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DIE BUDDENBROOKS (Deutschland 2008)

von Claudia Siefen

Original Titel. DIE BUDDENBROOKS
Laufzeit in Minuten. 152

Regie. HEINRICH BRELOER
Drehbuch. HEINRICH BRELOER . HORST KÖNIGSTEIN . THOMAS MANN
Musik. HANS-PETER STRÖER
Kamera. GERNOT ROLL
Schnitt. BARBARA VON WEITERSHAUSEN
Darsteller. ARMIN MUELLER-STAHL . IRIS BERBEN . AUGUST DIEHL . MARK WASCHKE u.a.

Review Datum. 2008-12-21
Kinostart Deutschland. 2008-12-25

Die Lübecker Kaufmannsfamilie Buddenbrook repräsentiert ein tatkräftiges, erfolgorientiertes Bürgertum, dessen durch klugen Unternehmensgeist, gepaart mit bodenständiger Lebensfreude, erworbener Besitz in der Zeitspanne von 1835 bis 1877 mitsamt familiären Dissonanzen porträtiert wird. Der humanistische Konsul Jean Buddenbrook (Armin Mueller-Stahl) führt seine Familie mit der nötigen Strenge und Wärme, um den Erfolg, Stolz und auch die Bürde eines altangesehenen Familienunternehmens im boomenden Getreidehandel weiter zu führen. Seine vier Kinder tragen aber bereits den Unmut darüber, privates Glück im Hintergrund zu belassen, wenn es dem Betrieb zugute kommt, eifrig vor sich her. Man handelt dem Papa zuliebe und private Vorlieben bringen vor allem den emotionalen Verfall und über vier Jahrzehnte gipfelt diese familiäre Katastrophe im jüngsten Spross, der mit verträumt künstlerischen und zart angedeuteten homosexuellen Neigungen weder den Familienstamm noch den Betrieb in ein neues Zeitalter führen kann. So stirbt er als Teenager an Typhus.

Aber noch sind da die drei Kinder des Konsuls: der älteste, Thomas (Mark Waschke), sonnt sich im vollen Bewusstsein, einer gesellschaftlich hoch angesehenen Patrizier-Familie anzugehören. Die "Gesellschaft" und deren Fragwürdigkeit in Belangen der Anerkennung zeichnet Breloer in kurzen Fragmenten und Porträts nach. Christian (August Diehl) sieht sein Leben als wahren Abenteuerspielplatz, schätzt seinen Vater wohl sehr, aber sämtliche berufliche Ambitionen fußen ausschließlich auf emotionaler Basis: die Verehrung des Vaters mitsamt Konkurrenz und Eifersüchteleien gegenüber dem älteren Bruder. Und schließlich Tony (Jessica Schwarz), ein nettes, plappermäuliges und etwas naives junges Mädchen, das von großen Gefühlen träumt, dem Papa ergeben ist und ansonsten alle Register zieht, um dem Erwachsenwerden zu entkommen. Für seine Taten einzustehen oder auch einmal etwas zu wagen, das ist alles viel zu anstrengend und außerdem ist es hübscher, mit dramatischen Gesten zu leiden. Mutter Buddenbrook (Iris Berben) steht ihrem Mann in Haltung und Respektabilität in nichts nach, lässt es aber an Wärme fehlen. Tony sieht sich mit gescheiterten Ehen konfrontiert, Thomas übertreibt es in der Suche, es dem Vater gleich zu tun, ein wenig mit der Kronprinzenwürde und Christian entzieht sich schließlich völlig, um mit einer kokett-warmherzigen Operettensängerin auf ein zärtliches Zuhause zu hoffen. Jedoch nicht ohne der Familie bis ins Alter Vorwürfe zu machen und sich vernachlässigt zu fühlen, als die Eltern schon längst verstorben sind. Es sind die Zeichen der Zeit, die beachtet werden müssen und nach denen auch gehandelt werden muss. Die geäußerte Hoffnung auf ein Wiedersehen im Jenseits belegt, dass die restlichen Familienmitglieder dieser Anforderung nicht gewachsen sein werden.

