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CAPTAIN PHILLIPS (USA 2013)

von Sven Taucke

Original Titel. CAPTAIN PHILLIPS
Laufzeit in Minuten. 134

Regie. PAUL GREENGRASS
Drehbuch. BILLY RAY
Musik. HENRY JACKMAN
Kamera. BARRY ACKROYD
Schnitt. CHRISTOPHER ROUSE
Darsteller. TOM HANKS . BARKHAD ABDI . BARKHAD ABDIRAHMAN . FAYSAL AHMED u.a.

Review Datum. 2013-11-13
Kinostart Deutschland. 2013-11-14

Die Unternehmen verlangen heutzutage eine ganze Menge von einem, stellt Handelskapitän Richard Phillips seiner Frau gegenüber fest. Beide sind sich sicher, dass der Druck noch steigen wird. Ihre Kinder werden es später schwer haben, da sind sich die besorgten Eltern einig. Auch Abduwali Muse machen die Herausforderungen unserer Zeit zu schaffen. Allerdings in einer ganz anderen Qualität. Seine Heimat ist ein Fischerdorf in Somalia, dessen Bewohner zu den Opfern der Globalisierung gehören. Die großen Fischereiflotten der Konzerne sorgen dafür, dass für sie nichts mehr übrig bleibt. Quasi nebenbei wird gezeigt, wie Milizen und Kriminelle die Situation ausnutzen und die jungen Männer in die Piraterie drängen. Zu Beginn des Films stechen die beiden Kapitäne Phillips und Muse in See.
Das Drama, das sich anbahnt, beruht auf Tatsachen. Im Jahre 2009 gerät das Containerschiff "Maersk Alabama" auf seiner Route von Oman nach Kenia in die Hände somalischer Piraten und Kapitän Richard Phillips wird zu ihrer Geisel. CAPTAIN PHILLIPS ist die Verfilmung des Buches "Höllentage auf See", welches der Kapitän mit dem Journalisten Stephan Talty verfasste und die Ereignisse aus Sicht des Kapitäns schildert. Regie führt Paul Greengrass nach einem Drehbuch von Billy Ray. Entstanden ist ein Film, der mit seinem präzisen, quasi-dokumentarischen Stil und politischem Hintergrund repräsentativ ist für das Werk des britischen Regisseurs.
Greengrass begann seine Karriere in den achziger Jahren als Journalist und Dokumentarfilmer für das TV-Magazin WORLD IN ACTION. 1987 veröffentlichte er mit dem Ex-MI5-Agenten Peter Wright das aufsehenerregende Enthüllungsbuch SPYCATCHER. Mit diesen Erfahrungen im Gepäck entwickelte Greengrass den realistischen Stil für seine exakt recherchierten Thriller. Typisch für seine Arbeiten ist ein genauer, analytischer Blick auf die Vorgänge, welche die jeweilige Ausgangssituation hervorruft sowie Empathie für die Menschen, die in den Strudel historischer Ereignisse gerissen werden. Das war in seinem Falklandkriegsdrama RESURRECTED von 1989 genauso wie in BLOODY SUNDAY (2002) über den nordirischen Blutsonntag und FLUG 93 (2006) über Nineleven. Das Prinzip findet sich auch in den beiden BOURNE-Filmen (2004 und 2007) und der Irakkriegsstory GREEN ZONE (2010), auch wenn hier fiktive Geschichten erzählt werden.

In CAPTAIN PHILLIPS schaut Greengrass nun den Seeleuten, Piraten und Navy SEALs vor der somalischen Küste ganz genau auf die Finger, fängt jeden Schritt der Beteiligten genau ein. Greengrass und sein Kameramann Barry Ackroyd zeigen die Leistungsgesellschaft als Tanz auf der Klippe in körnigen Bildern. Klar wird: Wer nicht Profi genug ist, fällt runter und geht baden. Helden gibt es nicht, nur Menschen, die sich falsch oder richtig verhalten. Im Mittelpunkt spielt Tom Hanks als Phillips eine der besten Rollen seiner Karriere. Auch die jungen Schauspieler mit somalischen Wurzel, allen voran Barkhad Abdi als Muse, leisten Bemerkenswertes.

In den USA ist eine Debatte ausgebrochen, bei der es ausgerechnet um die Authentizität des Films geht. Ehemalige Besatzungsmitglieder der "Maersk Alabama" werfen Phillips vor, die Geschichte zu verfälschen. Der Kapitän habe sich bei weitem nicht so korrekt und vernünftig verhalten wie geschildert. Im Gegenteil sei sogar eine Kurskorrektur Phillips der Hauptgrund dafür, dass die Piraten die "Maersk Alabama" überhaupt als Ziel ausmachen konnten. Greengrass hingegen hält die filmische Darstellung der Ereignisse weiterhin für angemessen. Welche Sicht der Dinge näher an der Wahrheit liegt, mag jeder für sich selbst entscheiden. Die Relevanz von CAPTAIN PHILLIPS liegt woanders, nämlich in der realistischen Darstellung der modernen Piraterie. Es ist Zufall, dass zwei Wochen vor dem Deutschlandstart des Films eine Untersuchung von Weltbank, UN und Interpol zur Piraterie am Horn von Afrika veröffentlicht wurde. Rund 306 Millionen Euro Lösegeld wurden zwischen 2005 und 2012 gezahlt, heißt es dort. Bei den Piraten blieben davon knapp 0,1 Prozent, die Absahner waren die Hintermänner: Milizen und Gangsterkartelle. Nach dem Kinobesuch werden viele Zuschauer solche Meldungen genauer beachten. In der Härte unserer Wirklichkeit verwurzelt, ist CAPTAIN PHILLIPS wieder so ein Greengrass-Film, der einen nicht loslässt.











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