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DAYTIME DRINKING (Korea 2008)

von Jenny Jecke

Original Titel. NAJ SUL
Laufzeit in Minuten. 116

Regie. NOH YOUNG-SEOK
Drehbuch. NOH YOUNG-SEOK
Musik. NOH YOUNG-SEOK
Kamera. NOH YOUNG-SEOK
Schnitt. NOH YOUNG-SEOK
Darsteller. SONG SAM-DONG . YUK SANG-YEOB . KIM GANG-HEUI . LEE SEUNG-YEON u.a.

Review Datum. 2010-02-05
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Zu den zahlreichen Regeln der koreanischen Trinkkultur gehört jene, die besagt, dass es ziemlich unhöflich ist, das eigene Glas selbst zu füllen. Dem Geiste der trinkenden Gemeinschaft verschworen, ist dafür der Tischnachbar verantwortlich, denn die Freundschaft will korrekt begossen werden. So trösten auch Hyuk-jins Freunde den personifizierten begossenen Pudel über die kürzliche Trennung von seiner Freundin hinweg. Oder sie versuchen es zumindest. Das Versprechen, mit ihm aufs Land zu einem Festival zu fahren, zum gemeinsamen Lebensabschnittsgefährtinnen-Exorzismus sozusagen, halten sie nämlich nicht ein. Eines Morgens findet sich der bedröppelt aus der Wäsche guckende Hyuk-jin (Song Sam-Dong) im winterlichen Joengseon wieder – allein und kein Festival, nirgends. Die triste Landschaft ist nicht gerade die perfekte Umgebung, um dem Liebeskranken die Melancholie auszutreiben. Das Herz will angewärmt werden und da helfen nur zwei Dinge: Gesellschaft und Alkohol. Was folgt ist eine Odyssee von Unterkunft zu Unterkunft, seltsamer Gestalt zu seltsamer Gestalt, Trinkgelage zu Trinkgelage. Denn wen auch immer Hyuk-jin trifft, zuerst gilt es, einen auf das gemeinsame Kennenlernen zu trinken. Ob am Strand, beim Lagerfeuer auf einer verschneiten Wiese oder an der Bushaltestelle. Der Soju-Verbrauch steigt stetig und ein paar Abenteuer erlebt der junge Mann auch, denn seltsame Gestalten werden eben nicht ohne Grund als "seltsame Gestalten" bezeichnet. Eine weibliche Bekanntschaft im Bus mit einer Vorliebe für deftige Beleidigungen ist da noch die harmlose Variante.

Auch wenn die sich daraus entwickelnde Situationskomik für den alles andere als waghalsigen Hyuk-jin wohl nicht viel Grund zum Lachen böte, schickt DAYTIME DRINKING seinen Protagonisten durch eine unkonventionelle, aber wirksame Therapie. Widerwillig ist der Leidende gezwungen, sich auf die Unwägbarkeiten des Lebens einzulassen und damit auf das Leben selbst. Nicht sich in der Trauer vergraben, heißt die Devise, sondern sich treiben lassen mit der Offenheit für jede neue Chance am Wegesrand. In Unterhosen auf einer verschneiten Landstraße zu landen, kann da schon mal passieren.

Noh Yeong-Sooks Regiedebüt ist also keinesfalls ein Film für Kontrollfreaks. Aus dem überladenen Hochglanzkino Südkoreas sticht seine Independent-Komödie jedoch wohltuend spartanisch hervor. Mit der Digitalkamera gedreht, erinnern die Aufnahmen dank fehlender Ausleuchtung teilweise an ein Homevideo guter Kumepls. Vor allem aber besticht DAYTIME DRINKING mit einem punktgenau operierenden Drehbuch, in dem kein Satz überflüssig ist, keine Situation in die geschmacklichen Tiefen einer Farce abrutscht.

Eine weitere Regel der koreanischen Trinkkultur besagt übrigens, dass man das erste Glas nie ablehnen sollte. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Südkorea den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Alkohol weltweit für sich beanspruchen kann. So kann man DAYTIME DRINKING durchaus als Ode an diese typisch koreanische Eigenart betrachten. Einiges an landesspezifischem Charme bringt Nohs Erstling mit sich, wie er wahrscheinlich nur in Independent-Filmen so direkt transportiert werden kann. Doch Liebeskummer gibt's bekanntlich überall.











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