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BLUE VALENTINE (USA 2011)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. BLUE VALENTINE
Laufzeit in Minuten. 112

Regie. DEREK CIANFRANCE
Drehbuch. DEREK CIANFRANCE . CAMI DELAVIGNE . JOEY CURTIS
Musik. GRIZZLY BEAR
Kamera. ANDRIJ PAREKH
Schnitt. JIM HELTON . RON PATANE
Darsteller. RYAN GOSLING . MICHELLE WILLIAMS . FAITH WLADYKA . JOHN DOMAN u.a.

Review Datum. 2011-06-29
Kinostart Deutschland. 2011-08-04

Filme über den Beginn einer Beziehung gibt es viele, immerhin ist das Rom-Com-Genre wohl eines der profitabelsten überhaupt. Auch BLUE VALENTINE zeigt uns die frühe Phase einer Beziehung, das erste Verlieben und die erste Krise, aus der man gestärkt hervorgeht. Das kontrastiert Regisseur und Co-Autor Derek Cianfrance allerdings mit den letzten 24 Stunden der Beziehung und bricht so die typische Liebesfilm-Formel auf. Im Mittelpunkt stehen Dean (Ryan Gosling) und Cindy (Michelle Williams), er ein junger Schulabbrecher, der für eine Umzugsfirma arbeitet und musikalische Ambitionen hat, sie eine Medizin-Studentin. Zwischen ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart springt der Film ständig hin und her und stellt Schlüsselmomente der Beziehung einander gegenüber.

BLUE VALENTINE ist ein perfektes Beispiel dafür, wie sich Form und Inhalt ergänzen können. Die unterschiedlichen Zeitebenen werden durch die Wahl unterschiedlicher Kamerasysteme - 16mm für die Vergangenheit, die moderne Digitalkamera RED für die Gegenwart - visualisiert. Der grobkörnige, romantisch-verklärte Look der Vergangenheit steht so im Kontrast mit den hochauflösenden, harten Bildern der Gegenwart. Zusätzlich haben die Hauptdarsteller in einer sechswöchigen Drehpause zwischen den beiden Zeitebenen optische Veränderungen (Haare, Gewicht etc.) vornehmen können, was einen authentischen Eindruck von der zwischen Anfang und Ende der Beziehung verstrichenen Zeit erzeugt und den Kontrast weiter verschärft.

Alle künstlerischen Spielereien sind also kein Selbstzweck, sondern unterstützen den Inhalt und die vermittelten Emotionen - verlangen dem Zuschauer aber auch etwas ab: BLUE VALENTINE wirkt nicht homogen, stilistisch wie emotional nicht einheitlich. Sich nach einem Szenenwechsel in die neue, oft völlig gegensätzliche emotionale Situation einzufühlen, ist nicht immer leicht - zumal Anspielungen in der Gegenwart oft erst durch die nächste erklärende Rückblende zu verstehen sind. Für den Gesamteindruck ist aber genau dies wichtig: Nur durch die oft direkte Gegenüberstellung emotionaler Extreme sind am Ende beide Figuren nachvollziehbar. Die letzte Szene entwickelt in ihrer emotionalen Taubheit gerade im Vergleich mit den zuvor gezeigten Höhe- und Tiefpunkten eine traurige Intensität.

Was bei all dem naturgemäß fehlt, ist eine echte Entwicklung, ein sich nach und nach entfaltender Plot. BLUE VALENTINE dekonstruiert die Beziehung nicht, wie es beispielsweise - wenn auch in völlig anderem Stil - (500) DAYS OF SUMMER tat, sondern kennt nur schwarz und weiß, die euphorische, junge Liebe, die jedes Drama (eindringlich dargestellt in einer Szene in einer Abtreibungsklinik) übersteht und das destruktive, schmerzhafte Zerfallen einer Beziehung. Auf die Dauer ist das ein wenig ermüdend und vielleicht hätte es BLUE VALENTINE gut getan, hätte man ihn um 20-30 Minuten gekürzt, kompakter und so vielleicht noch eindringlicher gemacht.

Doch BLUE VALENTINE funktioniert: als Drama über die Extreme der Liebe, als Gegenentwurf zu jeder Rom-Com, die mit dem romantischen ersten Kuss endet und als großes Schauspielkino mit Darstellern, die ganz in ihren Rollen aufgehen und die emotionale Intensität vieler Szenen mühelos tragen. Er mag dabei ein wenig anstrengen, doch er belohnt den Zuschauer mit einem authentischen Drama, das gekonnt mit Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen bricht.











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