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BATTLESHIP (USA 2012)

von Andreas Günther

Original Titel. BATTLESHIP
Laufzeit in Minuten. 130

Regie. PETER BERG
Drehbuch. ERICH HOEBER . JON HOEBER
Musik. STEVE JABLONSKY
Kamera. TOBIAS A. SCHLIESSLER
Schnitt. COLBY PARKER JR.BILLY RICH.PAUL RUBELL.
Darsteller. TAYLOR KITSCH . BROOKLYN DECKER . ALEXANDER SKARSGÅRD . LIAM NEESON . RIHANNA u.a.

Review Datum. 2012-04-11
Kinostart Deutschland. 2012-04-12

Aliens greifen die Erde an, aber nicht die Menschen sind ihre Ziele, sondern die elektronischen Systeme. BATTLESHIP gelingt das Kunststück, dem Publikum ein packendes Spektakel zu schenken und gleichzeitig dem Gegner eine Ethik zuzugestehen. Die actiongeladene Science-Fiction wird vielstimmiger und attraktiver. Im Kampf um eine bessere Zukunft wirken Amerikas Filmemacher dennoch einigermaßen ratlos.

Im blaugrünen Meer vor Hawaii schwimmt ein Hai. Zu seinem 100. Geburtstag, auf den ein Schriftzug im Vorspann hinweist, zitiert das Studio Universal Pictures einen seiner größten Erfolge, Steven Spielbergs DER WEISSE HAI. Aber diesmal geht die Bedrohung von dem aus, woran der große Fisch vorbei gleitet. Das Team um Production Designer Neil Spisak, der schon die Welt von SPIDER MAN und seinen Nachfolgern einrichtete, erschuf ein mysteriöses, schachtartiges Gebilde. Es fällt vom Himmel und versinkt im Meer. Es formt sich zu einem amphibischen Panzerwesen, halb Schiff, halb Reptil. Es erzeugt ein Kraftfeld wie eine riesige Käseglocke, an dem Kampfflieger zerschellen. Es birgt Kanonen in sich, die Schiffe mit Granaten beschießen und zur Explosion bringen, und wirft gigantische, intelligente Kettensägen aus, die überall auf der Welt durch Highways und Wolkenkratzer eine Spur der Verwüstung ziehen. Und es sendet metallbewehrte Gestalten mit Helmen wie Insektenköpfe aus, die, wie ein Wissenschaftler im Film bemerkt, wie spanische Konquistadoren die fremde Erde in Besitz nehmen.

Das ist die Keimzelle der globalen Bedrohungslage, auf der Regisseur Peter Berg seine souveräne Inszenierung aufbaut, so sicher in seinen Fresken wie in seinen Mi-niaturen, gestützt auf das gut dosierte Drehbuch von Erich und Jon Hoeber mit einem lückenlosen Spannungsbogen und tiefem Respekt vor Leben und Tod, dass damit fast das Genre umcodiert wird. BATTLESHIP basiert auf dem recht simplen Strategiespiel ‚Schiffe versenken'. Berg hätte sich darauf beschränken können, gigantische Treffer und brennende Schiffe zu zeigen. Doch er will mehr und kann mehr. Von Anfang an. Was zunächst aussieht wie die schlecht imitierte Werbung für ein Lifestyle-Getränk, wächst sich aus zu einer absolut absurden Brautwerbung der männlichen Hauptfigur um Samantha "Sam" Shane (Brooklyn Decker), die leicht das Leben hätte kosten können. Alex Hopper, gespielt von Taylor Kitsch, stellt sich als ironischer Held vor. Er ist athletisch und gebildet, aber ein Nonkonformist aus Veranlagung und Ungeschicklichkeit, der sich in seinen Anläufen zur Selbstdisziplinierung und Selbstkonditionierung heillos verheddert. Das erinnert an die römischen Komödien von Plautus wie an die Rollen des jungen Johnny Depp. Wenn jemand wie dieser Alex Hopper, der doch eigentlich nur auf Sam, die Tochter von Admiral Shane (Liam Neeson) scharf ist, auf Drängen seines Bruders Stone (Alexander Skarsgård) in die Kriegsmarine eintritt, kann das für beide Seiten eigentlich nur verheerend sein.

