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DIE BUCHT - THE COVE (USA 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. THE COVE
Laufzeit in Minuten. 92

Regie. LOUIE PSIHOYOS
Drehbuch. MARK MONROE
Musik. J. RALPH
Kamera. BROOK AITKEN
Schnitt. GEOFFREY RICHMAN
Darsteller. RIC O'BARRY . JOSEPH CHISHOLM . DAVID RASTOVICH . MANDY-RAE CRUICKSHANK u.a.

Review Datum. 2009-09-09
Kinostart Deutschland. 2009-10-22

Wo ist Werner Herzog, wenn man ihn braucht? Es gibt eine Szene in GRIZZLY MAN, Herzogs großartigem Found-Footage-Porträt des von Bären gefressenen Bärenhüters Timothy Treadwell, wo er dessen naturmystische Verklärung mit einem gerüttelten Maß Nüchternheit konterkariert: "In all the faces of all the bears that Treadwell ever filmed, I discover no kinship, no understanding, no mercy. I see only the overwhelming indifference of nature." In den Delfingesichtern von DIE BUCHT sieht niemand auch nur entfernt Vergleichbares, am allerwenigsten die Filmemacher selbst. Sie zoomen auf das charakteristische Lächeln der Meeressäuger und nennen es Lächeln, sofern in freier Wildbahn aufgenommen, nennen es jedoch, sobald im Kunststückbecken von SeaWorld gefilmt, Depression und Suizidwunsch. Ihre eigene Tierliebe halten sie für selbstlos und beziehen doch alles, was die Delfine tun, völlig narzisstisch auf sich: An mir zeigen die Delfine Interesse, mit mir wollen sie kommunizieren, in meiner Gegenwart fühlen sie sich wohl, ich, ich, ich. Ein Wissenschaftler wird vor die Kamera gezerrt, der Folgendes zu sagen hat: "Normalerweise beurteile ich tierische Intelligenz ausschließlich anhand objektiver Kriterien, aber wenn ich einem Delfin in die Augen sehe, weiß ich: er hat eine Seele." Belustigend die Vorstellung, wie ihm beim Verzapfen dieses gefühligen Unfugs jemand außerhalb des Bildes eine Knarre an den Schädel hält, beängstigend, dass es wahrscheinlich niemand tut.

Doch ich greife vor, vielleicht auch zu kurz oder gar daneben. DIE BUCHT ist im Herzen eine gute Sache: eine als mustergültiges Entertainment aufbereitete Dokumentation über ein paar Tierschützer, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, eine streng bewachte Delfinschlachtbucht im japanischen Taiji zu infiltrieren und Videoaufnahmen der grausigen Vorgänge an die Öffentlichkeit zu tragen. Initiator der Aktion ist Ric O'Barry, der seine Karriere als Cheftrainer der Serie FLIPPER begann, später jedoch zu einem der erbittertsten Advokaten gegen Delfinhaltung jeglicher Art wurde. Für sein Himmelfahrtskommando hat O'Barry einen Trupp illustrer Typen zusammen getrommelt, die der Film einführt, als wären sie das A-TEAM: Da gibt es den verrückten Bastler, den waghalsigen Draufgänger, die Weltklasse-Athletin u.s.w. Man sieht sie daheim beim Zusammenlöten ihrer Gimmicks, beim schelmischen Vorbeischmuggeln ihrer Gepäcklawine am japanischen Zoll und bei ersten Ausspähungen der Bucht, die in der Tat besser abgeriegelt ist als ein Keuschheitsgürtel. Nebenbei lernt man O'Barrys schuldkomplexbeladene Motive kennen – er ist der festen Überzeugung, ohne seine Arbeit bei FLIPPER hätte heute kein einziger Delfin Böses zu leiden, was man getrost für maßlose Selbstüberschätzung halten darf – und bekommt haarsträubende Einblicke in die Absurditäten japanischer Walfangpolitik. Der finale Coup ist dann endgültig inszeniert wie MISSION: IMPOSSIBLE, komplett mit Nachtsichtgerät, Cross-Cutting und Lalo-Schifrin-Anleihen auf der Tonspur. Natürlich werden die ozeanischen Eleven reüssieren, werden die bestialischen Bilder ungeschönt über die Leinwand bluten, wird man sich entsetzt abwenden, wird der Film, mit anderen Worten, seinen Zweck erfüllt haben. Oder nicht?

Oder nicht. Das fatale Problem von DIE BUCHT ist eines der Zuversicht in die eigene Überzeugungskraft, die er offenbar nicht hat. So schlägt, was durch selbstgenügsame Leidenschaft hätte mitreißen können, um in einen verkniffen apodiktischen Lehrfilm, der seine Evidenzen nicht für sich sprechen lässt, sondern selbige durch manipulative Fürsprache konstant entwertet. Die unlauteren Mittel, die dabei zum Einsatz kommen, sind so antiquiert wie peinlich offensichtlich: Grässliche Emotionsleitmusik der Marke Flötengeschleim und Militärtrommelei; tränenreiche Augenzeugenberichte; penetrante Heiligsprechung der Delfine bei gleichzeitiger Generalverschweinung der Japaner, die entweder alle mit der Yakuza im Bunde stehen oder doofe, unmündige Hascherl sind, die von ihrer sinistren Regierung klein gehalten werden.
Interessant sind die Zirkelschlüsse, die dem Film im Rahmen seiner Grundschuldidaktik unterlaufen. Große Mühen werden z.B. darauf verwendet, den Vorwurf zu entkräften, in Japan sei Delfinfleisch ein ebensolches Grundnahrungsmittel wie anderswo Rind oder Schwein – und O'Barrys Ansinnen folglich ein Zeichen mangelnder kultureller Toleranz. Es stellt sich jedoch heraus: das meiste Delfinfleisch, das zum Verzehr im Kühlregal landet, wird fälschlich als Walfleisch etikettiert, und nur dies ist tatsächlich Teil der traditionellen japanischen Speisekarte. Problem gelöst? Nicht ganz: An anderer Stelle echauffiert sich O'Barry darüber, dass Delfine nicht unterm Schutz der Internationalen Walfangkommission stehen, obwohl sie selbst eine Untergattung derselben bilden. Wenn es nun aber in der japanischen Kultur in Ordnung geht, Wale zu essen – und Delfine Wale sind… schwupps, bricht die Argumentationskette zusammen.

Wieso aber sich überhaupt in solch intrikaten Abwägungen über's Fressen verstricken, wenn die schlichte Moral doch lautet, dass Massentiertötungen jeglicher Art eine verdammungswürdige Sauerei sind? Und wieso diese klare Botschaft nicht von Bildern transportieren lassen, deren urtümliche Wucht selbiges allemal hergäbe? Statt dessen wird der Zuschauer an die Leine genommen und mit der Nase immer wieder in jene Scheiße gedrückt, die er selbst längst als solche identifiziert hat. Mal jovial-anheischig, mal mit dem Knüppel barmt der Film um Zustimmung, die man ihm inhaltlich gern gäbe, wäre nicht der Trotz seinen Methoden gegenüber so groß. Und so weiß man letztlich nicht, worüber man mehr speien möchte: Darüber, wie Flipper vor unseren Augen in Stücke harpuniert wird, oder über einen Film, der uns im Brustton rechtschaffener Empörung eintrichtert, wie wir uns gefälligst dabei zu fühlen haben.











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