AFTER DARK Film TALK Facebook Twitter

das manifest¬  kontakt¬  impressum¬  verweise¬  übersicht¬ 
[   MEINUNGSMACHER  |   GEDRUCKTES IST TOT  |   KAPITELWAHL  |   UNENDLICHE TIEFEN
   MENSCHEN  |   GESPRÄCHE  |   FEGEFEUER DER EITELKEITEN  |   MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN   ]
MEINUNGSMACHER

BLIND SIDE - DIE GROSSE CHANCE (USA 2009)

von Florian Lieb

Original Titel. THE BLIND SIDE
Laufzeit in Minuten. 128

Regie. JOHN LEE HANCOCK
Drehbuch. JOHN LEE HANCOCK . MICHAEL LEWIS
Musik. CARTER BURWELL
Kamera. ALAR KIVILO
Schnitt. MARK LIVOLSI
Darsteller. SANDRA BULLOCK . QUINTON AARON . TIM MCGRAW . JAE HEAD u.a.

Review Datum. 2010-03-15
Kinostart Deutschland. 2010-03-25

Hin und wieder begegnet man einem Film, der auf wahren Begebenheiten beruht. Mal mehr, mal weniger. Dass ein Film jedoch noch den Zusatz anfügt, dass es sich um eine "wunderbare" wahre Geschichte handelt, ist eher selten. Und insbesondere verwunderlich, dass sich jener urteilende Zusatz nur auf dem Plakat wiederfindet, nicht jedoch als Einblendung - wie sonst oft üblich - zu Beginn des Filmes selbst. Vielleicht, weil es eines solchen Zusatzes in den USA nicht bedarf, für den deutschen Kinogänger jedoch auf dem Poster hilfreich ist. Denn in Deutschland wird kaum einer die Geschichte von Michael Oher kennen, geschweige denn Michael Oher selbst. Oher, ein afroamerikanischer Football-Spieler der Baltimore Ravens, wurde mit 17 Jahren von einer weißen Familie aufgenommen, die ihn dabei unterstützte, seinen Notendurchschnitt zu verbessern und ihm dadurch seine heutige Karriere ermöglichte. Ein auf die Tränendrüsen drückendes soziales Sportdrama, wie man es eigentlich primär von Disney kennt, auch wenn BLIND SIDE von Warner Bros. vertrieben wird.

Im Film schlüpft Quinton Aaron in die Rolle von Oher, dem Sohn einer Cracksüchtigen, ausgestattet mit einem IQ von 80. Ein Freund seiner Familie will seinen Sohn in einer christlichen High School unterbringen. Fernab von seinem eigenen Problemviertel voller Junkies und Möchtegern-Gangster. Und weil Michael "Big Mike" Oher ein netter und friedliebender Kerl ist, darf er gleich mitkommen. Der Schulcoach setzt Ohers Aufnahme schließlich durch. Unter dem Vorwand christlicher Nächstenliebe, dabei jedoch mehr auf Ohers sportliches Potential schielend. Fortan ist Oher der token black guy einer Schule, die ihn eigentlich nicht will, da sie nicht an ihn glaubt. Dabei muss Oher lediglich mit offenen Armen empfangen werden, damit auch er sich allmählich öffnet. So wie von Leigh Anne Tuohy (Sandra Bullock), einer weißen Innenaustatterin aus der Oberschicht von Memphis, Tennessee. In einer kalten Nacht richten sie und ihre Familie Oher das Sofa zum Schlafen her. Und aus einer Nacht werden zwei Jahre. "You're changing that boy's life", stellt eine von Leigh Annes upper class girlfriends schließlich fest. "No, he's changing mine", entgegnet diese mit reichlich Drehbuch-Kitsch obenauf.

