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CLOSET MONSTER (Kanada 2015)

von André Becker

Original Titel. CLOSET MONSTER
Laufzeit in Minuten. 90

Regie. STEPHEN DUNN
Drehbuch. STEPHEN DUNN
Musik. MAYA POSTEPSKI . TODOR KOBAKOV
Kamera. BOBBY SHORE
Schnitt. BRYAN ATKINSON
Darsteller. CONNOR JESSUP . AARON ABRAMS . JOANNA KELLY. ALIOCHA SCHNEIDER u.a.

Review Datum. 2016-10-04
Kinostart Deutschland. 2016-10-06

CLOSET MONSTER ist ein leiser, behutsam erzählter Coming-of-Age-Film, der mit sorgsamen Bildern eine bittersüße Geschichte über jugendliche Identitätssuche, Vater-Sohn-Konflikte und sexuelles Erwachen erzählt. Regisseur Stephen Dunn, der hier sein Langfilmdebüt gibt, greift diesbezüglich auf eine sehr metaphernreiche Bildsprache zurück, die er im Filmverlauf immer wieder mit verschiedenen Genre-Motiven ergänzt.

Der 18-jähirge Oscar (Connor Jessup) lebt zusammen mit seinem Vater Peter (Aaron Abrams) in einer piefigen Kleinstadt auf Neufundland. Sein Alltag ist dabei wenig aufregend. Einzig die Treffen mit seiner Schulfreundin Kathryn und die Gespräche mit seinem Hamster Buffy (im Original von Isabella Rossellini gesprochen) bringen Abwechslung in das triste Kleinstadtleben. Als Oscar einen Job in einem Baumarkt annimmt und den jungen Wilder (Aliocha Schneider) trifft, ändert sich sein Leben schlagartig. Nach und nach entwickelt Oscar zaghaft Gefühle für den ungestümen Rebellen. Ein Coming-out scheint unvermeidlich, ein traumatisches Erlebnis in Oscars Kindheit liegt allerdings wie ein Schatten über der Selbstwahrnehmung des Teenagers. Und nicht nur das, auch sein Vater legt ein zunehmend unberechenbares Verhalten an den Tag.

Abgesehen von einigen äußerst ungemütlichen Szenen ist CLOSET MONSTER in seiner Gänze doch ein sehr lebensbejahender Film. Mögen die Einschränkungen des Lebens in der Kleinstadt noch so erdrückend sein, Auswege und Alternativen sind immer vorhanden, suggeriert uns die Indie-Produktion. Das Entkommen aus dem Gefängnis gesellschaftlicher Erwartungen und normativer Zwänge ist kein leichter, aber ein lohnenswerter Weg. Stephen Dunn beweist hier großes Geschick darin, diesen Weg für das Publikum sehr direkt und lebensnah zu vermitteln. Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen über das nach wie vor eher stiefmütterlich behandelte Thema Coming-out zeigt er keineswegs schwache oder gebeutelte, sondern erstaunlich willensstarke Charaktere, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen (und müssen).

Das die Akzeptanz der, wie auch immer von der Norm abweichenden, eigenen Identität ein schmerzhafter Prozess sein kann, visualisiert CLOSET MONSTER mit dem Rückgriff auf dezente Elemente des Body-Horrors. So halluziniert Oscar, ganz der Traumlogik des Films folgend, das ihm aus dem Körper eine Eisenstange wächst, was wiederum in unmittelbarem Zusammenhang mit seinem Kindheitstrauma steht. Ein Element, welches im Filmverlauf jedoch seine negative Tonalität verliert und zum Mittel der Befreiung umgedeutet wird. Diese vielseitig interpretierbaren Bilder sind ein große Stärke der inszenatorischen Ebene der kanadischen Produktion. Dunn schafft es dadurch sich deutlich von der Eintönigkeit vieler Coming-of-Age-Filme abzuheben und hier ein echtes Alleinstellungsmerkmal zu generieren.

Darüber hinaus ist CLOSET MONSTER ein Film der vollkommen ohne Rührseligkeit auskommt und nie in die klebrige Aufdringlichkeit abgleitet, die einige Hollywood-Streifen in diesem Bereich so unerträglich anbiedernd macht. Ganz grundsätzlich merkt man der Produktion einfach an, dass sie ihre Figuren und vor allem ihr Publikum ernst nimmt und ihm auch eigene zeitdiagnostische und die Handlungen der Protagonisten betreffende Interpretationen zu traut. Die Message, die uns Dunn (vielleicht) mitgeben will, ist insofern nicht eindeutig bestimmbar und liegt im Auge des Betrachters.

Trotz schwerer Themen durchziehen Dunns Debüt zudem mehrere Sequenzen träumerischer Schönheit. In Kombination mit der teils entrückten Bildsprache und dem spritzigen Indie-Soundtrack versprüht der Film eine erstaunliche Leichtigkeit, die eine ganz individuelle, außerweltliche Stimmung erzeugt. Zusammen mit den tollen schauspielerischen Leistungen entsteht so ein ungemein einnehmendes Filmerlebnis, das mit seiner verspielten Inszenierung nachhaltig beeindruckende Ergebnisse erzielt.











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