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BLOOD AND BONES (Japan 2004)

von Thorsten Hanisch

Original Titel. CHI TO HONE
Laufzeit in Minuten. 144

Regie. YOICHI SAI
Drehbuch. WI-SHING CHONG . YOICHI SAI . SOGIL YAN
Musik. TAROH IWASHIRO
Kamera. TAKESHI HAMADA
Schnitt. YOSHIYUKI OKUHARA
Darsteller. TAKESHI KITANO . KYOKA SUZUKI . HIROFUMI ARAI . TOMOKO TABATA u.a.

Review Datum. 2005-04-15
Kinostart Deutschland. direct-to-video

Mit einer der ersten Auswandererwellen kommt im Jahre 1920 auch Shun-pei auf der Suche nach einem besseren Leben von Korea nach Osaka. Doch das Leben im koreanischen Ghetto von Osaka ist hart und gekennzeichnet von Armut und schwerer Arbeit. Besonders für seine Familie und für seine Angestellten, mit denen er versucht, eine Fischfabrik aufzuziehen, ist das Leben kein Zuckerschlecken, denn Shun-pei, der mit Vorliebe rohes Schweinefleisch verspeist, ist ein bis ins Mark verbitterter, hasserfüllter Mensch, der keine Gelegenheit auslässt, seine Umgebung zu terrorisieren. Er vergewaltigt und schlägt seine Ehefrau und scheut sich auch nicht davor, diese öffentlich zu schikanieren, indem er sich eine japanische Geliebte zulegt und diese in greifbarer Nähe einquartiert.

Das einzige, was ihn noch mehr interessiert als Sex, ist Geld - und das bekommt besonders seine Gattin zu spüren, denn selbst als diese an Krebs erkrankt, rückt der inzwischen zum erfolgreichen Kredithai gewordene Misanthrop nicht mit den finanziellen Mitteln für eine Behandlung raus, denn – so seine lapidare Begründung - sterben wird sie ja so oder so.

Das Leben mit dem immer einflußreicher werdenden Tyrannen hinterlässt in der Psyche seiner Liebsten tiefe Narben. Als Tochter Hanako in ihrer Ehe mit Gewalt konfrontiert wird, wählt sie den Freitod. Doch selbst das hält Shun-pei nicht davon ab, die Beerdigung in einem gewalttätigen Desaster enden zu lassen.
Mit zunehmendem Alter schwinden aber auch die Kräfte des größten Diktators. Dem Egomanen steht ein einsames und trostloses Ende bevor...

BLOOD AND BONES ist die Verfilmung eines Buches von Yan Sogiru, der darin das Leben seines Vaters schildert. Da mir das Buch unbekannt ist, kann ich hier natürlich keine Vergleiche ziehen, aber so oder so ist Yoichi Sais Film ein epochales, meisterhaft umgesetztes Werk, welches mit Abstand zu den besten Filmen der letzten Zeit zählen kann und - ausnahmsweise mal - sämtliche bisher gewonnenen Preise (u.a bei der 59th Mainichi Film Competition und dem 47th Blue Ribbon Awards) und Preisungen der Kritik (einer der zehn besten Filme des Jahres bei Kinema Junpo und laut Mark Schilling der beste japanische Film 2004) völlig zu Recht kassiert hat.

Auf eindringliche, völlig unsentimentale Art und Weise schildert BLOOD AND BONES das Leben unter einem Patriarchen, wie es unmenschlicher nicht sein kann und zeigt wie sehr ein solches Leben Einfluss auf die Zukunft nimmt. Dankenswerterweise nimmt sich Yoichi dafür recht viel Zeit und schildert die Entwicklung seiner Charaktere nachvollziehbar und glaubwürdig (wenngleich bei einigen etwas fragmentarisch, doch dazu später mehr). Gleichzeitig wird aber auch das Leben eines Mannes porträtiert, der nur dafür lebt, seine Grundbedürfnisse zu befriedigen und dies mit – bis ins hohe Alter - rücksichtslosem Egoismus und äußerster Aggression auch tut. So ist Shun-pei die einzige Figur, die so gut wie keine Entwicklung durchmacht, weder psychisch noch emotional, was aber auch kennzeichnend für seine Primitivität und seine daraus resultierende Unmenschlichkeit ist.
Einzig bei der Beerdigung der Tochter gibt es einen überraschenden und trotz aller barbarischen Züge der Figur recht anrührenden Moment, als das Monster erkennt, dass seine Kräfte schwinden.

Allerdings muss bei soviel Sonnenschein auch gesagt werden, dass man doch gerne erfahren würde, wieso die Hauptfigur solch ein Unmensch ist. Über Hintergründe und etwaige Motivation des Shun-pei erfährt man überhaupt nichts. Einerseits ist das vielleicht gut so, denn eine lapidare "Böse Kindheit"- Erklärung (wie sie uns so viele Filme unterjubeln) würde die Faszination an der widerwärtigen Figur mit Sicherheit zerstören, anderseits hätte eine behutsame, zumindest ansatzweise Ausleuchtung der Figur Shun-pei vielleicht noch ein bisschen plastischer gemacht.
Des Weiteren ist BLOOD AND BONES recht episodenhaft strukturiert und spult seine Geschichten fast schon zu schnell ab. So geschieht einiges, wie z.B. der gewalttätige Ausbruch des Ehemanns von Hanako etwas zu rasch oder es wird kaum klar, wieso Shun-peis Ehefrau Yonhi es eigentlich überhaupt die ganzen Jahre über bei ihm aushält. Ein Director's Cut wäre hier vielleicht ausnahmsweise mal wirklich willkommen.

Doch auch in dieser Form ist dieser Film einfach eine Pflicht: Die Kamera-Arbeit von Takeshi Hamada ist großartig und serviert eindringliche Bilder, die ohne allzu ausschweifende Fahrten oder irgendwelche modischen Gimmicks auskommen und die unheilschwangere, gewalttätige Atmosphäre unterstützt vom genialen Soundtrack Iwashiros perfekt transportieren. Die Darsteller sind eigentlich alle gut, aber Takeshi Kitano als Shun-pei ist die wahre Bank und auch die eigentliche Säule des Films. Kitano schafft es, seiner Figur eine Intensität zu verleihen, die einen auch nach dem Ende noch verfolgt.
Er spielt das fickende, saufende, prügelnde Ungeheuer perfekt, hält aber jederzeit die Balance und übertritt nie die Grenze zur Karikatur. Besonders deutlich, wie wahnsinnig gut Kitano eigentlich ist, wird es bei der oben erwähnten Szene auf der Beerdigung, als es ihm gelingt, aus der Bestie urplötzlich für kurze Zeit einen hilflosen alten Mann zu machen, mit dem man fast schon wieder Mitleid empfindet.

Zum Schluss bleibt mir nur noch eins festzuhalten: BLOOD AND BONES ist nicht nur eine Empfehlung, sondern BLOOD AND BONES muss einfach gesehen werden.











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