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CLIMAX (Frankreich 2018)

von André Becker

Original Titel. CLIMAX
Laufzeit in Minuten. 95

Regie. GASPAR NOÉ
Drehbuch. GASPAR NOÉ
Musik. STEVE BOUYER . PASCAL MAYER
Kamera. BENOÎT DEBIE
Schnitt. DENIS BEDLOW . GASPAR NOÉ
Darsteller. SOFIA BOUTELLA . ROMAIN GUILLERMIC . SOUHEILA YACOUB . KIDDY SMILE u.a.

Review Datum. 2018-12-04
Kinostart Deutschland. 2018-12-06

Gaspar Noé ist ein Provokateur. So sieht es das Feuilleton, so will es die gängige Rezeption seiner Filme. Wie auch immer man zu dieser arg vereinfachenden Zuschreibung steht, seine Werke gehen in der einen oder anderen Ausprägung durchaus auf Konfrontationskurs mit den Sehgewohnheiten des Publikums. Inwiefern genau, muss man hier nicht weiter ausführen. Zu Filmen wie LOVE oder ENTER THE VOID ist schon ausreichend gesagt/geschrieben worden.

CLIMAX ist im Vergleich zu Noés vorherigen Filmen erstaunlich zahm geraten. Das soll nicht heißen, dass man stromlinienförmig durchkommerzialisiertes Wohlfühlkino für die ganze Familie vor sich hat. Es ist dennoch nicht von der Hand zu weisen, dass der Regisseur dieses Mal vergleichsweise zurückhaltend inszeniert. Der ultimative Film für Noé-Einsteiger also? Vielleicht sogar so etwas wie ein Noé-Light für die popcornkauenden Massen? Nicht ganz. Noé randaliert schon noch ordentlich. Lässt seine Protagonisten im Drogenrausch sämtliche Hemmungen verlieren. Und findet dafür angemessen exaltierte Bilder, die er mit einer hyper-nervöser Kamera und ohrenbetäubenden Sounds begleitet.

Zu Beginn des Films gibt es jedoch erst einmal eine lange Sequenz mit Interview-Schnipseln, die auf einem schäbigen Fernsehgerät abgespielt werden. Neben dem Bildschirm aufgereiht: Dutzende VHS-Kassetten, u.a. von Dario Argentos SUSPIRIA. Eine nette kleine Referenz, die unterstreicht, dass selbst Noé nicht im luftleeren Raum inszeniert. Die Interviews zeigen die Mitglieder einer Tanzgruppe, die so allerhand Statements über ihren Werdegang und den Sinn des Lebens geben. Teilweise anstrengend hip, teilweise pointiert ein hedonistisches Lebensgefühl widerspiegelnd.

Später im Filmverlauf wird deutlich, inwiefern die Aussagen Fake oder Wahrheit sind. Spiel oder bitterer Ernst. Als Einleitung in das eigentliche Hauptsegment des Films passen diese statisch anmutenden Bilder geradezu perfekt. Man merkt: Noé stellt hier die Weichen. Tastet sich langsam vor. Der große Knall kommt schon früh genug. Und genau so ist es dann auch. Bei einer Party der Tanzgruppe mischt jemand harte Drogen in die Bowle. Die zunächst ausgelassene Stimmung ist schnell dahin. Paranoia, Gewalt und ein allumfassender Kontrollverlust sind die Folge. Am Ende des Abends sind nicht nur Beziehungen zerstört, sondern auch so mancher Körper.

Wie so oft wird Noé das Publikum wohl in zwei Gruppen spalten. Diejenigen, die das Gezeigte ultra-geil finden auf der einen Seite. Und diejenigen, für die das Ganze nach ätzender Ego-Show aussieht auf der anderen Seite. Auch bei seinem neuesten Streich hat man somit die Qual der Wahl. Die goldene Mitte gibt es irgendwie nicht. So oder so muss man CLIMAX allerdings zugestehen, dass er wie alle Filme von Noé eine Vielzahl beeindruckender Szenen aufweist. Und diese sind in diesem Kinojahr einmalig und einzigartig. Einmalig die darin freigesetzte Energie. Einzigartig Noés rauschhafte Inszenierung. Mehr cineastische Power geht nicht.

Wenn die Kamera von oben aus der Vogelperspektive frei improvisierte Tänze filmt und die Körper irgendwann zu einer pulsierenden Masse verschmelzen ist das Kinomagie pur. Tanz ist bereits da von Noé als Kommunikationsmittel gedacht, als postadoleszente Aneignung von Welt, als in Bewegung gegossene Freiheit. Das einige der Tänzer selbst unter Drogenkonsum diese Ausdrucksform beibehalten und sich ihrem Körpergefühl lediglich durch noch exzessivere Bewegungsabläufe versichern können, weist in zwei Richtungen. Einerseits bewahrt sie dies vor ihren inneren Dämonen, die, wie von Noé nahegelegt, nur darauf warten auszubrechen. Anderseits ist der alleine Rückzug ins Körperliche auch Zeichen einer allumfassenden generationenspezifischen Sprachlosigkeit und der Unfähigkeit Bedürfnisse zu artikulieren. Die Konflikte innerhalb der Tanzkompanie eskalieren daher umso heftiger, je stärker die Drogen die Tänzer auf ihre Körper zurückwerfen.

Der Blick auf die multiethnische Generation in CLIMAX ist allerdings besonders bitter weil der Film bei dem Großteil seiner Protagonisten eine erschreckende Gefühlskälte, gepaart mit einer teilweise drastisch artikulierten Verachtung für das andere Geschlecht bzw. andersartiger Lebensentwürfe, offenlegt und ihnen kaum positive Eigenschaften zuweist. Noés neuestes Werk schockt daher vor allem mit seinem fatalistischen Menschenbild, das wie ein Blick in einen sehr tiefen Abgrund wirkt. Man schaut gebannt hin, das flaue Gefühl im Magen begleitet einen aber noch Stunden später.











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