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BLACK GOLD (Frankreich/Italien 2011)

von David Leuenberger

Original Titel. BLACK GOLD
Laufzeit in Minuten. 130

Regie. JEAN-JACQUES ANNAUD
Drehbuch. JEAN-JACQUES ANNAUD . MENNO MEYJES
Musik. JAMES HORNER
Kamera. JEAN-MARIE DREUJOU
Schnitt. HERVÉ SCHNEID
Darsteller. TAHAR RAHIM . MARK STRONG . ANTONIO BANDERAS . FREIDA PINTO u.a.

Review Datum. 2012-02-09
Kinostart Deutschland. 2012-02-09

Über BLACK GOLD in einer konventionellen Weise zu berichten ist ein völlig hoffnungsloses Unternehmen. Dafür ist Jean-Jacques Annauds neues Werk über den Kampf zweier verfeindeter arabischer Stämme um ein neutrales Gebiet mit Erdölvorkommen einfach viel zu verblüffend. Daher erfolgt die Würdigung dieses wirklich erstaunlichen Films in einigen kurzen Ausführungen zu zehn Mottos, die natürlich nur bruchstückhaft dieses unglaubliche Seherlebnis zu widerspiegeln vermögen.

Am Anfang war das Wort - und nicht das Bild: und die einführenden Worte erschienen in Pseudo-Arial, und sie wurden dann in Form kleiner Partikel weggeweht und zwar genau so wie der Sand in der heißen arabischen Wüste. Ein Schelm, wer sich dabei an schlechte Powerpoint-Präsentationen mit peinlichen Effekten erinnert fühlt. Weitere hochgradig bedeutungsschwangere Text-Einblendungen (z.B. "Jahre später"), diesmal in Pseudo-Times-New-Roman und ohne Sand-Effekt, zeugen sowohl von der fast grenzenlosen Phantasie und künstlerischen Vielseitigkeit der Macher wie auch von ihrer Bereitschaft, keinerlei Mühen und Kosten zu sparen.

"Good Camel, Bad Actor" ist das neue "Good Cop, Bad Cop": Der Franzose Tahar Rahim in der Rolle des Prinzen Auda kann mit einer erstaunlich breiten Palette an mimischer Expression brillieren - zwischen dem leicht verdatterten und dem sehr stark verdatterten Gesichtsausdruck ist er zu jeglicher Nuance fähig. Seine Filmpartnerin, Freida Pinto (als verführerische Prinzessin Leyla) ist ein wahrer Augenschmaus, und kann Rahim schauspielerisch locker das Wasser reichen. Unübertrefflich ist jedoch das Schauspiel des Kamel-Ensembles: Mit einem solchen Körpereinsatz zu marschieren, Wasser zu trinken, und manchmal auf tragische Weise überfahren, erschossen, abgestochen, gesprengt und zerstückelt zu werden, ohne dabei dem Drang nach Overacting verfallen zu müssen, das kriegt nicht einmal das exzellente Pferde-Ensemble hin. Aber logisch: Der Regisseur von DER BÄR hat nunmal das besondere Feingefühl beim Umgang mit Tier-Schauspielern.

Pimp My Desert! Die Landschaftsbilder von BLACK GOLD, in Tunesien und im Katar gedreht, sind wahrlich opulent. Doch notfalls nimmt sich der manische Perfektionist Annaud auch die Freiheit, seine Wüstenbilder mit einem Hauch CGI zu verbessern. Und wenn bei einem Gesamtbudget von 55 Millionen US-Dollar dieser Eingriff so deutlich zu bemerken ist, dann war das sicherlich eine bewusste künstlerische Entscheidung. Und ganz bestimmt eine sehr weise!

Butter in den Ohren - und ein Finger im Hals: Schade, dass Maurice Jarre nicht mehr unter uns weilt, um die wundervolle Hommage an seinen Soundtrack von LAWRENCE VON ARABIEN hören zu dürfen. Dass der Verfasser an manchen Stellen von BLACK GOLD das Gefühl hatte, dass James Horner wohl ein paar Seminare "Harmonielehre" zu viel geschwänzt hat, soll hier niemanden betrüben - ich bin schließlich kein Musiker. Und dass der Film zusätzlich auch Ethno-Musik nutzt, die dem CD-Schrank von Ian "Ray" Raymond aus HIGH FIDELITY entstammen könnte, hätte Jarre bestimmt auch gefallen. Ethno-Musik zu einem Film, der in exotisch-orientalischen Ländern spielt - das gab‘s ja noch nie und ist wirklich sehr originell.

