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CRANK 2: HIGH VOLTAGE (USA 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. CRANK 2: HIGH VOLTAGE
Laufzeit in Minuten. 96

Regie. MARK NEVELDINE . BRIAN TAYLOR
Drehbuch. MARK NEVELDINE . BRIAN TAYLOR
Musik. MIKE PATTON
Kamera. BRANDON TROST
Schnitt. MARC JAKUBOWICZ . FERNANDO VILLENA
Darsteller. JASON STATHAM . AMY SMART . CLIFTON COLLINS JR. . BAI LING u.a.

Review Datum. 2009-04-15
Kinostart Deutschland. 2009-04-16

"Alter, voll geil, pass auf: Statham, die Obersau, hat doch am Ende von Teil eins so voll den Möllemann ausm Heli raus gemacht, weißte noch, so mitten auffe Kreuzung in Downtown L.A., wie'n Flummi isser da vom Autodach abgeprallt, ka-boingggg, und genau da steigt CRANK 2 auch wieder ein, da wird der Typ – Chevy Chase oder wie er heißt – von so Chinesen mit ner Schneeschaufel vom Asphalt runtergekratzt und wacht in ner siffigen Hinterhofchirurgie wieder auf, wo sie ihm gerade das Herz rausklamüsern und dafür so'n künstliches Plastikding reintun, wo ne riesige Batterie dranhängt, und dann wollen sie ihm sogar noch den Schwanz abschneiden, da hat er aber natürlich voll keinen Bock drauf und türmt erst mal, haut dabei die halbe Belegschaft zu Klump, logisch, ist schließlich Statham, und draußen – Mann, das ist soooo geil – da steckt er dann so nem fetten Polynesier ne Pumpgun in den Arsch, so richtig tief bis zum Anschlag, weil er von dem wissen will, wer sein Herz geklaut hat, und als er's dann endlich weiß, wetzt er sofort los, immer auf 180, und muss sich alle paar Minuten von irgendwoher Strom durch die Nippel jagen, weil ja sonst das Kunstherz abkackt, und dann…"

Und dann. Und dann. Und dann. CRANK 2: HIGH VOLTAGE ist (haargenau wie seine Kopiervorlage CRANK) die filmgewordene Aufmerksamkeitsspanne eines hyperaktiven Kindes, ein Arcade-Shooter zum Zugucken, in dem jeweils nur der Weg bis zum nächsten Power-Up zählt und alles Vorherige sofort vergessen werden darf. Was an übergreifender Handlung noch übrig ist, wird in der Neveldine/Taylor'schen Schnittmetzgerei in seine Klein- und Kleinstpartikel zerhackt, die man sich dann umso schneller und in größeren Mengen einverleiben kann (ungefähr so, wie eine Tüte M&M's auch immer schneller weg ist als eine Tafel Schokolade). Fast unmöglich, auch nur fünf Minuten nach Filmende die einzelnen Sequenzen noch in die richtige Reihenfolge zu bekommen. Unter anderem sieht man: Chev Chelios (Jason Statham), wie er sich ein elektrisches Hundehalsband umschnallt; wie er in einem Stripclub Zielschießen auf Silikonbrüste veranstaltet; wie er politisch inkorrekte Ethnienbezeichnungen durch die Zähne presst und dabei Vertreter eben jener Ethnien durch Wände schmeißt; wie er sich mit Amy Smart auf einer Pferderennbahn einmal quer durchs Kama Sutra vögelt.

Dass diese Szene sowie die meisten anderen halbwegs zündenden Einfälle – Einzelbild-Stakkato bei Stromstößen, Schiebetür-Splitscreen-Effekte bei Telefonaten, Zoomerei per Google Earth auf den Ort des Geschehens – nahezu unverändert aus Teil 1 übernommen wurden, zugleich aber kaum neue Ideen zu bestaunen sind, ist einer der Hauptgründe dafür, dass CRANK 2 nach kurzem Reizüberflutungs-High tendenziell anstrengend und zäh wird. Das Prinzip Neveldine/Taylor, das im Erstling noch als innovative Low-Budget-Chuzpe durchging und das hauptsächlich darin besteht, die gebotene Nonstop-Action nicht so sehr vor der Kamera zu inszenieren als vielmehr im hysterischen Herumwirbeln mit selbiger zu simulieren, gerinnt hier zum starren Formelkorsett, das sich auf zweierlei Weise selbst untergräbt: Zum einen wird mit der Zeit deutlich, wie wenig spektakulär die dutzenden Autocrashs und Schießereien jenseits der ganzen Reißschwenk-Makulatur tatsächlich sind; zum anderen nehmen einem die arg bemühten Selbstübertrumpfungsversuche – noch mehr Kameraperspektiven pro Sekunde, noch schnellerer Schnitt, noch mehr nackte Ärsche, noch mehr Sack-und-Tittenhumor – nach spätestens einer halben Stunde die Luft zum hirnlosen Spaßhaben.

Eine ganze Armada von absurd kostümierten Gaststars (David Carradine als chinesischer Opa! Corey Haim mit blonder Vokuhila! Jenna Haze mit Brüsten!) zieht vorüber wie die Wagen auf einem Kirmeskarussell und leistet doch nur dem Grundgefühl einer mächtigen Übersättigung Vorschub, das bald so stark ist, dass sogar die paar gelungenen Momente – etwa eine schöne Doppelhuldigung an GODZILLA und TETSUO – kaum noch aus dem Nebel des Immergleichen herausragen. Paradigmatisch für diesen Verpuffungseffekt des Speziellen im Einerlei ist die Figur Venus, die – lustig, lustig – an "Ganzkörpertourette" leidet und darum beständig zappelt und flucht, was aber in einem Film, der selber nichts anderes ist als ein beständiges Zappeln und Fluchen, gar nicht weiter auffällt.

Zwei positive Faktoren sind indes herauszuheben: Jason Statham, der nach wie vor nur einmal böse durch seine Klotzkiefer grinsen muss, damit man ihm jede Dummheit verzeiht; und der zwischen breitärschiger Bratzgitarre und süffisantem Zirkuspop changierende Soundtrack, komponiert von niemand geringerem als dem Schutzpatron aller Durchgeknallten, Mike Patton. Der Frontmann von u.a. Mr. Bungle und Fantômas (deren wunderbare Horror-Theme-Coverplatte The Director's Cut jeder Freund des abseitigen Films sein eigen nennen sollte) unterstreicht mit einem schlafwandlerischen Balanceakt zwischen Übererfüllung und gleichzeitiger ironischer Brechung der Genrekonventionen noch einmal die Fehlkalkulation, an der CRANK 2 krankt: Irrwitz lässt sich nicht am Reißbrett konstruieren, sondern kommt von Herzen – und zwar nach Möglichkeit von einem, das nicht aus Plastik ist.











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