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CLOUD ATLAS (USA/Deutschland 2012)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. CLOUD ATLAS
Laufzeit in Minuten. 172

Regie. TOM TYKWER . ANDY WACHOWSKI . LANA WACHOWSKI
Drehbuch. TOM TYKWER . ANDY WACHOWSKI . LANA WACHOWSKI
Musik. REINHOLD HEIL . JOHNNY KLIMEK . TOM TYKWER
Kamera. FRANK GRIEBE . JOHN TOLL
Schnitt. ALEXANDER BERNER
Darsteller. TOM HANKS . HALLE BERRY . JIM BROADBENT . HUGO WEAVING u.a.

Review Datum. 2012-11-15
Kinostart Deutschland. 2012-11-15

Im Grunde möchte man CLOUD ATLAS schon aus Prinzip empfehlen: Die Regisseure Andy und Lana Wachowski sowie Tom Tykwer haben es gewagt, im Blockbuster-Format, mit 100 Millionen-Dollar-Budget und geballter Starpower einen Film zu drehen, der sperrig, unkonventionell erzählt und kaum auf ein Genre festzulegen ist, hinter dem - angeblich - große Ideen stecken und der auf einem Roman basiert, der nicht nur allerorten gehypet, sondern auch allerorten als "unver?lmbar" bezeichnet wurde. Ein Wagnis, das zumindest insofern aufgeht, als dass das Ergebnis trotz drei Stunden Laufzeit und dem permanenten Unterstreichen der (vermeintlichen) eigenen Wichtigkeit nicht langweilt oder gar nervt, sondern unterhält, oft überrascht und gelegentlich zum (manchmal etwas ratlosen) Staunen einlädt. Das muss man eigentlich gesehen haben - ob CLOUD ATLAS deshalb jedoch ein wirklich guter Film ist, ist eine andere Frage.

Zweifelsohne gibt es einiges an diesem Film zu bewundern: Er erzählt sechs verschiedene Geschichten, die zu sechs verschiedenen Zeiten an sechs verschiedenen Orten statt?nden, mehrere Jahrhunderte umspannen und vom Abenteuer?lm über die Komödie bis zum Sci-Fi-Epos einer Vielzahl von Genres zuzuordnen sind. Anders als David Mitchell im zugrunde liegenden Roman (der in einer palindromartigen Struktur zuerst chronologisch die erste Hälfte jeder Geschichte, dann in umgekehrter Reihenfolge die jeweils zweite erzählt) erzählen Tykwer und die Wachoswkis die sechs Geschichten parallel. Das heißt nicht nur, dass sie zwischen den verschiedenen Zeitebenen umherspringen, sondern dass sie dabei bewusst einen Eindruck von Gleichzeitigkeit, von parallel verlaufenden Handlungssträngen (anstatt Vor- und Rückblenden) erzeugen. Sie lassen die einzelnen Ebenen über Voice-Over sowie Motive und Handlungen, die in einer Ebene beginnen und in einer anderen nachwirken oder wiederholt werden, "ineinander ?ießen" und erwecken so beim Zuschauer tatsächlich das Gefühl, eine einzige fragmentierte, aber zusammenhängende Geschichte statt sechs voneinander unabhängige, nur thematisch verwandte Episoden zu erleben. Das ist handwerklich so perfekt umgesetzt, so virtuos montiert, dass die Intelligentesten im Publikum diese Absicht der Regisseure wohl sogar verstanden hätten, wenn sie nicht alle fünf Minuten von einer der Figuren ausbuchstabiert würde.

