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BORG/MCENROE - DUELL ZWEIER GLADIATOREN (Schweden/Dänemark/Finland 2017)

von Andreas Günther

Original Titel. BORG/MCENROE
Laufzeit in Minuten. 107

Regie. JANUS METZ
Drehbuch. RONNIE SANDAHL
Musik. VLADISLAV DELAY . JON EKSTRAND
Kamera. NIELS THASTUM
Schnitt. PER SANDHOLDT . PER K. KIERKEGAARD
Darsteller. SVERRIR GUDNASON . SHIA LABEOUF . STELLAN SKARSGARD . TUVA NOVOTNY u.a.

Review Datum. 2017-10-26
Kinostart Deutschland. 2017-10-19

Vom Genre her gehört BORG/MCENROE - DUELL ZWEIER GLADIATOREN zu den Sportlerfilmen und Biopics. Im Mittelpunkt stehen die Anstrengungen der Profitennisspieler Björn Borg (zu einem größeren Teil) und John McEnroe (zu einem etwas kleineren Teil), im Jahre 1980 das Tennisturnier von Wimbledon zu gewinnen, das als das berühmteste der Welt gilt. Gleichwohl täuscht der martialische Untertitel des deutschen Verleihs. Die thematische Bandbreite des Films reicht weit über ein Duell hinaus. Der erste Spielfilm des Dokumentarfilmers Janus Metz ist nicht nur sportgeschichtliche Aufarbeitung mit erzählerischen Freiheiten und Erkundung der Wurzeln des Ehrgeizes und der Höchstleistung, sondern auch eine sehr aktuelle, kritische Auseinandersetzung mit Optimierungswahn einerseits und vulgärem Regelbrechertum andererseits. Am deutlichsten macht sich der Film allerdings in den weichen Knien beim Gang aus dem Kino bemerkbar. Die glänzende Inszenierung lässt die Jagd nach der Filzkugel, die letzte Streckung, den verzweifelten Sprung nach ihr sogar im Sitzen zu einem physischen Erlebnis werden.

Im Sommer 1980 hat der schwedische Tennisweltranglistenerste Björn Borg (Sverrir Gudnason) in seinem Wohnort Monaco ein echtes Luxusproblem. Die Schlüssel zu seinem Porsche sind im verriegelten Wagen geblieben. Zu Fuß nach Hause zu gehen, erweist sich bei seiner Berühmtheit rasch als Spießrutenlauf. Er flüchtet sich in ein kleines Café, hat aber kein Geld dabei, um sein Heißgetränk zu bezahlen. Als Gegenleistung akzeptiert der Besitzer, der ihn nicht zu kennen scheint, ein paar Handreichungen im Lager. Dabei stößt Borg auf eine englisprachige Zeitung mit der Artikelüberschrift: "Borgs größter Alptraum". Das dazugehörige Bild zeigt seinen amerikanischen Rivalen John McEnroe, wie er gerade einen Flugball setzt.

Tatsächlich scheint beim anstehenden Wimbledon-Turnier alle Welt einem Endspiel zwischen dem unterkühlt und emotionslos von der Grundlinie agierenden Gentleman Borg und dem virtuos Serve-and-Volley zelebrierenden Wüterich McEnroe (Shia LaBeouf) entgegenzufiebern. Konkurrenten wie Jimmy Connors oder Vitas Gerulatis zählen gar nicht mehr. Über die Konfrontation sehr unterschiedlicher Temperamente hinaus erhält der herbeigesehnte Zweikampf zusätzlichen Reiz durch den Umstand, dass Borg die Chance hat, zum fünften Mal in Folge den Titel in Wimbledon zu erringen - etwas, das bis dahin in der Profi-Ära noch niemand geschafft hatte (und nachher erst wieder Roger Federer). Borg fühlt auf sich den Druck lasten, gewinnen zu müssen. Allein die Möglichkeit einer Niederlage macht ihn nervös. Ehefrau Mariana (Tuva Novotny) und Entdecker und Trainer Lennart Bergelin (Stellan Skarsgard) sind einer neurotischen Tyrannei ihres Champions hilflos ausgesetzt. Aber auch McEnroe zweifelt an sich - so sehr, dass er die Spielvorbereitungen seines Freundes Peter Fleming (Scott Arthur) sabotiert, um den Sieg gegen ihn im Viertelfinale sicherzustellen.

Gäbe es eine Trophäe für die beste Einstiegssequenz des Jahres in einem Film, BORG/MCENROE - DUELL ZWEIER GLADIATOREN würde sie verdienen. Ein sonniger Sommermorgen in Monte Carlo zieht beklemmend und beängstigend tief in die Schattenseiten des sportlichen Triumphs. Borg steht am Balkongeländer seines Luxusappartments und blickt auf das Mittelmeer hinaus. Er beugt sich über das Geländer. Unter ihm ist eine Bucht. Er beugt sich weiter über das Geländer. Das Wasser in der Bucht wird tintendunkelblau. Er beugt sich noch etwas weiter über das Geländer und stützt sich darauf, seine Füße lösen sich vom Boden. Das Wasser unter ihm ist jetzt trotz Sonnenschein schieferschwarz, eine unheimliche, absorbierende Spiegelfläche der Depression. Zögernd geht Borg zu einer Art Art Gymnastik am Geländer über.

