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BLAU IST EINE WARME FARBE (Frankreich/Belgien/Spanien 2013)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. LA VIE D'ADÈLE
Laufzeit in Minuten. 179

Regie. ABDELLATIF KECHICHE
Drehbuch. ABDELLATIF KECHICHE . GHALIA LACROIX
Musik. nicht bekannt
Kamera. SOFIAN EL FANI
Schnitt. GHALIA LACROIX . ALBERTINE LASTERA . CAMILLE TOUBKIS
Darsteller. ADÈLE EXARCHOPOULOS . LÉA SEYDOUX . AURÉLIEN RECOING . CATHERINE SALÉE u.a.

Review Datum. 2013-12-10
Kinostart Deutschland. 2013-12-19

Ausgehend von den vielen, vielen Interviews und Artikeln, die man seit seiner Aufführung in Cannes über den Film zu lesen bekam, den Streitereien zwischen Regisseur Abdellatif Kechiche und den Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und besonders Léa Seydoux (die erklärte, sich am Set "wie eine Prostituierte" gefühlt zu haben) sowie vor allem den Reaktionen auf die expliziten lesbischen Sexszenen des Films - irgendwo zwischen Empörung, Freude über die (angebliche) Repräsentation lesbischer Sexualität, und Erregung - erwartet man bei BLAU IST EINE WARME FARBE einen sperrigen, kontroversen, gewagten Film, der den Zuschauer (über-)fordert mit seiner schonungslosen Offenheit. Oder so ähnlich. Insofern ist es schon wieder bemerkenswert, dass BLAU IST EINE WARME FARBE über weite Strecken vor allem Gewöhnlichkeit zelebriert.

Kechiche begleitet seine Protagonistin, die zu Beginn des Films etwa 15jährige Adèle (Exarchopoulos), von ihrer Schulzeit bis zu den Anfängen ihrer beruflichen Laufbahn als Lehrerin. Im Zentrum steht dabei ihre Beziehung zur ein paar Jahre älteren Emma (Seydoux), doch wir lernen Adèle eine ganze Weile bevor sie Emma trifft kennen und begleiten sie noch, nachdem die Beziehung lange vorbei ist. Doch trotz 179 Minuten (!) Laufzeit hat BLAU IST EINE WARME FARBE etwas elliptisches, episodenhaftes. Das liegt daran, dass Kechiche, gerade in der ersten Hälfte des Films, es sich offenbar zur Aufgabe gemacht hat, jede Facette von Adèles Dasein, jede ihrer Handlungen und Bewegungen, jede Regung ihres Gesichts, einzufangen, auszukosten und mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander zu stellen (und daher in der zweiten Hälfte geradezu dazu gezwungen ist, gewisse Lücken zu lassen, um die Laufzeit des Films nicht noch weiter aufzublähen).

Die großen, prägenden Momente und die kleinen, alltäglichen sind gleichermaßen wichtig für Kechiche, er inszeniert sie alle mit der gleichen Detailverliebtheit und dem gleichen Bedürfnis nach Authentizität, und immer klebt die Kamera geradezu an Exarchopoulos' ausdrucksstarkem Gesicht, damit Kechiche (und dem Zuschauer) auch ja keine Gefühlsregung entgeht. Das ist ein wenig anstrengend - wie viele Nahaufnahmen seiner Hauptdarstellerin mit soßenverschmiertem Mund beim Spaghettiessen oder offen stehendem, leicht sabberndem im Schlaf braucht ein Film wirklich? - aber, in den Momenten, wo es drauf ankommt, eben auch die große Stärke des Films: Als klassische Coming-of-Age-Romanze bietet BLAU IST EINE WARME FARBE erst einmal nichts neues und es ist Kechiches Inszenierung, die unzählige Male auf der Leinwand gesehene Momente - die zaghaften Annäherungen, das unbeholfene Flirten, der erste Kuss, später, wenn die Beziehung zu zerbrechen droht, die Eifersucht und die schmerzverzerrten Gesichter im Streit - aufs Neue spürbar macht und ihnen eine selten dagewesene Intensität verleiht. Jeder Blick, jede Berührung ist mit Bedeutung aufgeladen und Kechiche lässt sie alle einzeln wirken.

Ein konventioneller, aber gut inszenierter Coming-of-Age-Film also - das beschreibt BLAU IST EINE WARME FARBE über weite Strecken, es macht den Film sehenswert, aber erstmal wenig bemerkenswert (oder zumindest nicht so spektakulär, wie man nach der Vorab-Berichterstattung erwartet hatte). Aber da sind eben doch einige Szenen, die herausfallen und die, aus unterschiedlichen Gründen, die Diskussion um den Film dominiert haben. Also, let's talk about sex.

Grundsätzlich macht das natürlich alles Sinn: Kechiche will das Leben im Allgemeinen und Adèles Beziehung zu Emma im Besonderen in allen Facetten, inklusive Alltäglichem und (scheinbar) Banalem, abbilden und natürlich gehört auch Sex dazu. Und eigentlich ist es ja auch durchaus zu begrüßen, dass lesbischer Sex auf der Leinwand, in einem Film, der durchaus ein breites Publikum ansprechen könnte, repräsentiert wird. Doch es gibt einen nicht unwesentlichen Unterschied zwischen den Sexszenen und dem Rest des Films: Während - abgesehen von einzelnen romantisch-stilisierten Momenten - Kechiches Fokus im Großteil des Films auf Authentizität und Realismus liegt (und dafür, siehe alle Szenen, in denen Adèle isst, auch eine gewisse, naja, vielleicht nicht Hässlichkeit, aber doch ein natürlicher, aber leinwand-untypischer Mangel an Eleganz zugelassen wird), wirken die Sexszenen wie die Abbildung von Fantasie, und zwar weniger der Fantasie der Protagonisten als vielmehr der des Regisseurs. Sie wirken eben wie das, was sie sind, nämlich lesbische Sexszenen inszeniert von einem heterosexuellen Mann. (Nun sage ich dies natürlich ebenfalls als heterosexueller Mann, meine Kompetenz ist hier also begrenzt, doch ich habe (nicht nur) Julie Maroh, die Autorin der Comic-Vorlage zum Film, auf meiner Seite, die ebenfalls die Sexszenen kritisierte und anmerkte, dass es dem Film gut getan hätte, wenn tatsächlich die ein oder andere lesbische Frau am Set gewesen wäre.)
Es scheint eben doch der male gaze zu sein, gemäß dem Kechiche seine Protagonistinnen beim Sex in Szene setzt, was wiederum ein ungünstiges Licht auf einige der anderen Szenen des Films, wie beispielsweise die erwähnten, zahlreichen Momente, in denen wir Adèle im Schlaf beobachten, wirft. Hinzu kommt eine längliche Szene, in der ein Freund Emmas auf einer Party im gemeinsamen Heim der beiden einen langen Monolog über den "mystischen" weiblichen Orgasmus hält, eine Idee, der Feministinnen nun schon seit Jahrzehnten entgegenwirken und die hier nicht einmal hinterfragt wird.

Das alles nimmt BLAU IST EINE WARME FARBE nichts von seinen Qualitäten. Es bleibt ein größtenteils gut inszenierter, brillant gespielter Film mit vielen kraftvollen, einprägsamen Momenten - aber eben einer mit einem unangenehmen Beigeschmack. Das sollte niemanden davon abhalten, den Film anzusehen, aber doch dazu aufrufen, ihn zu hinterfragen.











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