Als Triumph erweist sich auch die im Vorfeld vielerorts mit einiger Skepsis betrachtete Entscheidung, eine Handvoll Schauspieler in allen sechs Eben zu besetzten und dabei mittels aufwendigem Make-Up über die Grenzen von Rasse, Geschlecht und Alter hinauszugehen. Zwar sind die einzelnen Make-Ups mal mehr, mal weniger überzeugend (Hugo Weaving als resolute Altenp?egerin, Jim Sturgess als Asiate und Hugh Grant als so ziemlich alles, was keine klassische Hugh Grant-Rolle ist, beispielsweise sorgen schon in ihrer ersten Einstellung für sicher teilweise, aber nicht immer freiwillige Komik oder landen im eigentlich Animations?guren vorbehaltenen uncanny valley), doch wichtiger als die perfekte Illusion ist hier nunmal zum Einen die Untermalung der "alles ist verbunden"-Thematik und zum Anderen das gesteigerte Identi?kationspotential. Denn trotz der langen Laufzeit will CLOUD ATLAS doch soviel erzählen, dass den Regisseuren nichts anderes bleibt, als ein recht hohes Tempo vorzulegen und Exposition und Charakterzeichnung in den einzelnen Geschichten auf ein Minimum zu reduzieren. Doch da alle Darsteller für bestimmte Motive und Qualitäten stehen, entsteht beim Zuschauer doch das Gefühl, die Figuren zumindest annähernd kennenzulernen.

All diese verbindenden Elemente sind bitter nötig, denn für sich genommen haben alle sechs Geschichten etwas unfertiges. Gerade die Geschichten in der Zukunft, die sich nicht zumindest in Teilen auf das Wissen des Zuschauers um geschichtliche Verhältnisse und Entwicklungen verlassen können, müssen mit äußerst rudimentärem Setting auskommen, sie existieren in Welten, deren Verhältnisse und Mechanismen bestenfalls angedeutet werden.
Im Grunde ist das völlig in Ordnung, denn jede einzelne Geschichte dient ja letztlich nur dazu, die größere, all diesen Geschichten übergeordnete Botschaft der Filmemacher zu unterstützen. Doch genau hier krankt der Film: Was auf narrativer Ebene wunderbar funktioniert - das gegenseitige Befruchten und, wenn man so will, von den Schwachpunkten der jeweils anderen Ablenken der einzelnen Geschichten - reicht auf inhaltlicher Ebene leider nur zur zugegeben beeindruckenden Visualisierung von Glückskekssprüchen und Kalenderblatt-Plattitüden. Ja, CLOUD ATLAS fühlt sich wahnsinnig groß und wichtig an (und das nicht durch die wichtigtuerische Humorlosigkeit, die heutzutage für gewöhnlich Tiefgang im Kino simulieren soll), sondern durch erzählerischen Einfallsreichtum, die Verquickung diverser Genres und mutige kreative Entscheidungen. Doch wenn nach dreistündigem Springen durch die Jahrhunderte und dem 20. pathetischen Voice-Over inhaltlich noch immer nicht viel mehr rumkommt als "Alles ist verbunden, also seid nett zueinander", fragt man sich doch, ob all die Ambitionen, Wagnisse und Kreativität dafür nicht ein wenig verschenkt waren.

CLOUD ATLAS bleibt ein faszinierender Film, der so beeindruckend leichtfüßig zwischen effektgewaltiger Sci-Fi und Kammerspiel, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen kitschigem Pathos und liebenswerter Albernheit tänzelt. Es ist aber eben auch ein Film, der immer wieder betont, dass er mehr will, dass er wichtiges zu sagen hat, dieses Versprechen aber niemals einlösen kann. Beinahe möchte man daher ausgerechnet beim ambitioniertesten Film des Jahres auf eine der schlimmsten Parolen des tumben "Popcornkino"-Publikums zurückgreifen und potentiellen Zuschauern empfehlen, "einfach mal das Hirn auszuschalten" und die eigene Toleranzschwelle für Esoterik und Pathos so weit wie möglich nach oben zu verlegen - soviel Spaß macht es dann, Tykwer und den Wachowskis dabei zuzusehen, wie sie auf mutige und kreative Weise an den eigenen Ansprüchen scheitern.











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