Das ist nicht nur ein wahrhaftig sogartiger, sondern auch ein progammatischer Auftakt. Das düstere Wechselspiel zwischen athletischem Mann und lockender Tiefe steht nicht nur für sich, sondern verweist mit seinen Indizien eines stillen existenziellen Dramas am Rand des Burnouts auf Ereignisse der Vergangenheit wie auf die einer vorausliegenden Zukunft, die gleichermaßen eine verzweifelte Situation der Gegenwart bestimmen. Die Zeitschichten und Begebenheiten, die unsichtbar präsent sind, fächert im Folgenden eine souveräne Montage auf, die immer die Übersicht behält und stets die besten Verknüfungspunkte findet.

So lässt Borgs verkniffenes Lächeln, als McEnroe hadernd und fluchend von einem Vorrundenspiel in die Umkleidekabine zurückkehrt, in die Rüpel-Jugend des Fairness-Idols zurückkehren. Leo Borg, Björn Borgs Sohn mit seiner mittlerweile dritten Ehefrau und dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, verkörpert den Vater in seiner Jugend, der beflissen am Garagentor Schläge übt, aber im Jugendturnierzirkel bei strittigen Entscheidungen total ausflippt und sich eine sechsmonatige Sperre einhandelt. Lennart Bergelin holt ihn aus dem Abseits, hat aber selbst alle Hände voll zu tun, um den Heißsporn zu disziplinieren. Borg solle doch seine ganze Wut in sein Tennis legen, schlägt er dem Schützling vor.

Dieser Rat genügt nicht. Der zum Erfolg Verdammte entwickelt eine Zwangsneurose. Die Schlüssel im Sportwagen und die Folgen sind da nur eine sympathische Ausnahme. Für Wimbledon bewohnt er jedes Jahr dasselbe Appartment. Derselbe Wagen muss ihn vom Flughafen abholen. Dass die Polsterung ausgetauscht worden ist, löst bei ihm Schock und Wut aus. Abends legen er und Bergelin den Appartment-Boden mit Schlägern aus, prüfen mit nackten Füßen die Bespannung und erlauschen den Sound der Saiten. Das Schlafzimmer temperiert Borg so , dass er nachts eine ganz bestimmte und konstant bleibende Pulsfrequenz erreicht.

Die verstörenden Bilder von dem muskulösen, langhaarigen jungen Mann, der auf dem Bett liegt, an die Decke starrt und sich den Puls fühlt, üben zunächst ihre ganz solitäre Wirkung aus. Drehbuchatuor Ronnie Sandahl lässt die Erklärungen später aus dem Munde von Vitas Gerulaitis (Robert Emms) kommen, den McEnroe bei einem Abend in der Kneipe über seinen scheinbar übermächtigen Kontrahenten aushorcht. Für den Film funktioniert das sehr gut, sportgeschichtlich macht es weniger Sinn. McEnroe war Borg schon 1973 bei den US Open begegnet, als er bei seinen Spielen Balljunge war. Und von 1978 bis zum Wimbledon-Finale traten sie bereits siebenmal gegeneinander an, mit einer knappen Bilanz von 4:3 zugunsten Borgs. McEnroe hatte also weidlich Gelegenheit, sich über die Eigenheiten Borgs zu informieren - auch über die in Wimbledon.

Der Film huldigt McEnroe zwar als brillanten und erfolgreichen Spieler, lässt ihn aber als frischen, naiven Aufsteiger unter der Fuchtel eines dominanten Vaters erscheinen. Das war der New Yorker mit Vorliebe für Rockmusik jedoch schon lange nicht mehr. "McEnroe spielt Tennis wie Musik", schwärmten die Kommentatoren bereits, als er 1977 als Qualifikant ins Halbfinale von Wimbledon vorstieß. Zwei Jahre später gewann er mit den US Open sein erstes Grand-Slam-Turnier und etablierte sich damit als einer der ganz Großen. In BORG/MCENROE - DUELL ZWEIER GLADIATOREN hingegen stellt er mit seinen Flüchen und Schiedsrichter-Beleidigungen vor allem das Verdrängte von Borg dar, der die Vorrunden-Partien seines psychischen Doppelgängers beunruhigt im Fernsehen verfolgt.

Aber Shia LaBeouf gibt nicht nur dem Rohrspatz McEnroe Profil, sondern auch seiner Janusköpfigkeit als großer Freund und boshafter Geselle. "Verdammt, ich will nicht gestört werden", brüllt er los, als jemand an seine Hoteltür klopft. Als es sein Freund Peter Fleming ist, umarmt er ihn umso herzlicher. Fleming ist es auch, der dem unflätigen und nicht zuletzt hinterhältigen McEnroe die Leviten liest: "Alle werden sich nur an Borg erinnern und niemand an das Arschloch, das ihn geschlagen hat." Es ist Fleming durchaus zuzutrauen, dass er diese prägnanten Worte tatsächlich gesagt hat. Hat er doch, der an der Seite von John McEnroe sieben Grand-Slam-Turniere gewann, auf die Frage nach dem besten Doppelteam der Welt ebenso bescheiden wie pointiert den Ausspruch geprägt: "McEnroe and anybody".