John Lee Hancocks BLIND SIDE startet zeitgleich mit Lee Daniels' PRECIOUS. Beide Filme erzählen von übergewichtigen afroamerikanischen Jugendlichen um die 17, die unter ihrer sozialen Herkunft zu leiden haben. Wo Daniels' in seinem Film die Weißen rar sät, stellt Quinton Aaron in Hancocks Film das dar, was Bullocks Figur im Film als "Fliege im Milchglas" bezeichnet. Während PRECIOUS von dem harten Kampf einer Jugendlichen erzählt, die gemeinsam mit anderen bildungsschwachen Mädchen versucht, aus ihrem Alltag ausbrechen zu können und der häuslichen Gewalt zu Hause zu entfliehen, geht BLIND SIDE einen anderen Weg. Hier wird das Problem nicht vor Ort behoben, sondern durch Outsourcing verlagert. Beide Filme basieren auf Büchern, wobei es sich bei Michael Lewis' Werk um eine Art Biographie und bei Sapphire um einen Roman handelt. Dennoch hadern beide mit demselben Problem. Ihrem latenten Rassismus. In Hancocks Film sicherlich ungewollt, wird doch nur die wahre Geschichte von Michael Oher nacherzählt. Der Eindruck, den der Film hinterlässt, merzt das jedoch nicht aus.

Stammt PRECIOUS von einem afroamerikanischen Regisseur mit afroamerikanischen Produzenten wie Oprah Winfrey und Tyler Perry und einem afroamerikanischen Ensemble, so ist bei BLIND SIDE genau das Gegenteil der Fall. Hier ist das Ensemble vorwiegend weiß, wie auch der Regisseur selbst. Die Handlung, unabhängig davon, dass sie wahr ist, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Schließlich erweckt der Film, auch dank seiner Ausleitung, den Eindruck, dass alles was ein afroamerikanisches Problemkind braucht, eine reiche weiße Familie ist, die es adoptiert, ihm ein Dach über den Kopf, Klamotten und einen Jeep zum 18. Geburtstag schenkt. Sieht man von dem Vater und seinem Sohn zu Beginn ab - ihre Beziehung zu Oher wird nie wirklich geklärt, wie man auch ebenjenen Sohn später nicht mehr auf der weißen Schule sieht - sind die einzigen anderen Afroamerikaner, die es im Film zu sehen gibt, Ohers cracksüchtige Mutter, die Gang in seinem Wohnviertel und eine Ermittlerin des Sportverbandes, die Oher zu Beginn beziehungsweise zum Schluss bedroht.

Was Leigh Anne und Sean Tuohy für Michael Oher getan haben, ist aller Ehren wert, kann sich auf der Leinwand jedoch nicht jenes subtilen Rassismus' und white-guilt-Charakters erwehren, der unabdingbar mit dieser Geschichte einhergehen muss. Nicht jedes Problemkind einer Minderheit kann von reichen Weißen adoptiert werden und nicht jedes von reichen Weißen adoptierte Problemkind einer Minderheit landet letztlich in der NFL, NHL, NBA oder wo auch immer. Die Geschichte von Oher ist wunderbar, aber sie ist in dieser Form vermutlich auch einzigartig und nicht zwingend reproduzierbar. Etwas, das der Film in seinen Schlussbildern jedoch zu behaupten versucht. Es ist ein Problem, dem BLIND SIDE zumindest auf der großen Leinwand kaum entgehen konnte. Zu beladen sind hier die Bilder und die durch sie heraufbeschworenen Emotionen. Es ist, wie angesprochen - und damit im Gegensatz zu PRECIOUS - ein ungewollter latenter Rassismus. Sieht man von diesem ab, bleibt unterm Strich ein oftmals bewegendes und berührendes Drama, das unterhält.

Ein Drama, das voll und ganz vom Schauspiel einer Sandra Bullock lebt, die hier die Leistung ihres Lebens abruft. So überzeugend wie hier spielte sie zuletzt vielleicht in WÄHREND DU SCHLIEFST, ein Film, der bereits 15 Jahre zurück liegt. Bullock trägt den Film mit ihrer Mutter-Teresa-Figur plus Südstaaten-Akzent. Die anderen Darsteller können hier nur Stehen und Staunen, lediglich Kathy Bates vermag in ihrer kleinen Nebenrolle Bullocks Leistung standzuhalten. Aaron selbst schlägt sich wacker, hat jedoch mit verschüchtert Schauen und gelegentlich freundlich Lächeln auch einen leichten Part abgekommen. So verkommt BLIND SIDE am Ende zu einem gelegentlichen kitschigen, grundsätzlich jedoch annehmbaren Sportdrama über eine bemerkenswerte Tat und ein daraus entstandenes bemerkenswertes Resultat, getragen von einer überzeugenden und nahezu alles überstrahlenden Hauptdarstellerin.











AFTER DARK Film TALK | Facebook | Twitter :: Datenschutzerklärung | Impressum :: version 1.11 »»» © 2004-2018 a.s.