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BOARDWALK EMPIRE (USA 2010)

von Björn Lahrmann

Original Titel. BOARDWALK EMPIRE
Laufzeit in Minuten. 75

Regie. MARTIN SCORSESE
Drehbuch. TERENCE WINTER
Musik. diverse
Kamera. STUART DRYBURGH
Schnitt. SIDNEY WOLYNSKI
Darsteller. STEVE BUSCEMI . MICHAEL PITT . KELLY MACDONALD . MICHAEL SHANNON u.a.

Review Datum. 2011-03-10
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Während die deutschen Feuilletons aus falsch verstandenem Konkurrenzdenken noch immer proklamieren, Fernsehen sei mittlerweile "besser als Kino", hat der Rest der Welt längst spitz gekriegt, dass mit dem Jahrzehnt auch die Goldene Ära des amerikanischen Quality TV zur Neige gegangen ist. Zwar rücken neue Formate schneller und massenhafter nach als je zuvor, doch lastet auf vielen merklich das Gesetz der Serie: Es sind manieristische Wiederholungsversuche des Unwiederholbaren, sehn- bis eifersüchtige Schulterblicke auf die Meisterwerke der 00er Jahre. Vorprogrammiertes Scheitern auf höchstem Niveau: Der spinnerte postmoderne Pulp eines LOST lässt sich ebenso wenig in ein Gussförmchen pressen wie die Bulldozertragik von THE SHIELD oder die shakespearesche Straßendreckpoesie von DEADWOOD.

Anfang 2011 hängt die amerikanische Serie in der Eigenkopieschleife. Vorderster Kurvenzieher: HBO, einstiges Flaggschiff der avancierten Fernseherzählung und seit einigen Jahren in der kreativen Flaute. Den Kurs richten soll, wie üblich, ein sauteures Prestigeprojekt, namhaft bis der Arzt kommt, schon der Titel klingt überlebensgroß: BOARDWALK EMPIRE. Dermaßen perfekt durchkalkuliert ist der Pilotfilm, dass man statt Zelluloid besser Dollarnoten verwendet hätte, ein preiswürdiges Replikat jenes Stils, der den Sender groß gemacht hat: Literarische Ambitionen, Blut und Unflat. Thematisch macht man keine Gefangenen, wieder gibt es ein saftiges Stück urbane Amerikageschichte auf den Teller, nach Deadwood und Baltimore, New Jersey und New Orleans jetzt eben: Atlantic City. Vergnügungsparadies und gallisches Dorf während der Prohibition, Tummelplatz für Gangster, Gouverneure und Immigranten: Lauter haben die Roaring Twenties nirgends geroart.

Im Zentrum steht Enoch "Nucky" Thompson, County-Schatzmeister und inoffizieller Boss der Stadt. Herrlich gegen den Strich besetzt ist die Rolle mit Steve Buscemi, der sogar dann noch wie ein unglücklicher Tropf aussieht, wenn er sich von Paz de la Huerta (na, was schon?) durchvögeln lässt. Als Mischung aus korruptem König und Volksheld thront Thompson in der neunten Etage des Ritz über dem Boardwalk, jenem gigantischen Promenaden- und Einkaufspier, der Atlantic City zum Tourismusmagneten machte. Selbiger ist für die Serie mit allergrößter Finesse nachgezimmert und dezent CGI-mäßig hochgepimpt worden, nur das Licht vom Meer wirkt beizeiten wie im Fotostudio. Auf Erzählfertigkeit getrimmt wurden auch die historischen Fakten, Thompson z.B. hieß in Wahrheit Johnson, weiß aber selber nur zu gut: "Never let the truth get in the way of a good story."

Solche Sätze am laufenden Meter schreibt Serien-Chef Terence Winter, Ex-SOPRANOS-Autor und damit Gottheit des subtil-unsubtilen Dialogs - Sätze, die man als Rezensent eifrig notiert und von denen man als Zuschauer sofort weiß, dass sie in sämtlichen Rezensionen auftauchen werden. "All I want is an opportunity." - "This is America, who the fuck's stopping you?" Den großen Worten werden im Piloten noch größere Gesten an die Seite gestellt, ausgeführt von niemand Geringerem als Martin Scorsese. Irgendwie sind die vom Fernsehen auf die vom Kino halt doch neidisch, egal, wer nun "besser" ist. Selbstredend liefert Marty ab wie bestellt: Kreisblende, Freeze Frame, ganz lange Kranfahrt. Das Skript liest sich wie auf ihn persönlich abgestimmt, es gibt nächtliche Hold-ups auf offener Straße, eine Ballroom-Sequenz mit knallenden Korken, und hinter erleuchteten Fenstern schlagen Männersilhouetten auf Frauensilhouetten ein. Dazu Grammophonmusik.

Also doch alte Fahrwasser statt Kurskorrektur? Abwarten. Eine neue HBO-Show vor den ersten vier, fünf Episoden zu bewerten, hat noch nie funktioniert. Das ist ja das Wunderbare an Serien, der epische Faktor, die Möglichkeit, sich Zug um Zug freizuschwimmen aus stereotypen Grundkonstellationen, wie BOARDWALK EMPIRE sie bietet. Die handverlesene Besetzung ist über die schachmäßige Figurenaufstellung ohnehin erhaben: Michael Pitt gibt zurückhaltend den Heißsporn mit Kriegsnarben, Michael Shannon den fanatischen Fed mit Dachschaden. Die schönste Szene des Piloten gehört allerdings Kelly MacDonald: Als bitterarme Einwanderin mit sehr großem Hut kauert sie bei Nucky zur Audienz; die Almosen, um die sie nicht bittet, bekommt sie trotzdem, und ihr erzwungener Dank tut Nucky im Herzen weh. Scham, Stolz, Mitleid und Cash, eine bestechend gegenwärtige Kombination. In diesem Moment ist BOARDWALK EMPIRE mehr als bloß nostalgische Genre-Rekonstruktion und Historienmalerei - hoffentlich ein Fingerzeig zum Rest der Staffel.

BOARDWALK EMPIRE läuft seit dem 02.02.2011 auf TNT Serie.










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