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CLAUSTROPHOBIA (Hong Kong 2008)

von Jenny Jecke

Original Titel. CHAN MAT
Laufzeit in Minuten. 100

Regie. IVY HO
Drehbuch. IVY HO
Musik. ANTHONY CHUE
Kamera. LEE PIN-BING
Schnitt. KWONG CHI-LEUNG
Darsteller. EKIN CHENG . KARENA LAM . DEREK TSANG . FELIX LOK u.a.

Review Datum. 2010-04-02
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Ekin Cheng steht am Scheideweg seiner Karriere, denn wie jeder andere Mensch ist er dem Altern unterworfen. Die Tage als Idol der YOUNG & DANGEROUS-Generation liegen längst hinter ihm und im Gegensatz zu seinem STORMRIDERS-Kompagnon Aaron Kwok, hat Cheng sich zu lang in MY WIFE IS 18-Gefilden aufgehalten, um als Schauspieler anerkannt zu werden. Sein hölzernes Spiel ist legendär. Kein Wunder eigentlich, dass selbst die Rolle, die ihm zum Star machte – als Jungtriade Ho Nam in YOUNG & DANGEROUS – immer im Schatten von Jordan Chans Figur Chicken gestanden hatte. Chicken hatte nämlich all das besessen, was Ho Nam immer gefehlt hatte: Charakter nennt man es vielleicht, aber auf jeden Fall Seele. Ekin Cheng war nie darin begabt gewesen, seinen Rollen diese Zutat einzuhauchen, weshalb seine Auftritte auf der Leinwand höchstens reizlose Angelegenheiten blieben. Ein Mann ohne Eigenschaften, der seine Fans allein durch sein Aussehen bei Laune hielt. Aber irgendwann kommen dann eben die Falten, kommen neue, jüngere Idole, die seinen Platz einnehmen.

Vielleicht ist ausgerechnet dieser Vorgeschichte wegen Ivy Hos CLAUSTROPHOBIA der perfekte Film, um Chengs "Alterswerk" einzuläuten. Ein unspektakuläres kleines Werk mit unspektakulären Figuren. Ein Film, in dem nichts weltbewegendes passiert. Die Höhe- und Wendepunkte lassen sich auf einen Feueralarm und den täglichen Heimweg einer Fahrgemeinschaft einschränken. Letztere ist das wiederkehrende Motiv des Films und bildet überdies seinen Anfang. Oder sollte man besser vom Ende sprechen? CLAUSTROPHOBIA wird nämlich nicht chronologisch erzählt, sondern rückwärts.

Wie jeden Abend nach der Arbeit fährt Tom (Cheng) mit seinen Kollegen heim, bis Pearl (Karena Lam) die letzte verbliebene Beifahrerin ist. An jenem Abend, an dem der Film einsetzt, bittet der reservierte Tom die schüchterne Kollegin, sich einen anderen Job zu suchen. Sogar eine potenzielle Stelle schlägt er ihr vor. Doch was für den zufälligen Beobachter wie ein gutes Angebot in wirtschaftlich schlechten Zeiten wirkt, endet für Pearl mit einem gebrochenen Herzen. Verrät der Film in den nächsten Episoden immerhin jene Ereignisse, die zu dieser Bitte geführt haben. Es sind Ereignisse, welche nur durch die Kenntnis des Ergebnisses bedeutungsschwanger werden. Ereignisse, die von einer leisen Büroromanze zwischen Tom und Pearl berichten, die mehr aus Blicken besteht als irgendeiner handfesten Annäherung. Tom, das ist der Haken an der Geschichte, ist verheiratet, hat ein Kind. Das nächste ist unterwegs.

Obwohl Ivy Ho in ihrem selbst geschriebenen und inszenierten Debüt nur einmal daneben tritt, indem sie eine offene Gefühlsäußerung wie einen Fremdkörper unter all den Andeutungen stehen lässt, funktioniert CLAUSTROPHOBIA durch all die kleinen Dinge, die man zu sehen und zu hören glaubt, vergraben unter dem alltäglichen Bürogeplapper. Die Suggestion einer zum Scheitern verurteilten Beziehung, der - zumindest im Bild - nie Taten folgen. Was genau zwischen Tom und Pearl vor sich gegangen ist, bleibt bis in die letzten Minuten Ansichtssache. Den beiden Hauptdarstellern hoch anzurechnen, ist deshalb das gleichzeitig aufrecht erhaltene Mysterium und die offensichtliche Anziehung zwischen ihren beiden Figuren. Deren Kraft scheint spürbar in jeder Minute, die sie gemeinsam verbringen. Ungeachtet der Tatsache, dass sie sich die meiste Zeit an öffentlichen Orten aufhalten, in Fahrstühlen, Restaurants, Büros. Intimität ist für Tom und Pearl eben ein Feueralarm, der sie beide auf einem Hochhausdach allein zusammenbringt.

Karena Lam mit ihren expressiven Gesichtszügen ist als zerbrechliche Pearl unscheinbar und doch im Büroalltag gleichsam eine glühende Präsenz, deren emotionale Wallungen sich nur knapp unter der Oberfläche abspielen. Tom dagegen ist kontrolliert, sein Gesicht eine kühle Maske, wahrscheinlich über Jahre antrainiert. Dass er niemals zum verabscheuungswürdigen Anzugträger abdriftet, der nur mit den Gefühlen Pearls spielt, ist Cheng zu verdanken. Der wird sicher nie zum Charisma-Bündel mutieren. Mit CLAUSTROPHOBIA hat er dafür vielleicht seine Nische entdeckt. Nicht die der großen Helden. Das sollen die Andy Laus und Aaron Kwoks dieser Welt machen. Ein Normalo im Anzug, einer wie sie zu Tausenden in Hongkong herumlaufen, einer, der einfach nicht aus seiner unscheinbaren Haut heraus kann. So einen kann Ekin Cheng spielen.










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