Klingt die Exposition noch wie eine milde Version von Peter Bergs tiefschwarzem Regiedebüt VERY BAD THINGS (1998), brilliert der überwiegende Teil von BATTLESHIP doch mit ‚no nonsense filmmaking'. Erkenntnisse über das Vorhandensein einer zweiten Erde und Versuche, mit ihr Kontakt aufzunehmen, bilden die fast schon wissenschaftliche Grundlage. Die Tonlage der Dialoge ist nüchtern, weit entfernt vom karaokeartigen Einsatz von Flirt-Palaver inmitten von Kampfhandlungen, das in vielen Filmen des Genres das Töten sexy machen soll. Der bloße Funktionsträger Stone Hopper geht unter. Regelbrecher Alex kann sich im Kampf gegen die Aliens, die in ein internationales Seemanöver platzen, bewähren. Aber nur, weil seine Crew, in der auch R&B-Sängerin Rihanna eine Soldatin spielt, ihm nicht jeden Irrsinn durchgehen lässt, und er bereit ist, im kritischen Moment das Kommando mit seinem japanischen Rivalen Nagato (Tadanobu Asano) zu teilen. Testosteron-haltiges Sprücheklopfen wird auf ein Minimum beschränkt, ebenso der Hurrapatriotismus. Stattdessen nimmt sich Kameramann Tobias A. Schliessler Zeit für Fahrten durch das Therapiezentrum amputierter Kriegsveteranen, in dem Sam arbeitet.

Wie bei den Klassikern Howard Hawks und John Ford wird in BATTLESHIP das Kriegshandwerk als Lektion in Sachen Tapferkeit und Mut ausgewiesen. Das ist zu recht zu bezweifeln wenn nicht zurückzuweisen. Aber wie bei Hawks und Ford wird der Zuschauer auf Augenhöhe als jemand adressiert, der oder die ein unabhängiges Urteil fällen kann, das respektiert wird. Anders als in den letzten TERMINATOR-Sequels, in denen die Handlungsteile einander negieren, wird der Zuschauer nicht betrogen, denn in BATTLESHIP passiert wirklich etwas. Anders als bei den TRANSFORMERS wird keine hanebüchene Mythologie untergeschoben, sondern wirft Alex Hopper einen Blick in das malstromartige Auge des Außerirdischen, der ihm dessen zerrissene Seele zeigt. Im Gegensatz zu den Machwerken eines Michael Bay stilisiert die Kameraperspektive den Zuschauer weder zum Opfer der Attacke noch zum Komplizen des rachsüchtigen Gegenschlags, sondern lässt ihn eine Nische zwischen Objekt- und Blickachse besetzen, auch wenn Bild und Sound tief in die Sitzreihe drücken, die nicht aufhört zu vibrieren. BATTLESHIP ist nervenzerfetzend, aber intelligent, suggestiv, aber nicht propagandistisch.

Der Reiz von BATTLESHIP ist, dass es erlaubt ist, den Film anders zu sehen als seine Figuren. Es gibt darin Sekundenbruchteile einer Utopie des Zusammenlebens, wenn Außeriridische, verängstigte Menschen und, ja, Pferde, die am Wegesrand grasen, sich zu einer Gruppe zu formieren scheinen. Die Außerirdischen töten keine Menschen, wenn diese nicht von Elektronik umgeben sind oder sie angreifen. Die Akteure sagen es nicht, aber wir können es bezeugen. Wir sehen, dass eine der Kreissä-gen abrupt vor einem kleinen Jungen beim Baseballspielen anhält, nachdem dessen Auge und Herz-Kreislauf-System gescannt wurden. Wir sehen, dass ein Wissenschaftler einem Außerirdischen gegenübersteht und dennoch den Koffer mit Instrumenten mitnehmen kann, der das Schicksal der fremden Invasion besiegeln wird. Viele, viele Seemeilen entfernt ist BATTLESHIP da vom Alienabklatschen à la INDEPENDENCE DAY und den Gut-Böse-Schematismen Michael Bays. Wenn nicht sogar die ganze Mechanik militärischer Reaktionsweise selbst in Frage gestellt wird.

Auch nach 100 Jahren wirkt die Filmkunst bei Universal also höchst lebendig. Weni-ger gut scheint es um die Zukunft der USA bestellt. Der mathematischen Berechnung der Positionen des außerirdischen Gegners durch seinen japanischen Kollegen kann Captain Alex Hopper nur eine Rezeptur und Infrastruktur aus dem Jahre 1942 zur Seite stellen, als Krieg noch gerechtfertigt schien. Der Film vollzieht an dieser Stelle eine Wende ins unfreiwillig Komische, die einem größeren Problem als der Landung Außerirdischer geschuldet ist, aber die Gesamtwirkung kaum schmälert.











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