Shake It Baby: So meisterhaft die Landschaften, so stilsicher und effizient sind auch die Action-Sequenzen gefilmt. Die Kamera darf abwackeln und zoomen was das Zeug hält, und der Schnitt alle halbe Sekunde zuschlagen, damit auch ja niemand im Publikum nur die geringste Ahnung hat, wessen Schwert gerade wessen Birne absäbelt, wessen Gewehrkugel gerade wessen Brust zerfetzt, wessen Pferde und Kamele und Panzerwagen gerade wohin reiten bzw. fahren. Denn bekanntermaßen kann der Zuschauer sich ausschließlich dank dieser überaus raffinierten Stilmittel so fühlen, als wäre er "mittendrin" im Geschehen. Und genau darum soll es doch bei Action-Szenen gehen; nicht wahr?

Ein Mann muss in seinem Leben drei Sachen vollbringen: eine Palme pflanzen, einen Brunnen graben und einen Sohn zeugen. Du solltest mit dem leichtesten anfangen! [Anm. d. Verf.: natürlich ist letzteres gemeint!]: BLACK GOLD ist auch ein zutiefst philosophischer Film und strotzt geradezu von solchen tiefsinnigen Sätzen. Das verlangt vom Zuschauer zwar vollste Konzentration, ist aber im Ergebnis sehr lohnend. Denn der Gedankengang der Hauptfigur Auda, dass, wenn man Wasser sucht, man zum Meer gehen sollte, weil es da Wasser gibt, und dass dadurch, dass es am Meer Wasser gibt, auch Menschen dort wohnen, ist wirklich nicht alltäglich und regt zum Nachdenken an. [Anm. d. Verf.: für alle, die den Gedankengang nicht verstanden haben - einfach noch einmal lesen.]

Coming-of-age Annaud-style: Der Figur des Auda widmet BLACK GOLD eine besondere Aufmerksamkeit. Seine Entwicklung vom schwächlichen Bücherwurm zum heldenhaften politischen Aufstandsführer und genialen Militärstrategen ist konsequent und sehr glaubhaft inszeniert: vom freiwilligen Ablegen der ihn ganz offensichtlich als Intellektuellen brandmarkenden Brille bis hin zum Wachsen eines überaus mächtigen Bartes. Dieser sieht nur auf den ersten Blick aus wie ein mickriges Milchbubi-Dreitage-Kraut, aber schliesslich bescheinigt ihm doch Prinzessin Leyla hundertprozentige Männlichkeit. Der kleine Augenblick, wo Auda einen freigelassenen Gefangenen auf eine Art und Weise betatscht, die an seiner Liebe zu Leyla zweifeln lassen, fügt der überaus komplexen Hauptfigur eine weitere interessante, ja gar ambivalente Dimension hinzu.

Deus Ex Imbecillitas und andere magische kleine Tricks: Die schiere Detailverliebtheit Annauds ist atemberaubend. Symbolschwer im Himmel kreisende Falken, schwangere Frauen die sich mit beiden Händen den runden Bauch halten, damit der Nachwuchs auf keinen Fall unerwartet rausrutscht: Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Darunter finden sich auch witzige Augenblicke, die selbst vor dem guten alten Fäkalhumor keinen Halt machen, ohne dabei im geringsten vulgär zu werden: als ein texanischer Ölingenieur dem Fürsten Nesib (gespielt von einem wirklich sehr beeindruckenden Antonio Banderas!) sein Vorhaben zur Ölbohrung erläutert, ist er angesichts der fürstlichen Erhabenheit so geniert und nervös, dass er einen Reizdarm-Anfall bekommt. Die beeindruckende Gesichtsgymnastik des Darstellers macht seinen plötzlichen Stuhldrang auch nonverbal deutlich und sorgt zugleich für eine sehr skurrile, humorvolle und auflockernde Situation in einem ansonsten doch meist ernsthaften Film.

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Eine halbe Stunde nach Filmbeginn hofft der Zuschauer inbrünstig, dass der HD-Projektor explodiert. Ist nicht passiert... Dann, dass die Drehbuchautoren (denn für einen solch vielschichtigen Film brauchte es mindestens zwei!)sich vielleicht doch noch an die Grundlagen von Erzähldramaturgie erinnern. Ist auch nicht passiert... Dann blieb nur zu hoffen, dass der Film einfach noch lächerlicher wird, als er ohnehin schon ist. Und tatsächlich: die Gebete wurden erhört!

Aaaaahhhhhggggghhhhh - Lieber ein Ende nach dem ganzen Schrecken als... BLACK GOLD ist der absolut ultimative Film für Leute, die sich schon immer dringend die Frage gestellt haben, wie es wohl wäre, wenn der Regisseur von Meisterwerken wie DER NAME DER ROSE, DER BÄR, AM ANFANG WAR DAS FEUER und COUP DE TÊTE einen lächerlichen und kitschigen Lawrence-von-Arabien-Verschnitt mit Antonio Banderas drehen würde.











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