den fünfziger Jahren, dass das was passiert in seiner fatalen Verkettung von Ursache und Wirkung auch in unserer Zeit möglich wäre, daran lässt Campos keinen Zweifel. Insofern ist der Film ebenso als Kommentar auf die sozialen Verwerfungen (und ihrer Ursprünge) in den USA insgesamt zu deuten. Verwerfungen, die sich aus der Gemengelage von Bildungsarmut, Prüderie und religiöser Verblendung speisen und die zusammen mit dem der amerikanischen Gesellschaft inne wohnenden Gewaltpotential (zum Geburtstag erhält Arvin eine aus dem Krieg mitgebrachte Pistole) eine explosive Mischung ergeben.

Campos, der ebenfalls am Drehbuch mitschrieb, lässt bei seiner Verfilmung leider kaum Grautöne bei den Charakterzeichnungen zu, was den Film sichtbar vom Buch unterscheidet und ihn in diesem Zusammenhang weniger komplex macht. Dies wird bereits bei Arvin deutlich, der sinngemäß mit den Worten eingeführt wird, dass er im Schulbus der einzige Junge ist, der mit den anderen Anwesenden nicht in irgendeiner Weise in Verwandtschaft steht. Hierdurch grenzt Regisseur Campos ihn klar als anders (im positiven Sinne) ab. Im weiteren Verlauf erhält diese Figur weitere positive Eigenschaften, die ihn als zu brutaler Gewalt fähigen, aber letztlich doch rechtschaffen Bürger positionieren. Ein deutlicher Gegenpart zu den weiteren Charakteren des Films, was besonders bei den Personen deutlich wird, deren Verhalten Arvins Leben auf irgendeine Art und Weise beeinflussen. Insbesondere die Charaktere, die das Wort Gottes bringen (sollen) sind dabei als besonders diabolische Figuren angelegt. Im Gebaren Preston Teagardin tritt diesbezüglich auf geradezu ekelhafte Weise das ganze Ausmaß der Verdorbenheit seines Charakters zutage.

Robert Pattinson mimt diese Anti-Person mit großer Durchschlagskraft und verleiht ihr eine Aura unmittelbarer Bösartigkeit, die der Film teilweise geradezu zelebriert. Auch der Rest der Schauspielerriege leistet beachtliches. Neben Pattinson sind hier unbedingt noch Tom Holland und eine gewohnt überzeugende Riley Keough zu nennen. THE DEVIL ALL THE TIME lebt von seinem Cast und der gekonnten, meist sehr nah am Buch angelegten Aufgliederung der episodischen Erzählstruktur.

Vollkommen verzichtbar ist hingegen die Erzählerstimme aus dem Off. Die Einordung/bzw. Kommentierung der Geschehnisse ist absolut unnötig, vor allem da diese teils das geradezu offensichtliche beim Namen nennt. Das der Mörder Carl ein perverser Mistkerl ist, muss zweifelsohne nicht noch über die Tonspur mitgeteilt werden. Hier traut der Film seinen Zuschauern zu wenig zu. Das Gros der Bilder und deren Message steht für sich. Kritisch angemerkt werden muss zudem, dass die Verfilmung einige zentrale Figuren der Vorlage zu beiläufig abhakt. Speziell der Wanderprediger und sein (im Buch deutlich heruntergekommener Bruder) verkommen im Film zu Randfiguren, die so schnell verschwinden, wie sie im Fluss der Filmhandlung auftauchen. Die Sorgfalt mit dem das Buch diese Personen und ihre Wichtigkeit für die Handlung herausstellt, lässt der Film leidlich vermissen.

Dies trifft ebenso (wenngleich nicht ganz so stark) auf das Killerpärchen zu, das vom Skript nicht in dem Maße beleuchtet wird, wie es nötig wäre um die sehr spezielle auf die Figuren bezogene Stimmung des Buches widerzuspiegeln. Das voyeuristische Element, welches das Buch sehr geschickt auch auf den Leser/der Leserin zurück projiziert, fehlt hier komplett. Das unangenehme Gefühl das sich beim Lesen des Buches bei den jeweiligen Passagen einstellt, weicht einer zu glatten Inszenierungsstrategie, die das Potential diesbezüglich auch mit den Mitteln des Psychothrillers zu arbeiten, seltsam ungenutzt lässt.

Im Großen und Ganzen ist das aber Meckern auf hohem Niveau. THE DEVIL ALL THE TIME bleibt trotz der genannten Mankos noch ein hervorragend gespielter, intelligent aufgebauter Genre-Film, der trotz der Überlänge mitreißend und spannend erzählt wird. Ein Film, dessen grobkörnig wirkende Bilder sich auch auf der großen Leinwand gut gemacht hätten. Die sehr spezifische Sogwirkung des meisterhaften Romans erreicht der Netflix-Film aber zu keiner Sekunde.

THE DEVIL ALL THE TIME ist seit dem 16.09.2020 auf Netflix abrufbar!











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