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DEATH WISH (USA 2018)

von André Becker

Original Titel. DEATH WISH
Laufzeit in Minuten. 108

Regie. ELI ROTH
Drehbuch. JOE CARNAHAN
Musik. LUDWIG GÖRANSSON
Kamera. ROGIER STOFFERS
Schnitt. MARK GOLDBLATT
Darsteller. BRUCE WILLIS . VINCENT D'ONOFRIO . DEAN NORRIS . ELISABETH SHUE u.a.

Review Datum. 2018-03-06
Kinostart Deutschland. 2018-03-08

Die Zeit war wohl einfach reif für einen Film wie DEATH WISH. Ein erzkonservativer Actionreißer, der ganz ungeniert ein Loblied auf das Thema Selbstjustiz anstimmt. Bürgerwehr auf die richtig harte Tour. Inszeniert vom Mann fürs Grobe Eli Roth.

Seit dem Original aus dem Jahr 1974 haben so einige Vigilanten die Waffen auf mal mehr, mal weniger zynische Weise sprechen lassen. Roth hat sich für seine Neuauflage, die vom Vorbild ziemlich abweicht, Bruce Willis als Hauptdarsteller und Stichwortgeber ausgesucht. Ob diese Wahl die Massen ins Kino lockt sei einmal dahin gestellt. Fest steht, dass Willis schon eine ganze Weile nicht mehr in einem größer budgetierten Film mit regulärem Kinostart zu sehen war. Angesichts seiner unzähligen, meist eher unmotiviert abgespulten, Auftritte in drittklassigen B-Movies ist das erst mal ein Grund zur Freude. In DEATH WISH mimt Willis den Chirurg Paul Kersey der, nachdem seiner Familie übel mitgespielt wird, das Gesetz in die eigenen Hände nimmt.

Roth verlässt sich dabei stark auf eine schon dutzendfach gesehene Exposition. Es beginnt mit mehreren Szenen, die das Bilderbuch-Familienglück der Kerseys illustrieren. Das hier natürlich schnell das böse Erwachen folgt ist spätestens klar, als der Familienvater spontan einen Abenddienst übernehmen soll und Ehefrau (Elisabeth Shue) und College-Tochter allein im luxuriösen Eigenheim lässt. Just an dem Abend dringen vermummte Kriminelle ins Haus ein, töten die Ehefrau und befördern die hübsche Tochter ins Koma. Die Polizei (u.a. vertreten durch Dean Norris) tappt erwartungsgemäß im Dunkeln. Kersey wiederum denkt gar nicht daran tatenlos rumzusitzen. Als er durch Zufall (während einer OP eines Gang-Mitglieds) an eine Waffe gerät, beginnt er eine Säuberungsaktion quer durch die kriminellen Milieus der Stadt. Das führt nicht nur zu jeder Menge Ruhm in Social Media (Stichwort: Memes), sondern bringt ihn auch auf eine entscheidende Spur zu den Tätern, die immer noch frei durch die Straßen der Metropole geistern.

Es ist nicht wirklich überraschend, dass Roth kritische Kommentare zum Gezeigten fast gänzlich unter den Tisch fallen lässt. Die amerikanische Waffenlobby dürfte jedenfalls ordentlich Beifall klatschen. Bezeichnend die Szenen, in denen Willis auf Shopping-Tour ins Knarrengeschäft geht und dort auf eine kesse Waffenverkäuferin trifft. Erstaunlich politisch unkorrekt ist zudem die Darstellung der Täter. Nur soviel: Roths Inszenierung kommt mitunter fast schon als Kulturkampf daher und bedient ethnozentristisch unterfütterte Rollenbilder, die man eher aus den frühen Achtzigern kennt. Die Settings der Actionmomente greifen wiederum auf altbekannte Räume urbaner Großstadt-Western zurück. Dunkle Straßenzüge, heruntergekommene Bars, von Straßen-Kriminalität und Dealerei zersetzte Außenbezirke. Diesbezüglich setzt Roth (mit einer tollen Kamera von Rogier Stoffers und einem hervorragenden Schnitt von Meister-Cutter Mark Goldblatt) auf eine stark geerdete, kaum stilisierte Optik, die den Film betont unzeitgemäß aussehen lässt. Wären nicht die bemühten Bezüge zur Gegenwart, etwa das Kersey vor allem dank sozialer Medien zur stadtbekannten Kontroverse wird, man könnte diesem filmgewordenen Selbstjustiz-Exzess glatt den Retro-Stempel verpassen.

Ganz generell betrachtet ist das ein Pluspunkt, denn Roth pflügt durchaus kurzweilig durch die Szenerie. Und abgesehen von der cheesy Einführung der Familienmitglieder ist kein wirklicher Leerlauf auszumachen. Die, formuliert man es wohlwollend, stark auf das vermeintlich Wesentliche (sprich die Action und sonstigen Gewaltausbrüche Kerseys) konzentrierte Herangehensweise von Roth hat freilich auch den Effekt, dass die Hauptfigur vollkommen farblos bleibt. Die im archetypischen Rächerfilm der 70er noch virulenten Ambivalenzen bei den handelnden Anti-Helden sind im neuen DEATH WISH nicht mal im Ansatz vorhanden. Konkret bedeutet dies, dass Kersey wenig bis gar nicht an der Richtigkeit seiner Taten (Wehrlose, die bereits am Boden liegen, werden genüsslich exekutiert) zweifelt. Und wenn dann mal ein Hauch von moralischer Zweideutigkeit aufkommt, werden die jeweiligen Szenen derartig hastig runtergerattert, dass diese im allgemeinen Hurra auf die alttestamentarische Auge-um-Auge-Ideologie, die der Film in jeder Minute propagiert, komplett untergehen.

Darüber hinaus fällt auf, dass die Täter zwar verschlagen und brutal vorgehen, sie allerdings vom Regisseur nie bis zur letzten Konsequenz als Personen skizziert werden, die aus perverser Bösartigkeit agieren. Während im Vigilanten-Film der Anfangstage die Bösewichter oftmals aus reiner Lust an der Gewalt durch die Straßen zogen, vergewaltigten und mordeten (und dies natürlich von der Kamera entsprechend voyeuristisch begleitet wurde), ist die Verderbtheit im Film von Roth weniger allumfassend und vor allem weniger dreckig eingefangen. DEATH WISH bleibt insofern stets Mainstream, sieht man von den unnötig expliziten Verhörmethoden, die Willis teils an den Tag legt, einmal ab.

Sagen wir es so: Vor dem Hintergrund der sonstigen Ausfälle des Regisseurs hätte es schlimmer kommen können. Wer einen straight durchgezogenen Selbstjustiz-Film mit solider Action, flotter Dramaturgie und einem gut aufgelegten Alt-Star (ja, Willis hat sichtbar Spaß gehabt) sehen will, wird mit DEATH WISH ordentlich bedient. Das gilt allerdings unter der Voraussetzung, dass man über die reaktionäre Message des Films, die Roth nicht nur in einer Szene in immer neuen Varianten ausleuchtet, sehr, wirklich sehr großzügig hinweg sieht. Nichtsdestotrotz bietet Roth hier weitaus weniger Angriffsfläche als üblich. Dies mag für den einen oder anderen Kinogänger freilich trotzdem wie eine Warnung klingen.











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