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CATERPILLAR (Japan 2010)

von Björn Lahrmann

Original Titel. KYATAPIRÂ
Laufzeit in Minuten. 85

Regie. KÔJI WAKAMATSU
Drehbuch. HISAKO KUROSAWA . MASAO ADACHI
Musik. SALLY KUBOTA . YUMI OKADA
Kamera. YOSHIHISA TODA . TOMOHIKO TSUJI
Schnitt. SHUICHI KAKESU
Darsteller. SHINOBU TERAJIMA . KEIGO KASUYA . EMI MASUDA . SABU KAWAHARA u.a.

Review Datum. 2010-03-12
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Als Leutnant Kurokawa aus dem Krieg heimkehrte, fand er sich zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Oder so ähnlich. Ohne Arme, ohne Beine, das Gesicht zur Hälfte von Brandnarben verschmurgelt, ein taubstummer Stummel, liegt er auf dem Tatami und wartet darauf, von seiner Frau Shigeko (Silberner Bär für Shinobu Terajima) gefüttert zu werden. Das ist nicht mein Mann!, kreischt sie immer wieder; doch auf den Orden und Medaillen prangt sein Name, in der Zeitung wird er gefeiert, also muss es wohl stimmen. Fortan ist es ihre patriotische Pflicht, die Kreatur, die ihr Mann ist, am Leben und vor allem bei Laune zu halten: denn das eine, wichtigste Glied an Kurokawas Körper wurde nicht zerstört, und es funktioniert besser denn je.

CATERPILLAR ist ein Antikriegsfilm, wie ihn sich kaum noch wer zu machen traut. Sein Ansinnen ist von dermaßen radikaler Einfachheit, dass für Subtilität und Eleganz kein Platz in ihm ist. Billig und roh wirken seine digitalen Handkamerabilder, die Setbauten beschränken sich aufs Nötigste. Schindlers Liste wird anderswo geschrieben. Kurokawa versinnbildlicht ganz ohne Umweg, was vom Menschen übrig bleibt, wenn der Krieg ihn erst abgenagt und ausgespuckt hat; ein emotionales wie soziales Rumpfwesen, bestehend nur noch aus verabsolutierten Trieben und Bedürfnissen. Als kleine Raupe Nimmersatt frisst, fickt und scheißt er sich durch den Tag, eine Ausscheidungsmaschine dickflüssiger Körpersäfte und gutturaler Grunzlaute. Zwischendurch muss er sich dem Volk, das ihn als "Kriegsgott" verehrt, öffentlich präsentieren; da rollt er dann wie eine uniformierte Büste im Bollerwagen durchs Dorf und thront lächerlich auf der Anhöhe über den Reisfeldern.

Koji Wakamatsu, auf dessen Konto CATERPILLAR voll und ganz geht, ist einer der großen Verrückten des japanischen Kinos. Er begann in den 60ern als Regisseur avantgardistischer pinku-eiga-Streifen wie GO, GO SECOND TIME VIRGIN. Vor drei Jahren wurde auf der Berlinale sein Mammutwerk UNITED RED ARMY gezeigt, eine Abrechnung mit der politischen Linken in Japan, der Wakamatsu selber unzweifelhaft angehört. CATERPILLAR ist gewissermaßen eine nachgereichte Vorsuppe zum letzten Films, ein abstraktes, ungnädiges Porträt einer in jeder Hinsicht verkrüppelten Elterngeneration. Kurokawas Rückkehr ins Leben ist eine buchstäbliche Vergewaltigung, ein bloß noch ideologisch geduldetes Wieder-Eindringen in eine Ordnung, die er von innen her wie ein Parasit auffrisst.

Zwischen endlos sich wiederholenden Sequenzen von Reisgeschlabber und Amputationssex schneidet Wakamatsu immer wieder auf die kaiserlichen Ruhmes-Insignien, die auf einem kleinen Schrein in der Wohnungsecke liegen. Dieses doppelte Beharren, auf der Hässlichkeit des Krieges einerseits, der Verhöhnung der ihn stützenden Politik andererseits, ist schon alles, was CATERPILLAR leisten will: als lupenreiner Agitprop sicher ein Triumph, als Spielfilm eine mindestens zweifelhafte, wenn nicht kontraproduktive Angelegenheit. Obwohl sich die Machtverhältnisse zwischen Kurokawa und Shigeko bald verschieben und verschärfen, ergibt sich daraus keinerlei Dynamik, der Film bleibt stoisch – und auf Dauer extrem ermüdend – im Teufelskreis seiner brutal direkten Botschaft gefangen. Oder, mit dem Titel gesprochen: Eine Raupe, die sich nie zum Schmetterling entfaltet.










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