Dabei ist die Wahl von Shia LaBeouf für die Rolle des McEnroe keineswegs nur eine glückliche. Wer die beiden Tennislegenden zu ihrer großen Zeit gesehen hat, musste das Plakatfoto für BORG/MCENROE - DUELL ZWEIER GLADIATOREN für eine halbe Parodie halten. Gudnason hat zwar ein markanteres Gesicht als Borg, aber immerhin fast so breite Schultern. McEnroe hingegen verfügt keineswegs über große traurige Augen mit Dackelblick. Rein äußerlich wäre Ryan Reynolds die weitaus bessere Besetzung. Bei ihm finden sich die nötigen Ansätze einer hohen Trotzstirn, eines irischstämmigen Dickschädels und schmalerer, bei Bedarf drohend oder ärgerlich zusammengezogener Augen. Auch die Ticks - am Stirnband zupfen, den Schläger in der Hand rotieren lassen, stillstehen, sich wieder bewegen, sich wieder am Stirnband berühren - hätte er nach allem, was von ihm bekannt ist, gut hinbekommen.

Doch als Schauspieler, die das Innere ihrer Vorbilder nach außen bringen, zeigen beide Hauptdarsteller große Klasse. Gudnason gleitet nahtlos von Borgs untadeligem Auftreten in der Öffentlichkeit in die Abgründe und Aussetzer hinter verschlossenen Türen. LaBeouf ahmt getreulich die zwischen Kameraderie und Rücksichtslosigkeit, zwischen nervösem Energiestau und explosiver Entladung pendelnde Persönlichkeit McEnroes nach. Das Erstaunlichste ist jedoch, mit welcher Genauigkeit beide die Bewegungsabläufe reproduzieren. Noch bevor es auf dem Rasen von Wimbledon losgeht, liefert Gudnason am Handlungsort Monaco ein Bravourstück ab, wenn er den Borg vor der Mündung der Ballmaschine gibt, wenn er auf rotem Sand metronomisch präzise zwischen Vorhand- und Rückhandposition hin und her eilt, mit jeweils zwanzig zentimeter Rutschstücke, die linke Hand vor dem gänzlichen Ausschwingen der beidhändigen Rückhand vom Schläger nehmend. Und LaBeouf liefert die Grundsignatur des Spiels von John McEnroe, der immer und eindeutig wiederzuerkennende Aufschlag fast mit dem Rücken zur Grundlinie, der die Schlagrichtung verdeckt und eine Art Schleudereffekt produziert.

Entsprechend verblüffend authentisch fällt es dann aus, das große Finale. Gudnason und LaBeouf haben Training bei ehemaligen finnischen Weltklassespielern genossen. Aber selbst wenn der Film mit Doubles arbeiten mag, sind die Rekonstruktionen des Spielverlaufs, des zwischen Borg und McEnroe ganz einzigartigen Schlagabtauschs mit eleganten Volleys, überraschenden Lobs, blitzartigen Passierbällen und sogar glücklichen Netzrollern schlicht überwältigend. So wie das Tennisspiel vor fast vierzig Jahren ausgesehen hat aufgrund holzdominierter Racketmaterialien, der ungezwungenen, noch nicht von Muskelpaketen getragenen Behendigkeit seiner Akteure und der breiten Palette raffinierter Spielzüge feiert es hier Auferstehung. Hinzu kommt der absolut atemberaubende Tiebreak des vierten Satzes.

Davon ist kaum genug zu bekommen. Zwar ist der Anteil des Finales groß am Film. Aber es taucht doch der Wunsch auf, die Darstellung hätte sich mehr an der Rhythmik eines echten Spiels orientiert. Da passiert die meiste Zeit nichts. Die Nettospielzeit von Tennismatches ist gering. Aber die Intervalle zwischen Anspannung und Aktion sind es, die die Spannungsgewebe eines Tennismatches weben. Dafür hätte sich BORG/MCENROE - DUELL ZWEIER GLADIATOREN getrost mehr Zeit nehmen, vielleicht den ganzen Film mit dem Finale rahmen sollen. Dann wäre Borgs geheimnisvolle stumme Dominanz noch besser zur Geltung gekommen. Und seine (weiblichen) Fans hätten nicht immer nur schrill aufkreischen müssen. Es hätten die schmachtenden, langgezogenen, lustvoll geseufzten "Borg, Borg"-Rufe durchs Stadion ziehen dürfen, die den Zuschauern der Übertragungen heute noch im Ohr sind. Auch McEnroe hätte davon profitiert. Die für ihn typische Abfolge aus hektischer Konzentration auf den Schlag und blasierter Ausführung wäre illustrativer gewesen als das gleicbleibend fiebrige Agieren LaBoeufs. Aber die haasträubend wendungsreichen Ballwechsel sorgen eben auch ohne all das für weiche Knie.











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