Breloer beackert wieder das Feld der Vereinfachungen, streicht und splittert vor sich hin, bis ein fernsehgerechtes Rosamunde-Pilcher-Surrogat übrig bleibt und erdreistet sich, das ganze "nach dem Roman von Thomas Mann" zu benennen und dabei zusätzlich einer großartigen deutschsprachigen Besetzung über den Mund zu wischen! Mueller-Stahl ist feinsinnig, zurückhaltend. Berben lässt es hinter der kühlen Fassade brodeln, Schwarz liefert eine wunderbare Tony, Diehl ist herrlich als jammeriger Sohnemann, der sich missverstanden und nicht beachtet fühlt, ebenso wie Waschke, der das Wollen und doch nicht Können und das erfolglose Streben nach Papas Geheimrezept ohne Pathos bringt. Proll gibt eine herrliche Chanteuse ohne bösartiges Kalkül. Nur die Figur des kleinen Hanno ist nervtötend passiv. Er will "eben nichts", aber wenn man den Roman gelesen hat weiß man, dass dieses Nicht-Wollen geradezu einer körperlichen Verängstigung und Lähmung vor der großen Welt entspringt. So geht es allen Figuren des Romans: fernsehgerechte Vereinfachung, die das Publikum für blöd verkauft.

Der Roman war bei seinem Erscheinen im Jahr 1901 ein Gassenhauer, ein sprachlich großartiges, differenziertes Werk mit dem Mut zur Länge und der beängstigenden, zähen Ausformulierung, die dennoch einen enormen Unterhaltungswert bot. Eben ein Publikumsrenner, da sich einige aus der Lübecker Kaufmannsszene dort porträtiert sahen und natürlich vereinzelt darüber erbost waren! Es gab tatsächlich parallel zum Roman eine Liste im Buchladen zu kaufen, welche die Entsprechungen der Romanfiguren zum wahren Leben aufführte. Von Thomas Mann durchaus so beabsichtigt. Unterhaltungsliteratur auf höchstem Niveau.

Breloer streicht die gesamte Handlung auf ihre Eckpfeiler zusammen: Sterbefälle, Ehekrisen. Särge werden leer hinein und voll wieder hinaus getragen und vom Bürgertum und dessen Humanität erfährt man nix, eventuell weiß Breloer ja auch nicht Bescheid über damalige Lebensgewohnheiten in jenen Kreisen, die er nun auf modern getrimmt porträtieren will? Zumindest rauscht alles in einer Kostüm-Puderorgie (das Make-up ist furchterregend: es gibt viel zu lernen bei den Franzosen, die das "auf Natürlich Schminken" wahrlich perfekt beherrschen), während die Sprache völlig deplaziert auf heutige Gewohnheiten abgestimmt ist. Vielleicht soll das ja spannend sein: alles sieht aus wie ein Historienfilm, aber hört sich an wie die "Lindenstrasse"? Die Liebesheirat ist ein großes Thema, das aktuelle Weltkino predigt diese als das einzig Wahre, jeder andere Grund, eine Lebensgrundlage zu erstellen wird als moralisch verwerflich erachtet. Das ist kleingeistig und einfach nur dumm, aber damit sollen wir auch gefüttert werden.

Der Weitwinkel wird aufs Heftigste eingesetzt, und dem üblichen Fehler bei historischen Filmen wird fleißig zugesprochen: die Möbel, die geschriebenen Briefe, die Toilettutensilien, alles sieht museal aus; ein Kochtopf aus dem Jahr 1860 sieht im Jahr 1860 halbwegs neu aus und nicht so, als ob man ihn aus dem Heimatmuseum geliehen hätte, mit Briefen verhält es sich ebenso: das Papier muss bitte schön nicht vergilbt sein, wenn jener Brief im Jahre 1860 eine Woche alt ist! Dererlei Beispiele gibt es zuhauf. Einzig die Bauten sind grandios: das Haus der Familie lebt und atmet, es ist bewohnt, das Parkett glänzt, die Fenster sind sauber, die Vorhänge frisch: lebendig. Nur das Wetter muss bei Breloer ordentlich herhalten für große Symbolik: dauernd zieht sich in billigster Computeranimation der Himmel zusammen und rüstet sich zum Unwetter, es gewittert und hagelt: da braut sich ordentlich was zusammen bei den Buddenbrooks (hat dann auch jeder ganz schnell verstanden).
Am Besten das Ganze noch mal mit selber Besetzung, bitte. Aber eine andere Regie.

Kleiner Hinweis: Es gibt eine ganz wunderbare "Buddenbrooks"-Verfilmung von 1978 (produziert von Hans W. Geissendörfer). Ebenso mitreißend wie das Buch, unterhaltsam und lädt zum Weiterdenken ein.











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